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In tiefer Trauer

ripeuropeNun ist es also passiert. Man ist zu einer „Eingung“ gekommen. Europa unter der Führungsrolle einer Pickelhauben-Kanzlerin und mit Unterstützung eines menschenverachtenden Finanzministers hat die griechische Regierung zur Kapitulation gezwungen. Und nach dem Showdown in Brüssel titelt unsere Tagesschau dann „Keine Gewinner, keine Verlierer„.

Leider gibt es jede Menge Verlierer. Allen voran das griechische Volk welches nach dem neuen Verständnis des Oberkommandos in Berlin auch jeden Anspruch auf die Anwendung von Grundgesetz Artikel 1, also dem elementaren Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, verwirkt hat.

Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen als der Tag, an dem der Untergang des Europäischen Gedankens besiegelt wurde. Natürlich wird die Einigung in absolut keiner Weise irgendetwas an der katastrophalen wirtschaftlichen Situation in Griechenland ändern, da sind sich die Ökonomen von Heiner Flassbeck bis hin zum Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann, der auch gleich die Frage stellt, wie irgendwer nach dem heutigen Tag Deutschland je wieder trauen kann:

Who will ever trust Germany’s good intentions after this?

Ja, unsere Regierung hat ein weiteres Mal Europa zerstört. Diesmal nicht mit militärischer Gewalt, sondern mit dem Diktat einer gescheiterten Ideologie welche in ihrem Todeskampf jede Menge Kollateralschäden anrichtet. Jeder der noch über einen Funken Verstand verfügt muss feststellen, dass der Reformkurs den wir seit Jahren Griechenland aufnötigen grandios gescheitert ist und auch das heute erzielte Ergebnis wird nichts daran ändern.

Dem griechischen Volk, insbesondere den jungen Menschen dort wurde mit der heutigen Entscheidung jedwede Perspektive auf eine Zukunft genommen und nicht wenige sagen voraus, dass diese Leute dann ihr Glück woanders suchen werden. Die Idee das griechische Tafelsilber unter eine Treuhandverwaltung zu stellen und zu privatisieren sollte auch bei unseren ostdeutschen Bürgern zu einem Aufstöhnen führen, wer erinnert sich nicht an die „blühenden Landschaften“ die man nach der Wiedervereinigung den Menschen versprochen hat und die dann in einer Totalabwicklung der Ex-Volksbetriebe durch jede Menge Investitionsheuschrecken endete. Ein ähnliches Schicksal steht nun also auch den Griechen bevor.

Und natürlich nicht nur den Griechen. Das Exempel das heute in aller Härte statuiert wurde soll ja offensichtlich Signalwirkung auf die anderen Wackelkandidaten in der Eurozone haben: „Seht her, wenn ihr nicht spurt, dann kommt ihr unter Zwangsverwaltung und wir bekommen am Ende sowieso alles.“  Denn auch in den anderen südeuropäischen Staaten ist die Situation alles andere als rosig, ganz im Gegenteil, alle kämpfen unter der Last einer Finanzkrise bei deren Bewältigung unsere Regierung alles daran gesetzt hat um die Banken und Finanzmärkte, also die Mitverursacher der Krise zu retten und nichts dafür getan haben um den Schaden vom Volk abzuwenden, worauf sie irgendwann mal einen Amtseid geleistet haben.

Aber wen interessiert schon der Amtseid, dessen Bruch hat keinerlei juristische Folgen und auch sonst muss man es mit Artikel 20 GG nicht so genau, also in Bezug auf „die ausführende Gewalt ist an Gesetz und Recht gebunden“. So kam am Wochenende von Finanzminister Schäuble auch ein Positionspapier zum Theam Grexit welches eigentlich im Bundestag hätte diskutiert werden müssen.

Die deutsche Regierung hat am Wochenende noch heftig über das zerstörte Vertrauen lamentiert und nicht bemerkt, dass ihre Aktionen selbst jedes Vertrauen der Menschen in diese Regierung zerstören. Was bei einer Kanzlerin die „marktkonforme Demokratie“ auf ihrer Agenda hat allerdings auch nicht weiter verwunderlich ist.

