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Spaß mit DRM unter Linux

suna

Wer mich kennt weiß, dass ich auf meiner Kiste nur Linux habe. Von Windows habe ich mich vor langer Zeit verabschiedet, lediglich für die Dinge bei denen man mich zu Windows zwingt gibt es auf meiner Debian-Kiste eine virtuelle Maschine mit XP. Heute habe ich mich mal wieder teilweise zu Windows zwingen lassen und schuld daran ist ein Buch, welches kürzlich erschienen ist und leider hier in der Provinz Augsburg mit nur knapp 300.000 Einwohnern nicht in den großen Buchhandlungen erhältlich ist.

Das Buch heißt „Suna“ und kommt aus der Feder von Pia Ziefle. Pia kenne ich von Google+ und da sie auf ihr Buch aufmerksam machte und es auch von diversen anderen Bekannten wie z.B. @textzicke sehr gute Kritiken erhielt wollte ich das Buch natürlich mal lesen, damit ich nicht immer nur Fachbücher wälze.

Wie schon erwähnt ist meine Heimatstadt aber tiefste Provinz was die Verfügbarkeit von Büchern eher unbekannter Autoren angeht. Also habe ich mich entschlossen, diesen Roman als eBook für meinen Cybook Opus zu kaufen. Das gibt es bei Libri.de für nur knapp 15 Euro, man spart also gegenüber der Druckausgabe sogar noch Geld.

Der Haken an der Sache ist allerdings, dass dieses Buch mit DRM (Digital Rights Restrictions Management) vor mir als Kunden geschützt ist. Also brauche ich einen für mich gangbaren Weg um es auf meinen eBook-Reader zu bekommen. Der einfachste Weg wäre natürlich gewesen einen der immer noch in der Familie vorhandenen Windows-PCs zu hijacken und das Buch damit auf den Reader zu bringen, aber das wäre ja langweilig gewsen. Also habe ich es mal mit meinen Bordmitteln versucht.

1. Anlauf – Virtuelles XP

Grundgedanke war, dass ich ja per Virtual Machine Manager auch USB-Geräte an die virtuelle XP-Maschine durchreichen kann. Das hat mit einem einfachen USB-Speicherstick problemlos funktioniert, also habe ich dann mal Adobe Digital Editions runtergeladen und meinen virtuellen XP-Rechner für meine Adobe-iD registriert. Dann hieß es, den eBook-Reader anstöpseln damit dieser dann auch authorisiert werden kann. Soweit zur Theorie.

In der Praxis sah es leider so aus, dass in dem Moment in dem ich den Cybook Opus durchreichen wollte das virtuelle XP sich in die ewigen Jagdgründe verabschiedete. Und zwar so heftig, dass manchmal nur der Neustart des Linux-Host-Rechners als Ausweg übrigblieb. Natürlich hat der XP-Absturz mein System nicht in den Tod gerissen, aber XP wollte eben danach nicht wieder starten bis ich Linux wieder neu gestartet hatte.

2. Versuch – Wine

Per Google findet man in den Ubuntu-Foren den Hinweis, dass Adobe Digital Editions auch unter Wine (Wine is not an emulator) läuft, also der pseudeo-Windows-Laufzeitumgebung die es einem ermöglicht, Windows-Programme auch unter Linux laufen zu lassen.

Die erste Hürde ist hier das Beschaffen der Installationsdatei. Über die Adobe-Seiten der Digital Editions erhält man keinen normalen Download-Link sondern nur die Info, dass das System auf dem man arbeiten nicht ausreichend für die Systemvoraussetzungen ist. Klickt man aber auf die Technote die hier angegeben ist, dann erhält man eine Seite auf der auch ein direkter Download-Link für das Setup.Exe von Adobe Digital Editions vorhanden ist.

Jetzt kann man via „wine setup.exe“ dieses Programm ausführen und erhält dann tatsächlich ein lauffähiges Adobe Digital Editions in der Wine-Umgebung. Dann habe ich meinen Cybook Opus angestöpselt und gemounted (ist ja eigentlich nur ein USB-Massenspeicher). Danach Digital Editions nochmal gestartet und siehe da, der Reader wird erkannt und kann authorisiert werden. Das dauert gefühlt ca. 2 Minuten, aber an der blinkenden LED am Reader sieht man, dass tatsächlich was passiert.

