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Generation Xerox

Nachdem Juna und Pia Brandreden zur Bildungssituation in Deutschland verfasst haben möchte ich mich mal anschließen und auch ein wenig über unser Bildungssystem ablästern. Der Titel dieses Blogpostings mag auf den ersten Blick verwirren, aber ich beziehe mich dabei auf die Firma welche eine Erfindung vertreibt die unser modernes Schulsystem sozusagen total umgekrempelt hat.

Die Rede ist vom Fotokopierer. Ein Gerät dessen zugrundeliegende Technologie auch schon sehr alt ist und welches vom Erfinder damals der Firma IBM angeboten wurde welche dankend abgelehnt hat weil sich niemand vorstellen konnte, warum man eine Kopie eines Schriftstückes herstellen will, wo es doch Kohlepapier gibt. Die Firma Xerox hingegen nahm die Erfindung an und seitdem ist Xerox untrennbar mit dem Begriff der Fotokopie verbunden.

Hektographiergerät

Hektographiergeät
Quelle: Wikipedia

In der Schule hat irgendwann der Fotokopierer auch Einzug gehalten. Ganz schleichend ging das. In meiner schon etwas länger zurückliegenden Schulzeit wurden „Kopien“ von sogenannten Matrizen gezogen und in einem sogenannten Hektographiergerät „durchgekurbelt“. Die frischen Kopien rochen damals immer nach Spiritus und es gab auch keine beliebige Vervielfältigbarkeit, denn irgendwann war die Matrize verschlissen und musste neu erstellt werden. Für den Schulbetrieb hieß das, dass vielleicht mal die Aufgabenblätter für die Schulaufgaben „kopiert“ wurden, ansonsten war der Schüler aber angehalten, alles was er wissen muss selbst aufzuschreiben.

Heute hat jede Schule mindestens einen Fotokopierer. Und der wird gerne genutzt, denn natürlich sind von einer Vorlage beliebig viele Kopien möglich. Die Kosten werden dabei auf die Eltern umgelegt welche zu Schuljahresbeginn erst mal „Kopiergeld“ bezahlen dürfen. Für mich ist der Betrag „Peanuts“ aber ich weiß, dass es andere weniger gut gestellte Familien gibt in denen so ein Posten im Budget eigentlich nicht eingeplant ist. Hier wird das Prinzip der Lehrmittelfreiheit ausgehebelt indem man den Eltern einredet, dass das ja so ähnlich sei wie Schulhefte zu kaufen und die muss man ja auch selbst bezahlen.

Das Problem welches ich mit diesem Kopierwahn habe ist, dass er bereits in der ersten Grundschulklasse losgeht. Die Kinder können kaum schreiben, dann wird ihnen der erste Lückentext fotokopiert und ihre tolle Aufgabe ist es, die Lücken mit ein paar Wörtern zu füllen. Das Resultat ist absehbar, die Handschrift der Kinder ist fürchterlich weil sie kaum genutzt wird. Schulhefte sind zum Teil nur noch deshalb vorhanden um Bilder von Fotokopien auszuschneiden und dort einzukleben. Wie gut hatte ich es da als Kind, als man vom Gelernten notfalls auch kritzelige Zeichnungen machen konnte und vor allem auch entsprechend viel Zeit zur Verfügung hatte.

Das Problem ist, dass man dank der Fotokopiertechnik zwar quantitativ mehr Lehrstoff in einem Schuljahr vermitteln kann, qualitativ aber auf das eigentlich dringend notwendige Üben der Grundfertigkeiten des Schreibens verzichtet. Das Ergebnis ist haarsträubend. So schaffte es meine Tochter in der Grundschule nicht, zu erkennen wann sie im Schreibfluß eine neue Zeile anfangen sollte und das Ergebnis war, dass sie im Schulheft dann sogar über den Mittelfalz hinaus schrieb, denn da war ja Platz um den angefangenen Satz zuende zu bringen. Dinge bei denen ich als Freund von schöner Typographie total die Krise bekomme.

Noch schlimmer ist die Situation wenn ich jetzt sehe, wie Schulaufgaben ablaufen. In meiner Zeit gab es die Aufgaben, entweder an die Tafel geschrieben oder auf einer nach Spiritus riechenden Kopie und dann wurden Doppelbögen ausgeteilt auf denen der Schüler seine Schulaufgabe bearbeiten konnte. Heute bekommt meine Tochter eine Fotokopie der Aufgaben. In Mathematik sieht das dann so aus, dass die Aufgabe formuliert ist und danach etwa 5 cm hoch Freiraum vorhanden ist, in dem die Antwort zu formulieren ist. Keine Linien, keine Kästchen, das Ergebnis ist dank verkümmerter Handschrift (siehe oben) ein absehbares Gekritzel. Und wehe, man vergaloppiert sich irgendwo, es ist dann einfach zuwenig Platz da um den Irrweg durchzustreichen und nochmals sinnvoll anzufangen.

