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Monster?

Hier ist er also nun, mein Beitrag für „IchBinAugsburg„. Und da dieses Blog keine spezielle Ausrichtung hat sondern ich über alles schreibe was mich bewegt schreibe ich nun mal was zum Nachdenken. Gestern wurde mir der folgende Tweet in die Timeline gespült:

So etwas zu lesen macht mich betroffen und auch wütend. Denn ich habe auch einen Sohn mit der Diagnose „Autistmus“. Und ich kann gut nachvollziehen, wie gefrustet Karina wohl sein muss, wenn sie für ihren Sohn eine Geburtstagsparty organisieren will und dann nur Absagen bekommt. So als wäre ihr Sohn eben ein Monster oder hätte eine ansteckende Krankheit.

Und dieser Tweet weckt traurige Erinnerungen. Karinas Sohn wird am Samstag 6 Jahre alt, mein Sohn wird in 6 Wochen bereits 13. Und ich erinnere mich noch gut an seine ersten Lebensjahre. Es war sozusagen eine Odyssee mit Stationen bei verschiedenen Kinderspychologen, Heilpraktikern und andern Leuten die veruschten rauszufinden was mit ihm „verkehrt“ sei. Denn er war ziemlich ruhig. Ein Versuch ihn im Regelkindergarten unterzubringen scheiterte teilweise an der Tatsache, dass er noch eine Windel brauchte und daher musste meine Frau ihn oft dort abholen weil einfach die Windel voll war. Und das „Highlight“ war der Kommentar einer anderen Mutter die anmerkte, dass unser Sohn die Entwciklung der ganzen Gruppe bremse und ihre Tochter da später in der Schule bestimmt Probleme haben wird, wenn sie sich nicht schnell genug entwickeln kann. Soviel zum Thema „Inklusion“ und warum es nicht funktionieren wird wenn behinderte Kinder einfach nur als „Bremsklotz“ angesehen werden statt als Menschen, die eben ein wenig anders sind.

Auch die eigenen Kontakte litten in gewisser Weise darunter. Langjährige Freunde zogen sich immer mehr zurück und ließen sich nur noch sporadisch sehen, wohl weil sie Angst hatten auf unseren Sohn zu treffen und sich Gedanken über siene Behinderung machen zu müssen. Dafür lernten wir andere „betroffene Eltern“ kennen und haben unser soziales Netzwerk ein wenig umgebaut.

Unser Sohn hatte dann das Glück, an die schulvorbereitende Einrichtung (SVE) der Brunnenschule der Lebenshilfe Augsburg in Königsbrunn weiter vermitelt zu werden. Dort wurde er in einer kleinen Gruppe von speziell ausgebildeten Erzieherinnen gefördert und lernte zu sprechen. Das kann er mittlerweile so gut, dass sein Mundwerk den ganzen Tag in Betrieb ist, allerdings wiederholt er sich oft in Stereotypen und outet sich damit wieder als Kind das „anders“ ist.

Aber ansonsten? Er hat zwei Arme, zwei Beine, einen Körper und einen Kopf voller Ideen was er mal tun will wenn er „groß“ ist. Also zum Beispiel einen blauen Mercedes mit schwarzen Sitzen kaufen, denn blau ist seine Lieblingsfarbe. Und zum Glück haben wir dank der Brunnenschule nicht mehr das Problem des Ausgegrenztseins, klar seine Geburtstagsgäste sind Schulkameraden die alle ähnliche Probleme haben. Aber sonst ist er ein Kind wie jedes andere. Er fährt gerne mit seinem Fahrrad, da locker mal 1000 km im Jahr und natürlich gerne auch Straßenbahn. Die ist zum Glück mit dem Behindertenausweis kostenfrei für ihn und eine Begleitperson, also ist mindestens einmal im Monat einer Runde in der Straßenbahn fällig. Es geht ihm dabei gar nicht ums irgendwohin fahren um dort anzukommen, sondern ums Fahren an sich. Ok, zwischendurch ein Boxenstopp in der Augsburger Fußgängerzone am Pizzastand oder oben im Karstadt für Schnitzel mit Pommes. Und er lernt sogar ein Musikinstrument, nämlich Klavier. Auch wenn er noch weit davon entfernt ist, die Rach 4 zu spielen, so übt er doch jede Woche und ist auch mit großem Eifer beim halbjährlichen Konzert der Musikschule dabei.

Und wenn ihr ihm auf der Straße begegnen würdet, dann würdet ihr erst mal gar nicht merken, dass er Autist ist. Er wird Euch fragen wo ihr wohnt und was für ein Auto ihr habt. Einfach Smalltalk eben, denn er hat Interesse an Autos und Orten. Denn auch wenn er jetzt nicht so viel Schulwissen hat wie ein Altersgenosse ohne Behinderung, sein großes Talent ist sein Orientierungssinn. Wo immer er einmal war findet er wieder hin. Sollte mein Navi im Auto je ausfallen, kein Problem solange er dabei ist, dann finden wir sicher wieder heim. Ich habe ihn auch schon erwischt, wie er in Google Maps unser Haus gesucht hat und dann die Fahrt nach München zum P+R Moosach „simuliert“ hat, also Satellitenview und dann raus auf die B17, an der A8 abbiegen und solange scrollen bis zur Eschenrieder Spange usw. Denn die Route fahren wir immer wenn wir in München zum Straßenbahnfahren gehen. Und wenn er das mal nicht kann weil ich dafür zuwenig Zeit habe, dann macht er das auf der Satelliten-View von Google Maps sozusagen als „Ersatzbefriedigung“.

Und ganz ehrlich. Ich liebe meinen Sohn, so wie er ist, denn er hat eine Persönlichkeit die manchmal anstrengend für die Eltern ist, aber deswegen nicht falsch oder verkehrt. Und ich bin ihm dankbar für die Einblicke die er mir in seine Welt gibt, für die Fähigkeit sich auch einfach mal tierisch zu freuen wenn man mit der Straßenbahn im Kreis rumfährt und für die Freundlichekeit mit der er seine Mitmenschen behandelt, auch wenn diese ihn für ein Monster halten.

Zurück zu Tim, dem Sohn von Karina. Damit der am Samstag keinen unsagbar traurigen Geburtstag feiern muss hat die Deutsche Driekthilfe angeboten, Glückwunschkarten für Tim an ihn weiterzuleiten.

Die Adressse der Deutschen Direkthilfe ist:

Deutsche-Direkthilfe e.V.
Mirecourtstr. 1
53225 Bonn

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. Es ist immer wieder unglaublich, wie weit die Arroganz des deutschen „Normalmenschen“ fortgeschritten ist… egal ob das Thema Flüchtlinge, Inklusion oder die Kirschen aus Nachbars Garten sind…

    Deshalb schließen sie sich im Urlaub auch in ihre Resorts ein, damit man bloß nicht zu viel Kontakt zu den „Anderen“ hat…

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