Also dann, Buch bei libri.de kaufen und runterladen. Sollte ja nicht so schwierig sein.

Leider ist auch das wieder graue Theorie. Was ich von libri.de bekomme ist eine XML-Datei die ein paar Informationen zum Buch und wohl irgendwelche DRM-Schlüssel enthält. Also kein epub das man irgendwie anschauen kann.

Der Versuch, das in Wine installierte Digital Editions dazu zu bewegen, diese Datei zu nutzen um ein epub irgendwo runterzuladen scheiterte. Was nun?

3. Anlauf – Virtuelles XP wieder nutzen

Also habe ich mal diese Datei die bei mir als „urllink.bin“ abgespeichert wurde via SMB-Share auf das virtuelle Windows XP verschoben. Dort wollte ich sie im Explorer dann doppelklicken in der Hoffnung, dass danach Digital Editions was damit macht. Denkste, keine Reaktion.

Also habe ich dann eben nochmals den Download von Libri.de in der virtuellen Maschine angeklickt und zwar im allseits geliebten Internet-Explorer. Der fragt dann auch schön, ob ich die Datei öffnen will. Ja, will ich und ich muß ihm noch beibiegen, dass das mit Adobe Digital Editions zu geschehen hat. Und dann, oh Wunder habe ich kurz darauf das gewünscht Buch in Digital Editions auf dem virtuellen Windows. Das zugehörige epub liegt unter „Meine Dateien/MyDigitalEditions“ und ich kopiere es via SMB wieder in die Linux Welt.

4. Anlauf – Auf den eBook-Reader damit

Ich habe dann mal das Linux-Programm für eBooks, nämlich Calibre gestartet. Damit komme ich aber mit dem epub nicht arg weit, man kann es zwar importieren, aber nicht anschauen, eben weil es DRM hat.

Also wieder den Wine mit Adobe Digital Editions gestartet. Dann den Cybook verbunden und das gerade von Windows kopierte epub hier geöffnet. Alles ist da, ich kann es unter Wine lesen und auf den Reader schieben.

Geschafft. Nach nur ca. 2 Stunden Arbeit ist das Buch auf dem eBook-Reader.  Rechts seht ihr das Endergebnis.

Fazit: DRM ist nervig. Wenn ich bedenke, dass meine Fachbücher von O’Reilly alle blitzschnell (und noch dazu in verschiedenen Formaten) zum Runterladen sind und ebenso blitzschnell auf dem Reader sind weil sie eben kein verkrüppelndes DRM haben, dann weiß ich schon, warum ich dafür deutlich mehr Geld ausgebe als für DRM geschützte Romane. Ja, ich kann verstehen dass die Autoren ihr Geld wollen und ich gönne ihnen das auch, aber es ist trotzdem nicht nett, wenn der Kunde sozusagen unter Generalverdacht steht und man ihm künstliche Fesseln anelegt.

Aber egal, ich bin zufrieden, ich habe meinen Lesestoff für die nächsten Ruhestunden und Pia bekommt ihr wohlverdientes Honorar. Und wenn ich fertig bin auch eine Buchkritik hier im Blog.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Pingback: Reader Upgrade | König von Haunstetten

  2. Hi, Harte Torture. Ich bin dazu übergegangen ein altes Läppi zu benutzen. Quasi der Einkaufkorb für Ebooks. Aber der Generalverdacht gegen Kunden kommt ja ncht von ungefähr.
    In diesem Sinne noch viel Spaß

  3. Hallo und Danke für den Tip!
    Meine Frau hat vor einigen Wochen einen PocketBook Ebook-Reader geschenkt bekommen und heute haben wir das erste DRM Buch von libri.de online gekauft.
    Es war eine Tour-der-Leiden. ..
    Da wir in unserem Haus seit Jahren nur Linux verwenden, stand ich auch vor dem fast unlösbaren Problem, das gekaufte Buch auf dem Reader zu installieren. Dies klappte dann wirklich nur über den Umweg mit einem (noch) vorhandenen virtuellen XP.
    Diese DRM-Gängelung werden wir nicht mitmachen und lieber wieder auf gedruckte Werke umsteigen.

    DRM macht keinen Spaß.

    Grüße aus Ndby. und von meiner Frau, einer Ex-Friedbergerin