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Goldener Käfig Europa

In der letzten Nacht sind wieder Flüchtlinge vor Lampedusa gestorben, man schätzt die Zahl auf 700. Zusammen mit den 400 Toten vor ein paar Tagen haben wir im April bereits rund 1100 Tote Flüchtlinge die beim Versuch nach Europa zu kommen ihr Leben lassen mussten.

Und wen interessiert es? Kaum jemanden, denn das sind ja nur namenlose Zahlen in einer grausamen Statistik. Nur mal zum Vergleich. An der tödlichen innerdeutschen Grenze haben zwischen August 1961 und dem Mauerfall 1989 insgesamt 872 Menschen ihr Leben verloren. Und nun haben wir 1100 Flüchtlinge die ihre Flucht mit einem jämmerlichen Tod in den Fluten des Mittelmeers bezahlt haben.

Aber es interessiert nicht. Der Qualitätsjournalismus findet einen Trainerwechsel deutlich interessanter als (zu der Zeit noch) 400 Tote im Mittelmeer. Klar, den Ball halten wir lieber extrem flach, denn sonst könnten bei besorgten und entsetzen Bürgern vielleicht ein Denkvorgang einsetzen der in peinlichen Fragen münden könnte, z.B.

  • warum diese Menschen so verzweifelt sind, dass sie ihr Leben riskieren um in die vermeintliche Sicherheit in Europa zu kommen. Ja, vermeintliche Sicherheit, denn wenn ich sehe, wie der braune Sumpf hier die Flüchtlinge willkommen heißt, dann bekomme ich schon das große Kotzen.
  • Welchen Anteil wir selbst an den blutigen Konflikten in den Heimatländern der Flüchtlinge haben. Dieser Tage wurde mal wieder berichtet, dass ohne die US Air Force Base in Ramstein keine Drohneneinsätze möglich wären. In letzter Konsequenz bedeutet das, dass der Drohnenterror (und es ist purer Terror, auch wenn die Amis sich für die „Guten“ halten) direkt von Deutschland ausgeht und der Bundesrgierung ist es egal.
  • Wieviele Menschen noch sterben müssen bis die Politik endlich in die Pötte kommt und etwas unternimmt.

Die Toten Republik-Flüchtlinge der DDR konnte man damals propagandistisch schön ausschlachten um den Ostblock als das Böse schlechthin zu stigmatiisieren. Da stand ja noch „der Russe“ vor der Tür, ein schönes Feindbild.

Nun haben wir 1100 Tote in einer Woche. Und es kann keine Lösung sein, den Käfig Europa so zu erweitern, dass die Grenzzäune bereits in Afrika hochgezogen werden um zu verhindern, dass Flüchtlinge irgendwo ein Schiff besteigen können.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

4 Kommentare

  1. Erlaube mir, dir in einer Sache zu widersprechen: Dass beim braven Michel irgendwann noch irgendein Denkvorgang einsetzt, die Hoffnung habe ich aufgegeben. Uns geht es entweder zu gut zum Denken, oder wir sind zu sehr mit Verlustängsten beschäftigt, sodass das mit dem Denken auch eher schwierig wird.
    Fatalistisch? Zu negativ? Ich hoffe es.

  2. Heute morgen im MoMa wurden unangenehme Fragen gestellt. Und bei den Antworten hätte ich nur noch ko…. können!

    Ich denke schon, dass es genügend Menschen gibt, die das Denken noch nicht verlernt haben. Aber irgendwo haben sie verlernt, auch den Mund laut und weit aufzumachen!

    Sonst wäre Tröglitz und sein ehemaliger Bürgermeister nicht solch ein „Wunderding“, sondern Normalität!!

  3. Carsten Kettner

    21/04/2015 @ 07:41

    Es ist in der Tat eine Schande, welches Bild D und Europa in Sachen Flüchtlingspolitik abgeben. Das superreiche Europa hat Angst vor ein paar tausend Afrikanern, die – das sollte man auch mal beim Namen nennen – als Wirtschaftsflüchtlinge hoffen, ins Land von Milch und Honig zu kommen. Der Friedensnobelpreisträger Europa nimmt es in Kauf, dass tausende Menschen ertrinken. Das ist abartig!
    Andererseits müßte man auch mal etwas weiter in die Vergangenheit schauen, um Ursachenforschung zu betreiben: Der von Europa so euphorisch applaudierte Arabische Frühling endete in einem Desaster. Außer Tunesien, was gerade noch halbwegs die Kurve gekriegt haben scheint, herrscht in Libyen und Ägypten Chaos. Der Sudan wird ebenso wie Libyen vom Bürgerkrieg heimgesucht. Dies ist eine Folge schwachsinniger Miliärpolitik ohne Agenda. Wenn man Aufständischen, wie in Libyen, Luftunterstützung gibt, dann muß man sich auch weiter beim Aufbau neuer Strukturen beteiligen und sich nicht wieder in den Lehnstuhl bequem zurücklehnen und der Bevölkerung vor Ort den Sch… überlassen.
    Wir haben es mit aktionistischen Politikern zu tun – und Westerwelle tat im Rückblick hinsichtlich des NATO-Einsatzes in Libyen genau das Richtige, und findet sich heute bestätigt. Trotzdem kann man nun nicht die Hände in den Schoss legen und so tun als hätte man nichts mehr mit der Angelegenheit zu tun.