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Angriff auf die Freiheit

Diese Woche ist eine sehr schlimme Woche. Am Mittwoch war ich nachmittags heftig beschäftigt und als ich dann am Abend dazu kam, meine Twitter-Timeline zu sichten fand ich, dass einige der Leute denen ich folge nun ein Profilbild hatten das „Je suis Charlie“ sagte. Ich war erst mal baff, aber dank Google und Co war schnell klar, was passiert war. Und nun, 4 Tages später sind die Terroristen tot, einige Geiseln tot und wir werden nun sehen, wie dieser Vorfall aufgearbeitet wird.

Für die Medien war das was in Paris passierte natürlich ein gefundenes Fressen. Sämtliche Nachrichtenportale überschlugen sich „Live-Ticker“ einzurichten um im Minutentakt neue „Erkenntnisse“ zu posten, andere Nachrichten gingen dabei einfach im Feuerwerk der Terrorberichterstattung unter. Zum Beispiel die Nachricht, dass Boko Haram in Nigeria 11 Ortschaften dem Erdboden gleich gemacht hat und möglicherweise 2000 Menschen ermordet hat. Oder dass in Syrien Flüchtlinge erfrieren. Oder dass am selben Tag bei einem Bombenanschlag irgendwo in einem der Krisenstaaten wieder mehr als 30 Menschen starben? Den Link zu letzterem kann ich nicht finden, denn wenn man nach Anschlag am 7.1.2015 googelt, dann findet man nur den von Paris und sonst erst mal nix.

Es ist schrecklich, was in Paris passiert ist, keine Frage. Aber die Toten von Paris waren wohl noch nicht in der Gerichtsmedizin angekommen als man schon anfing sie zu instumentalisieren. Die Rassisten von Pegida sehen sich in ihren düstersten Alpträumen bestätigt und stellen ihren Rassismus in den sozialen Netzwerken mittlerweile öffentlich zur Schau, nach dem Motto seht her, der Islam ist eine Terrorreligion und wir werden alle sterben wenn wir die Flüchtlinge nicht zurückschicken. Dabei ignorieren sie leider vollkommen z.B. die blutige Geschichte der Kreuzzüge oder einfach schlicht die Tatsache, dass unser allseits beliebter Friedensnobelpreisträger mit seinen Drohnen eine mittlerweile 4-stellige Anzahl von Menschen ermordet hat, einfach weil er es kann und ihm keiner Einhalt gebietet.

Was in Paris tatsächlich passiert ist und wer die Hintermänner dieses Anschlags sind werden wir wohl nie erfahren, ähnlich wie beim Abschuss von MH-17 oder den Toten die von Scharfschützen auf dem Maidan ermordet wurden. Was mich persönlich sehr nachdenklich macht ist, dass diesesr Anschlag sehr professionell ausgeführt wurde, aber danach in einem Desaster für die Verdächtigen endete. Da verliert einer der Bösewichter doch tatsächlich seinen Ausweis im Fluchtauto. Ja, es gibt Leute die sagen „das war sozusagen der Bekennerbrief“, aber dann muss ich die Frage stellen, warum der Anschlag von vermummten Attentätern ausgeführt wurde, wenn sie doch sowieso geplant haben ihre Identität 5 Minuten später offenzulegen? Und die weitere Flucht gestaltet sich auch sehr seltsam. Ein Autofahrer wird genötigt, ihnen sein Auto zu überlassen und als das gefunden wird findet man im Wagen angeblich Molotow-Cocktails und Jihad-Fahnen. Waren die Attentäter also zwischendurch noch daheim und haben ein paar Millies und Fahnen eingesteckt? Und dann müssen sie eine Tankstelle überfallen um ihre Flucht weiter zu „organisieren“. Wäre dieser Plot das Drehbuch zu einer „Tatort“-Folge, es würde von den Kritikern in der Luft zerrissen werden und als total unglaubwürdig abgestempelt werden. So aber wird der Plot von der aufmerksamen Weltpresse medial bis zum finalen Showdown übernommen und jetzt sind die Bösewichter alle tot und man kann sich um die Aufarbeitung des Geschehens kümmern.

Dass die Vollpfosten von Pegida hierauf anspringen war mir im Moment klar, als ich sah was da passiert war. Denn natürlich darf man für ein paar durchgeknallte Mitglieder eine Religionsgemeinschaft die gesamte Religion in Sippenhaft nehmen. Zumindest wenn der Täter ein Moslem war, denn wenn Christen Massenmorde begehen (wie z.B. Anders Breivik), dann ist das ja nur ein Einzelfall einer gestörten Persönlichkeit.

