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Fressen und gefressen werden

Nachdem Nathan sich ja schon über den Konsumterror ausgelassen hat bringt mich nun ein Vorfall in England zum Grübeln. Was war passiert. Eine Menge von Amazon-Händlern mussten erleben, wie ihre Artikel für einen Penny verkauft wurden. Schuld daran war wohl der Einsatz einer sogenannten Repricer-Software welche Produktpreise abhängig vom Preis der Konkurrenz festlegt. Das wirft nun eine ganze Menge an Fragen auf.

Als Techniker interessiert mich natürlich erst mal die tatsächliche Ursache, auch wenn kaum Hoffnung besteht, dass wir diese je erfahren werden. Ich sehe zwei Möglichkeiten. Entweder hat die Software total versagt, was letztlich der Todesstoß für den Anbieter dieser Software sein wird, denn die nun kaputte Reputation wird er nicht mehr reparieren können. Ganz abgesehen von den Schadenersatzforderungen.

Die andere Möglichkeit wäre, dass die betroffenen Händler sich selbst ins Knie geschossen haben. Stellen wir uns mal vor, die Software würde verhindern, dass man unter einem bestimmten Preis verkauft, ansonsten aber versuchen den Mitbewerb zu unterbieten. Aber man kann auch den Mindestpreis weglassen, denn natürlich wird kein Mitbewerber unter dem Einkaufspreis verkaufen. Dumm nur, wenn das zwei Nutzer dieser Software machen. Die Iteration runter zum niedrigst möglichen Preis von einem Penny dürfte da relativ flott durchlaufen.

Die nächste Frage ist die, warum wir unsere Schüler und Studenten mit der Theorie, dass der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird nerven, wenn die Praxis hier ganz deutlich zeigt, dass der Preispunkt eher durch die Forderung „noch ein bißchen billiger als der Mitbewerber“ ermittelt wird. Hat sich was mit Angebot und Nachfrage. Hauptsache billig. Die Idee, dass der Markt sich so einpandelt, dass sowohl Käufer als auch Verkäufer einen für sie optimalen Kompromiss im Preis finden wird so ad absurdum geführt. Streichen wir das doch bitte aus unseren Lehrplänen und bringen wir unserer Jugend statt BWL lieber ein wenig humanistische Bildung bei.

Die nächste Frage ist, wie das ganze denn kartellrechtlich zu bewerten ist. Ist das keine Preisabsprache? Wobei ja nicht offengelegt ist, wie die Algorithmen des Reprices funktionieren. Wenn eine dritte Instanz die Hoheit über die Preisgestaltung eines Händlers hat, dann ist doch Mißbrauch in verschiedenen Formen denkbar. Was ist, wenn man sich via Repricer „einigt“ einen bestimmten Artikel nicht unter einem von allen Nutzern vereinbarten Preis zu verkaufen? Was, wenn der Repricer die Preise so moduliert, dass im Laufe eine Tages jeder der Mitbewerber mal als „günstigster“ Anbieter da steht? Was wäre, wenn ein finanzkräftiger Hersteller den Repricer „überrredet“ die Konkurrenzprodukte teuer zu machen so dass sein Preis als „günstig“ erscheint? Lauter Fragen auf die ich keine Antwort habe, außer „Gelegenheit macht Diebe“.

Dieser Spruch muss angesichts des Vorfalls auch nicht mehr bewiesen werden. Wenn mir heute ein Händler etwas, das sonst dreistellig kostet für einen Penny anbietet, dann sollte der gesunde Menschenverstand mir sagen, dass hier wohl was falsch ist und die Fairness sollte gebieten, dass man den Händler kontaktiert und nachfragt, auf das Problem aufmerksam macht. Doch was passiert? Nichts dergleichen, man kauft zum Schnäppchenpreis, nach mir die Sintflut. Und es ist mir egal, ob der Händler danach pleite geht und vom Markt verschwindet, denn eine besondere Kundenbindung an ihn habe ich ja eh nicht, wenn ich sowieso nur da kaufe, wo es am billigsten ist. Erschreckende Zustände, der Raubtierkapitalismus frisst sich sozuagen selbst.

Erschreckend ist auch, dass Leute die bei Heise in den Kommentaren schreiben sie würden eh nichts online kaufen sondern lieber zum Händler vor Ort gehen als „Deppen“ bezeichnet werden. Ein Nachbar von mir durfte seinen Traum des eigenen Sportgeschäftes begraben weil er dank seiner zu bezahlenden Ladenmiete nicht die Preise des Online-Handels unterbieten konnte und dann die Feststellung machte, dass die Leute gerne zur Beratung kommen, aber dann eben wieder online kaufen, weil das ja so toll ist. Wenn dann der letzte Händler dicht gemacht hat und alle nur noch am Tropf des Online-Handels hängen werden die ersten hoffentlich merken, dass der Fachhändler vor Ort durchaus eine Existenzberechtigung hat und vielleicht einen viel besseren Service bietet als der Billigheimer im Internet.