Die Fotokopiertechnik hat unseren Schulalltag sozusagen massiv „verschlimmbessert“, nur fällt das der heutigen Schülergeneration eben nicht auf, denn sie kennt eben keine Unterrichtsform mehr in der man selbst aufschreiben muss was wichtig ist und nicht nur Lückentexte ausfüllen muss. Und da wir diesen Irrsinn mittlerweile auch schon ab der ersten Grundschulklasse betreiben müssen wir uns auch nicht wundern, wenn das Fundament der schulischen Arbeitstechniken immer mehr abbröckelt und die Kinder in späteren Jahren massiven Schulstreß haben weil sie eben die elementaren Fähigkeiten nie ausreichend gut erlenen und trainieren konnten.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

6 Kommentare

  1. Oh. Ja. Lückentexte. Mein anderes Lieblingsthema. Lückentexte im Fremdsprachenunterricht. Ganz großes Kino.
    Aber auch an der Stelle, die Du beschreibst: das Schreibenlernen an sich.
    Oder Mathe. Wir hatten ausschließlich Tafelaufschriebe. Wie oft habe ich Algebra erst dann verstanden, wenn ich das mehrfach von Hand selber abgeschrieben hatte. Und wie oft übersieht man etwas, wenn man ein Blatt nur überfliegt (genau, ich bin eine Überfliegerin…).
    Herr Larbig hat letzhin etwas Wichtiges über „wiederholen“ und „üben“ geschrieben, ich suche den Link mal heraus: http://herrlarbig.de/2013/10/18/vom-ueben-in-der-schule-in-anlehnung-an-gunter-dueck-wilddueck/

  2. Pingback: IQ | juna im netz

  3. Pingback: Event, Event, die Kindheit brennt | Pia Ziefle | Autorin

  4. Sandra Malik

    22/10/2013 @ 07:59

    Danke für diesen Beitrag! Seit Jahren versuche ich in Gesprächen mit Lehrern dieses Thema zu besprechen. Ohne Erfolg, natürlich. Man wundert sich, dass immer mehr Kinder ein Problem mit dem Schreiben haben. Ich wundere mich schon lange nicht mehr. Sie schreiben ja kaum noch. Schon gar nicht im Zusammenhang. Lückentexte eben, da muss nur ein Wort reingekrakelt werden. Schreib- und Lesefluss sind völlig gestört. Ich wurde 1976 eingeschult und habe noch meine Hefte aus dem ersten Schuljahr. Da wurde geschrieben und geschrieben und … auf Heftführung geachtet.
    Jedes Jahr zum Schuljahresanfang frage ich mich, warum die so einen Terz bei der Heftbestellung machen. Rand link, Rand rechts, Rand oben, unten, beidseitig. Was es nicht alles gibt. Und wozu? Es interessierte in den letzten 5 Jahren nicht einen Lehrer, ob dieser Rand von den Kindern beachtet wird oder nicht. Nutzung eines Lineals? Ja, wenn Themen in Geometrie behandelt werden. Dann sollten sie schon mal eines benutzen. Vorher? Durchstreichen? Unterstreichen? Ach was, das geht auch frei Hand. Der Kommentar einer Lehrerin: „Viele Kinder können das einfach nicht.“ Ja wie denn, wenn kein Lehrer den Umgang mit dem Lineal und eine ordentliche Heftführung verlangt. Es ist wirklich zum Haareraufen. Grundschule = erlernen der Grundlagen. Dachte ich. Dafür weiss mein Kind aber in der 3. Klasse genau, wie ein Auge funktioniert.

  5. Ich kann euren Frust gut nachvollziehen, auch wenn ich selbst noch keine Kinder habe. Aber es regt zum Denken an und hilft mir vielleicht, mich vor der Einschulung kundig zu machen ob die ausgesuchte Schule derartige Methoden anwendet.

  6. Das System wird eher schlimmer als besser. Vor allem wird es an allen Grundschulen angewendet. Zudem wird dem Lesen lernen, das mit dem Schreiben lernen einhergeht, mit einem, in meinen Augen wahnwitzigen Konzept ( http://www.rechtschreib-werkstatt.de/ ), die Freude genommen.

    Ein Konzept, dass auf 6 und mehr Jahre angelegt ist, wird hier in 4 Jahren angegangen. Wo vor 8 – 10 Jahren noch Grammatik in der 4. Klasse vor kam, wird heute noch an der korrekten Schreibweise von einfachsten Worten getüftelt. Diktate gibt es nicht mehr. Einzug in den Schulalltag haben Drehdiktat, Schleichdiktat, Dosendiktat oder oder oder gehalten . Zum Teil ist es http://www.studienseminare-primarstufe.nrw.de/EK/Diktate%20-%20%20Alternativen.htm hier beschrieben.

    Die „losen Blattsammlungen“, die sich bereits bei Erstklässlern anhäufen, sind ein Graus. Eine Fibel als solches wird nicht mehr angwandt. Ich bin ehrlich froh, wenn ich nach unserem vierten Kind dann irgendwann die Grundschule überstanden habe. Ich muss mir nur merken, warum Grammatik ein Streitthema in der weiterführenden Schule werden wird. Die Lehrer dort kämpfen dann wie Don Quichote gegen Windmühlen und müssen nachholen (oft wegen Zeitmangels sehr mangelhaft) was die Grundschule nicht mehr geschafft hat.