Artikelformat

Sehr geehrter Herr Dr. Peter H.

Julia hat sich überlegt, ob man ehemaligen Lehrern schreiben soll? Ja, dann mal los. Ich werde mir aber nicht die Mühe machen rauszufinden, ob der Lehrer noch lebt oder gar dessen Adresse, ich schreibe einfach einen „offenen Brief“ weil das doch heute so modern ist.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Schuljahr 1973/74. Damals waren Sie der Klassenlehrer meiner Klasse 7b, einem bunt zusammengewürfelten Haufen aus Kindern, Akademiker-Kinder ebenso wie ich, der simple Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau. Trotzdem hatte ich in der 4. Klasse so gute Noten, dass mir ein Übertritt aufs Gymnasium gestattet war, was aber (wie ich unlängst lernen musste) wohl auch dem Sputnik-Schock geschuldet war. Egal, ich war jedenfalls in Ihrer Klasse und durfte mich dort mit Latein quälen. Und ja, leider war ich in meinem jugendlichen Reifungsprozess auch in einer sagen wir mal schwierigen Phase unterwegs und da war Latein leider auch das Fach, das mich am wenigsten ansprach oder interessierte. Was dann auch dazu führte, dass ich mit meinem Latein recht schnell am Ende war.

Und so kassierte ich in jeder Stegreifaufgabe oder Schulaufgabe dann auch die schlechtestmögliche Note, und da sie anscheinend ein auf Effizienz getrimmter Pädagoge waren haben sie meine „Arbeiten“ auch nur immer so weit korrigiert bis die Anzahl der Fehler das vernichtende Resultat der Note 6 zweifelsfrei rechtfertigte. Eine Förderung oder Nachhilfe zu leisten war meinen Eltern leider aus nachvollziehbaren Gründen nicht möglich, und auch an der höheren Lehranstalt wurde ich dann sehr schnell aufs Abstellgleis geschoben, die hinterste Bank mit dem Auftrag, sich einfach aus dem Unterricht herauszuhalten weil ja sowieso Hopfen und Malz verloren wären.

Natürlich schlägt so eine Behandlung Wellen und meine Motivation ging auch in den Fächern, die ich als interesssant empfand sozusagen den Bach runter. Mein Jahreszeugnis dieses Jahrgangs war dann auch geeignet, einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde zu ergattern, zweimal die Note 6, fünf mal die Note 5 und viermal die Note 4. Und in der Textbewertung wurde mir unterdurchschnittliche Mitarbeit attestiert. Kunststück, wenn man abgehängt ist und es keinen so wirklich interessiert. Immerhin erhielt ich für dieses außergewöhnliche Endergebnis am Schuljahresende eine Tafel Schokolade als „Trostpreis“ weil ich in diesem Jahr der mit Abstand schlechteste Schüler der ganzen Schule war.

Erschreckend für mich und meine Eltern war allerdings der Elternabend in dem Sie meiner Mutter prognostizierten, dass ich „zu dumm für die Hilfsschule“ bin und sie froh sein solle, wenn ich irgendwie einen Abschluß schaffe.

Zum Glück hat meine Mutter sich von Ihrer vernichtenden Einschätzung nicht irre machen lassen sondern durchaus erkannt, welches Potential vorhanden ist und dass man das eben nur gefördert werden muss. Ich wechselte also die Schule, aber nicht zur Hilfsschule sondern einfach eine Stufe niedriger und war da in der „Ehrenrunde“ bei gleichbliebendem Arbeitsverhalten plötzlich ein recht guter Schüler.

Nach dem Erlangen der mittleren Reife griff ich dann sozusagen nach den Sternen die Sie für mich als unerreichbar einschätzten und erlangte nach zwei Jahren die allgemeine Hochschulreife die mir dann ein Studium der technischen Informatik ermöglichte. Und nun 30 Jahre später bin ich ein gut verdienender Angestellter und Spezialist. Hätte meine Mutter sich von Ihrer Einschätzung damals beirren lassen wäre ich heute wohl eher ein schlecht verdienender Hilfsarbeiter irgendwo.

Ich hege keinen Groll gegen Sie, denn natürlich habe ich in meinem Leben auch gelernt, das Ihr pädagogisches Verhalten und das Einsortieren in die Schublade „Arbeiterkind, brauchen wir nicht“ auch nur dem Zeitgeist des Wirtschaftswunder-Deutschlands geschuldet war in dem man wieder anfing, elitär zu denken und Leute aus anderen gesellschaftlichen Schichten auszugrenzen. Und natürlich sind Sie längst aus dem aktiven Lehramt ausgeschieden und können mit schlechten Einschätzungen über die Leistungen der Schüler keinen weiteren Schaden mehr anrichten.

In gewisser Weise muss ich Ihnen sogar dankbar sein, denn Sie haben mir (möglicherweise ungewollt) zu einer sehr interessanten Lebenserfahrung verholfen. Eine Erfahrung von der auch meine Kinder profitieren, weil ich eben in alter Familientradition eher die Stärken meiner Kinder sehe, auch wenn die Schulnoten mal ein wenig zu wünschen übrig lassen.

Herzliche Grüße
Rainer König

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 votes, average: 5,00 von 5)

Loading...

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

1 Kommentar