Der erschreckendste Gedanke ist aber der, dass diese Handelsautomatismen nicht nur auf dem Marktplatz bei Amazon zum Einsatz kommen, sondern auch an unseren Börsen, vor allem im hochspekulativen Hochfrequenzhandel der ja seine Profite dadurch generieren will, dass er blitzschnell auf neue Nachrichten reagiert und die Kauf- und Verkaufsorder plaziert. Ein Softwarefehler hier oder eine gezielte falsche Triggerinformation im System könnte unsere Börsenplätze sozusagen in Schutt und Asche legen. Nicht dass das traurig wäre, aber die Erfahrung zeigt, dass in solchen Fällen dann wieder der Steuerzahler mit fadenscheinigen „too big to fail“-Argumenten zum Bezahlen des Schadens genötigt wird.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. Jetzt muss ich da doch mal einen Kommentar schreiben.

    Also – die Penny-Bestellungen wurden m. W. rechtzeitig bemerkt und storniert (Bestellbestätigung wurde nicht erteilt).

    Software-Fehler treten immer wieder auf. Wahrscheinlich ist der 1 Penny der minimal einstellbare Betrag. Also wurde aus irgend einem Grund der Preis runtergeschraubt. Kann passieren. Kann auch richtig teuer werden, wenn z. B. die Faktura-Software ein paar (Millionen) Berechnungen unterschlägt. Kann auch ein einfacher Bediener-Fehler gewesen sein.
    Und wenn Fehler einem Software-Hersteller die Reputation kaputt machen würden, dann dürfte weder Microsoft noch SAP noch sonst ein Hersteller mehr auf dem Markt sein.

    Wer noch dem Zauberspruch von „Angebot und Nachfrage“ glaubt, der hat noch nie getankt. Das dürfte inzwischen allen klar sein.

    Preisabsprachen? Weil 2 Firmen die gleiche Software verwenden? Du hast schon mal getankt, oder? Wird schwierig werden, sowas zu beweisen. Und (gerüchteweise) zahlen Surfer mit Macs / iPads höhere Preise als Windows-Nutzer. Weil die mehr Geld haben. Hab ich übrigens auch schon mal erlebt: Eine Waschmaschine, die meine Tochter bestellen wollte (mit schlechtem Kredit-Score) war plötzlich nicht lieferbar. 10 Minuten später war sie für mich sehr wohl bestellbar.

    Fachhändler? Ja, gibt es gute und schlechte. Welche mit normalen Preisen und „Apotheken“. Welche mit gutem, fachkundigem Personal oder auch nicht. Alles nur auf den Online-Handel zu schieben ist etwas kurzsichtig.

    Börsenspekulationen: Durch den Hochfrequenz-Handel werden mehrmals täglich Börsencrashs mit der Dauer von weniger als einer Minute erzeugt. Schneller Handel ist nicht das ganze Problem. Ein Problem ist, wenn Händler Kauforder plazieren, den Preis damit hochtreiben, die Kauforders canceln und zum hohen Preis verkaufen. Wenn Kurse im Sekundentakt festgelegt werden, dann kann man jede Menge manipulieren. Wenn der Kurs nur 1 Mal pro Tag festgelegt wird (und Kauforders nicht ganz so leicht gecancelt werden können), dann ist das nicht so leicht möglich. Das ganze Bild zu sehen ist schwer. Besonders, wenn man im Millisekundenbereich untersucht.

  2. Carsten Kettner

    16/12/2014 @ 07:53

    Zum Thema Online-Handel vs. Fachhandel habe ich auch noch etwas beizusteuern. Grundsätzlich bin ich gerne bereit (und praktiziere es auch in der Regel) ein paar Euro mehr beim Fachhandel gegen gute Beratung abzuladen. Ich muß jedoch immer wieder in einer Kreisstadt mittlerer Größe feststellen, dass der Fachhandel vieles tut, den Kunden zum Onlinehandel abzuschieben.
    Das reicht von völliger Absenz des Personals, über miese Beratung (der Kunde hat mehr Ahnung von der Ware und Aktualität als der Verkäufer) bis hin zu wettbewerbsrechtlich höchst zweifelhaften Aktionen, bei denen beworbene Artikel am gleichen Tag nicht mehr erhältlich sind. „Bestellen Sie es doch in unserem Online-Shop“, sagte die Verkäuferin eines großen Kaufhauses, der ich entgegegnete, dass sie auf diese Tour an ihrem Arbeitsplatz sägt. Dann kommt noch die chronische Unlust hinzu, Kunden mit mitteleuropäischer Höflichkeit zu begegnen. Ich brauche kein Füße-küssen, aber ein freundliches Gesicht und ein Gruß ist ein Minimum.
    Lustig auch die Schliesszeiten von Geschäften in der Adventszeit, die es normalsterblichen Arbeitnehmern unmöglich machen, nach Feierabend einzukaufen.

    Warum sollte ich mir diesen Stress antun? Also, auf die Online-Marktplätze gegangen, in die große Auswahl geschnuppert, Kundenrezensionen und Testberichte gelesen und gekauft.

    In dieser Situation kommt es gar nicht mehr zum Informationsaustausch und zum Abschluss eines guten Geschäftes für beide Seiten in Fachhandel. Die Händler sollten sich bewußt sein, dass auch sie eine Menge von ihren Kunden über ihre Ware lernen können. Gute oder schlechte Erfahrungen mit bestimmten Produkten hilft dem Händler eine gute Auswahl aus dem großen Angebot zu erstellen und diese dem Kunden anzubieten. Das ist eine Chance, wenn man seinen Job ernst nimmt.