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Satire darf alles, solange sie einen nicht selbst betrifft?

Nicht mal einen Monat ist es her, da waren alle „je suis Charlie“ und empörten sich über den Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo als Anschlag auf die Pressefreiheit. Damals wurde bekräftigt, dass Satire in manchen Fällen sicher dem einen oder anderen weh tut, aber dass dieser das eben erst mal „aushaltes muss“, denn schließlich sei das eine Kunstform und eine freie Meinungsäußerung. In Deutschland fällt so etwas unter den Grundgesetz-Artikel 5 der in Absatz 1 eindeutig definiert „Eine Zensur findet nicht statt“. Doch nun, knapp einen Monat später sieht das schon wieder ganz anders aus, vor allem wenn die Zensur auf ein blankes Nervenkostüm trifft.

Das Blog „Metronaut“ erhielt eine doppelte Abmahnung, unter anderem auch vom Berliner Senat, weil es eine Satire auf die Olympia-Bewerbung der Stadt Berlin veröffentlich hat, in der martialisches Propagandamaterial aus dem Dritten Reich (Berlin hatte die Olympischen Spiele 1936 ausgerichtet) wohl auf die aktuelle Kampagne projiziert wurde. Möglicherweise ein Verstoß gegen „Godwin’s Law„, aber in jedem Fall eine Satire die noch dazu als solche kenntlich gemacht wurde und die von jedem Betrachter der nicht komplett merkbefreit ist eben auch als Satire wahrgenommen werden sollte.

Anscheinend hat man aber mit dieser Satire die blank liegenden Nerven beim Berliner Senat getroffen, der wohl ein ähnliches Desaster bei seiner jetzigen Olympia-Bewerbung befürchtet wie seinerzeit 1993 als das Thema „Olympia 2000 in Berlin“ wohl gründlich in die Hose ging. Also schießt man mit Kanonen auf Spatzen und versucht mittels einer Unterlassungserklärung die mißliebige Satire zu zensieren. Was zum einen zeigt, dass der Berliner Senat wohl auch noch nie etwas vom sogenannten Streisand-Effekt gehört hat. Na ja, dann lernen sie es eben auf die harte Tour.

In meinem RSS-Feed habe ich diverse bloggende Rechtsanwälte und die sind sich einig, dass diese Abmahnung sich auf sehr dünnem Eis bewegt:

Metronaut hat inzwischen veröffentlich, dass sie keine Unterlassungserklärung unterschreiben werden und auch die Motive wieder online stellen werden. Bravo. Wer spenden möchte um die Anwaltskosten zu finanzieren findet im verlinkten Artikel die Möglichkeit dazu.

Angesichts der Faktenlage denke ich, dass die Initiatoren dieser Abmahnung sich über kurz oder lang in einer anderen Sportart betätigen werden, die vielleicht bis 2024 auch schon olympisch sein wird: Dem heftigen Zurückrudern.

NOlympiaLustig in Bezug auf den Streisand-Effekt ist ja, dass die aktuelle Olympia-Bewerbung von Berlin eigentlich total an mir vorbei gegangen wäre, wenn da gestern nicht dieses Zusammentreffen von „Der User unter mir“ und „Pirat Parzival“ auf Twitter aufgetreten wäre, das mich erst mal mächtig grinsen ließ. Bis dann heute morgen Fefe über die Abmahnung bei Metronaut bloggte und dann die Blogsphäre darauf ansprang und nun eben ein sehr anschauliches Beispiel für den Streisand-Effekt liefert.

Interessant sind auch die Forenkommentare bei Telepolis, hier zum Beispiel einer zu den Zuständen in Berlin, die sich aber wohl auch problemlos auf jede andere deutsche Großstadt projizieren lassen können.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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