Ja, die Vision eines freien Europas war toll. Dabei ging es weniger um den Komfort, dass man beim Urlaub in Südeuropa sein Geld nicht mehr in die Landeswährung umtauschen muss sondern um die Vision eines friedlichen Zusammenlebens mit den Nationen, die man vor etwas mehr als 70 Jahren noch in „Freund“ und „Feind“ unterteilte. Aber klar, beim Geld hört jede Freundschaft auf, das haben wir heute wieder mehr als deutlich klargemacht bekommen.

Schäuble, Merkel und die anderen europäischen Aasgeier die jetzt auf das am Boden liegende Griechenland eintreten und sich zur finalen Plünderung ihres Erpressungsopfers bereit machen widern mich so sehr an, dass ich am liebsten im Strahl kotzen würde. Und die traurige Erkenntnis aus den letzten Tagen ist eindeutig: Die Demokratie ist am Ende, aus und vorbei. Selbst wenn wir heute die Bürger aller EU-Staaten zum Volksentscheid aufrufen würden, ob wir in Griechenland weiter die grausame Leichenfledderei am noch nicht ganz toten Patienten betreiben wollen, oder ob wir solidarisch ein wirkliches Hilfsprogramm für das griechische Volk und nicht für die Spekulanten starten wollen, das Ergebnis wäre wohl niederschmetternd, denn das Volk wurde durch die gandenlose Propaganda der letzten Monate in allen Staatsmedien und der Lügenpresse Qualitätsjournalismusorgane sturmreif geschossen. Lügenpresse darf man ja nicht sagen, denn das ist ja das Unwort des Jahres 2014 und ist auch besonders deswegen negativ aufgefallen, weil es von den Pegida-Anhängern genutzt wurde. Und mit denen will sich natürlich keiner identifizieren. Ganz unterschwellig wird dem Volk so klar gemacht, dass Lügenpresse eine Erfindung der Nazis ist und man hofft, so den Umkehrschluss zu fördern, dass unsere Presse ja nur die reine und objektive Wahrheit verbreitet.

Aber ok, ich schweife ab. Europa ist tot. Zumindest das Europa in dem Menschen leben wollen, das Europa in dem Menschen von einer angenehmen Zukunft träumen. Europa ist heute falsch abgebogen und nimmt Kurs auf ein totalitäres Europa (unter deutscher Führung) in dem der Mensch nichts mehr zählt und der Profit alles ist.

Die Tage der aktuellen griechischen Regierung dürften auch gezählt sein, den pro forma muss das griechische Parlament ja noch die „Eingung“ absegnen. Alexis Tsipras wird wohl gestürzt werden, und die nächsten Tage werden zeigen, wie weit es mit dem Friedenswillen in Europa noch her ist. Werden die Griechen sich freiwillig fügen oder wird es zu Revolten kommen. Janis Joplin sang mal „freedom is just another word for nothing left to lose“ und ich fürchte, dass die Griechen, die nun eh nichts mehr zu verlieren haben sich nicht kampflos ergeben werden, auch wenn ihr Regierungschef unter vorgehaltener Pistole heute dem Deal erst mal zugestimmt hat.

Ich bin Deutscher, weil ich an geographischen Koordinaten auf die Welt kam die zum Zeitpunkt meiner Geburt in Deutschland lagen und auch heute noch liegen. Im Herzen war ich bis heute mindestens ein Europäer, wenn nicht sogar ein Weltbürger der diese Welt ein wenig besser machen wollte als er sie vorgefunden hat. Nach dem heutigen Tag bin ich im Herzen ein Grieche und schäme mich dafür, Deutscher zu sein und doch nichts gegen diesen Irrsinn unternehmen zu können. Und ich fürchte den Tag in ein paar Jahren wenn meine Kinder mich fragen werden, warum ich nichts unternommen habe.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. „Marktkonforme Demokratie“ – netter Contradictio in adiecto 😉

    Ich frage mich ja, welchen Posten die Herrschaften in unserer Regierung nach dem Regieren antreten werden, bzw. welche ihnen für die Zeit danach versprochen wurden…

  2. Publicviewer

    14/07/2015 @ 01:29

    Europa, die EU war schon immer ein Konstrukt der Finanzoligarchie jnd nur zu diesem Zweck geschaffen worden.