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Gedanken zum Volkswagen-Skandal

Gerade laufen die Newsticker heiß. Der VW-Chef Martin Winterkornf tritt wegen der Abgas-Affäre zurück. Ich nehme mal an, er wird „weich“ fallen und nicht Morgen aufs Amt müssen um Hartz-IV zu beantragen. Und die Turbulenzen bei der VW-Aktie, das wird sich irgendwann wieder geben. Börsenkurse gehen eben nicht nur nach oben, aber ich denke, dass der Autobauer hier langfristig keinen großen Schaden nehmen wird. Trotzdem sollte man mal ein wenig über diese Affäre nachdenken.

Ja, Volkswagen hat betrogen. Und sie haben sich erwischen lassen. Was jetzt natürlich einen Riesen-Shitstorm verursacht hat. Und natürlich gibt es auch interessante Fragestellungen, wie z.B. die von Sina auf Facebook, die sich wunderte, ob es bei Software-Entwicklern denn nicht eine Art „Ethik-Kodex“ gibt der verhindert, dass man solche illegalen Dinge programmiert.

Die ganz nüchterne Antwort auf diese Frage lautet leider „Fressen kommt vor der Moral“ und wir können sicher sein, dass es für jeden Software-Entwickler X mindestens 10 andere gibt, die das machen wenn X sich aus „moralischen Bedenken“ quer legen wird. Sorry, that’s life in captialism.

Mich beschäftigen im Zusammenhang mit der Affäre allerdings ganz andere Fragen:

Wenn ich heute ein Auto kaufe, dann ist die Herstellerangabe des Spritverbrauchs auf 100km auch sehr „optimiert“. In den über 150.000 km die ich in den letzten 9 Jahren mit meinem Mazda zurückgelegt habe ist es mir nie gelungen, tatsächlich mit sowenig Sprit auszukommen wie es der Hochglanzprospekt behauptet hat. Und ich fahre eigetnlich sehr vorausschauend und somit sprit-sparend. Aber hier ist die „Lüge“ des Herstellers anscheinend global akzeptiert, oder musste schon eine Automobil-Chef zurücktreten weil die Angaben in den Prospekten unkorrekt waren?

Gehen wir mal weg von den Autos. Unser hoch geschätztes statistisches Bundesamt veröffentlicht regelmäßig Angaben zur Inflationsrate. Doch wenn ich zum Einkaufen gehe, dann habe ich den Eindruck, dass diese amtlichen Zahlen auch massiv geschönt sind um eben gute Nachrichten zu verbreiten. Da packt man dann halt mal auch gerne Dinge die man eigentlich beim täglichen Einkauf nicht braucht in den „Warenkorb“ anhand dessen man die Inflationsrate ermittelt. Auch hier herrscht an der Verbraucherfront Ruhe. Wir leisten uns also eine Behörde die uns schlicht und einfach fehl informiert. Und zwar absichtlich, denn im Zeitalter von Big Data haben sie bestimmt genügend Daten um auch Auswertungen basierend auf einem sehr realtitätsnahen Warenkorb zu machen, aber diese Ergebnisse wären dann ja möglicherweise wieder schlecht für die Politik.

Zurück zu den Autos. Bei all dem Gejammere über den Skandal möchte ich auch mal den Entwicklern durchaus zu ihrer Software gratulieren. Immerhin schaffen sie es aus realtiv wenigen Umgebungsvariablen relativ gut ermitteln zu können, ob das Auto gerade einen Abgastest macht oder „normal fährt“. Ähnliche Trickserein kennen wir in der Computerbranchen ja z.B. von den Graphikkarten-Herstellern deren Firmware auch für Graphik-Benchmarks optimiert ist.

Ganz wertfrei betrachtet ist das ein großer Fortschritt in Sachen künstliche Intelligenz. Und jetzt frage ich mich, warum wir diese Technologie denn unbedingt zum Schummeln benutzen müssen. Wenn der Bordcomputer „intelligent“ genug ist um zu erkennen, dass gerade ein Abgastest läuft, dann müsste er doch auch in der Lage sein, anhand von erratischen Beschleunigungs- und Bremsmanövern (aka Kolonnenspringer) in der Lage sein, Fahrverhalten zu erkennen bei denen das Unfallrisiko signifikant steigt und in solchen Situationen den Asphalt-Cowboy mit weniger Motorleistung zur Vernunft bringen. Technisch sehe ich da keine Probleme, wie gesagt, wer den Bordcomputer schlau genug macht Testbedingungen zuverlässig zu erkennen, für den dürfte eine Erkennung von bescheuertem Fahrverhalten ein Klacks sein.

Doch klar, so ein Auto wird niemand kaufen wollen. Man will lieber den 2 Tonnen schweren Familienpanzer haben der mit höchsten Beschleunigungswerten aufwartet, damit man beim Blitzstart an der Ampel alle anderen hinter sich lassen kann. Völlig egal, dass die dann an der nächsten roten Ampel wieder aufschließen, völlig egal dass derlei Blitzstarts unverhältnismäßig viel Sprit kosten und damit die Umwelt belasten. „Bigger, better, faster, more…“ ist das gültige Mantra mit dem wir Autos verkaufen, nicht „wir helfen ihnen Unfallsituationen zu vermeiden“. Und dann wird die Motorsteuerung eben angewiesen, außerhalb des Abgasprüfstandes mal so richtig Power bereit zu stellen, was ja in einer Region mit strikten Geschwindkeitsregeln (so wie es die USA sind) auch absolut sinnvoll ist, oder?

Wie eingangs erwähnt: Winterkorn wird weich fallen. VW wird einen neuen Chef bekommen und im schlimmsten Fall dürfen die Kursverluste dann die Mitarbeiter wieder in Form von „dringend notwendigen Restrukturierungen“ ausbaden. Das wird die Aktionäre dann auch wieder besänftigen und wir machen weiter wie gehabt.  Und bei den anderen Autoherstellern wird man Krisenpläne machen, was zu tun ist wenn man auffliegt. Denn ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Volkswagen die Einzigen sind die ihre Fahrzeuge für die Tests „optimiert“ haben.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. Das hat mit Intelligenz wenig zu tun, im Normalfalle kennt man die Parameter wie Drehzahl, Temperatur, Gang, Veränderungen der Drehzahl über einen gewissen Zeitraum, etc. und da braucht es keine intelligente Maschine, die das erkennt und dann handelt, ist mehr eine WENN-DANN-Abfrage (natürlich recht komplex).

    Ansonsten habe ich bei Tante J schon geschrieben, dass es mich wunderte, wenn nicht alle Automobilhersteller betrögen. Weil sie‘ können 😉

  2. Carsten Kettner

    24/09/2015 @ 07:31

    Die Ansicht von Sina auf Facebook ist auch insofern reichlich naiv, dass es vermutlich auch in der VW-Hierarchie so abläuft, dass Chef einen Auftrag an seine Entwickler gibt und die haben das zu machen. Und natürlich, wenn die sich weigern, diesen Auftrag aus ethischen Gründen zu erfüllen, fallen sie eben nicht so weich wie Winterkorn fallen wird….

    Was mich bei der ganzen Geschichte massiv stört, ist, dass sich nun die Politik, die sich so gern die Hände in Unschuld wäscht, massiv einschaltet mit Merkel, Dobrindt und Weil. Letzerer hat ein echtes Interesse, da er als MP von Niedersachsen auf die Steuermilliönchen von VW (letztes Jahr 300 Mio EUR) angewiesen ist. Merkel und Dobrindt geht das ganze schlicht nichts an, die sollten sich um ihre eigenen Baustellen kümmern.