Schlimmer noch sind jedoch die Beißreflexe der Politik, die jetzt überall einsetzen. Die CSU hat schon wieder ihr Aufziehmännchen Hans-Peter Uhl ins Rennen geschickt der wieder mal nach der Einführung von Vorratsdatenspeicherung sabbert, wohl wissend dass auch damit dieser Anschlag nicht hätte verhindert werden können.

Und natürlich wird man aufgrund des Anschlags sich anschicken, die Bürgerrechte weiter einzuschränken, natürlich alles nur zu unserem Besten und um der lieben Sicherheit Willen. Und der Chefredakteur der BILD-Zeitung ist sich auch nicht zu blöde zu behaupten, dass Edward Snowden Schuld daran ist, dass der Geheimdienst nicht vor den Anschlägen warnen konnte.

Und während man sich sehr einig ist, dass dieser Anschlag ein Angriff auf die Meinungsfreiheit ist wird gerade in unserem befreundeten Staat Saudi Arabien ein Blogger ausgepeitscht und für 10 Jahre ins Gefängnis gesteckt weil er eben genau über diese Meinungsfreiheit in seinem Land nachdachte. Die deutsche Regierung entsendet also Soldaten um die Freiheit und westlichen Werte an allen Orten auf der Welt zu verteidigen, interveniert aber nicht wenn ein „befreundeter Staat“ selbst massive Menschenrechtsverletzungen begeht. Hat man Angst, dass die Saudis die nächsten Panzer mit denen sie Kritiker unterdrücken wollen nicht mehr in Deutschland bestellt?

Viele meiner Bloggerkollegen haben sich auch schon Gedanken zu Paris gemacht, so zum Beispiel Julia die das Thema sehr gut beschreibt und auch den inneren Konflikt bei der Frage, wie sehr im Rahmen der Meinungsfreiheit andere provoziert werden dürfen. Natürlich rechtfertigt keine Provokation einen solchen Anschlag, aber trotzdem frage auch ich mich, wo denn die Grenze ist. Aus meinen „Flegeljahren“ wüsste ich durchaus noch ein paar „Witze“ die ich heute aber eben aus Anstand und Respekt vor den Gefühlen derer über die man sich da lustig macht nicht mehr erzähle. Manche könnten als „frauenfeindlich“ gelten und nach dem #Aufschrei auf Twitter macht man so etwas natürlich nicht, wenn man keinen Shitstorm abbekommen will. Und auch ein paar Jokes die den Blutdruck bei fundamentalistischen Christen in ungeahnte Höhen jagen könnten habe ich, die ich aber eben aus Rücksicht für mich behalte. Denn natürlich lacht man gerne, wenn es einen nicht selbst betrifft, aber wenn z.B. ein Kabarettist wie Max Uthoff bei der Münchner Veranstaltung gegen Pegida einen Vergleich zwischen Europäischen Patrioten und einem Autist im Swingerclub macht, dann reagieren die Autisten in den sozialen Netzwerken maximal verärgert angesichts dieses Vorfalls. Darf Satire also nur provozieren wenn es die anderen betrifft? Ich weiß es nicht, ich kann hier nur wieder Voltaire zitieren der sich ja auch für das Recht Meinungen zu äußern die er selbst für widerlich hält umbringen lassen würde.

Voltaire hilft mir auch, manches der widerlichen rassistischen Meinungen die mir in den sozialen Netzwerken unterkommen als „Nebenwirkung der freien Meinungsäußerung“ zu sehen, aber ich habe in den letzten Tagen dann manches auch nicht unkommentiert gelassen weil auch bei mir eine Schmerzschwelle überschritten wurde.

Abschließend muss ich feststellen, ich bin nicht Charlie. Ja, meine Trauer gilt den Opfern von Paris, wobei ich mich erdreiste, auch die getöteten Terrorverdächtigen als Opfer anzusehen, denn wie kaputt muss man sein um sich von irgendwem zu solchen Taten anstiften zu lassen? Was ist in einer Welt kaputt in der manche glauben sie müssen ihren eingebildeten Superhelden mit Gewalt gegen jede Satire „verteidigen“? Was ist in einer Welt kaputt die sich von solchen Extremisten einschüchtern lässt und bereit ist ihre Freiheit aufzugeben um ein Stückchen vermeintliche Sicherheit zu erhalten. Wer profitiert von dem allen und warum? Ich weiß es nicht, aber es macht mich sehr nachdenklich.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Zitat: „Wer profitiert von dem allen und warum?“

    Das ist die ausschlaggebendste Frage überhaupt!

    Bei Satire bleibt mir übrigens meistens das Lachen im Halse stecken.

    Gute Satire soll zum nachdenken anregen.

    Platte Polemik ist allerdings keine Satire, dass scheinen einige deutsche Komiker aber nicht zu verstehen. Und da ist für meine Begriffe ein Unterschied.

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