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Politiker und Netze

Gestern, als wir unterwegs waren kam die „gute Nachricht“ im Radio, dass die Roaming-Gebühren in Europa wegfallen werden. Meine Tochter machte sich schon Hoffnung, dass sie in den Ferien in Italien dann auch Internet am Handy haben kann, dann kam der Nachsatz „im Juni 2017“. Dass Brüssel nebenbei bei seinen Entscheidungen über Netze solche Dinge wie die Netzneutralität ausgehöhlt hat wurde in den Nachrichten natürlich verschwiegen. Wahrscheinlich kann die Zielgruppe mit dem Begriff „Netzneutralität“ sowieso nichts anfangen.

Netzneutralität heißt soviel, wie dass jeder im Netz die gleichen Rechte hat. Wenn ich dann solche Äußerungen zum „Verkehrsmanagement“ lese, dann bekomme ich die Krise:

Sie dürfen Datenpakete ausbremsen oder ausfiltern, etwa um das Netz integer und sicher zu halten oder eine „drohende Netzüberlastung zu vermeiden“. Insbesondere verschlüsselte Daten könnten so beispielsweise nur gedrosselt durchgeleitet werden.

Netzüberlastung kann man durch geschicktes Routing durchaus vermeiden. Und verschlüsselte Daten zu drosseln ist schlicht bekloppt, denn Datenpakete sind einfach Häppchen aus einem Datenstrom. Um überhaupt entscheiden zu können ob ein solches Datenpaket verschlüsselt ist oder nicht müsste man jedes Datenpaket anschauen. Fernmeldegeheimnis war gestern, oder was? Und vor allem ist ein verschlüsselter Stream nicht „schwerer“ als ein unverschlüsselter Stream. Hier zu drosseln ist nichts anderes als ein Versuch, Verschlüsselung duch Sanktionierung zu verhindern.

Was Brüssel jetzt für die „Datenautobahnen“ beschlossen hat ist nix anderes wie wenn wir auf allen Bundesautobahnen die linke Spur für die Nobel-Automarken reservieren würden und alle Kleinwagenfahrer haben gefälligst rechts im trägen Verkehr zu fahren. Ein Eindruck, den man auf den deutschen Autobahnen durchaus täglich bekommen kann.

Die Politik hat als mal wieder gegen die Interessen der Nutzer und für die Profite der Lobby entschieden. Es wird wohl eine Weile dauern bis die „digital Natives“ tatsächlich in der Politik angekommen sind. Wenn ich z.B. den Blogbeitrag von Thomas (20 Jahre alt, Student) zum Thema lese, dann habe ich Hoffnung, dass es vielleicht doch irgendwann wieder besser werden wird.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

1 Kommentar

  1. Carsten Kettner

    29/10/2015 @ 07:25

    Prima Beitrag, der mir aus der Seele spricht – ich hätte es nicht besser formulieren können.

    Ein Kommentar noch:

    „Es wird wohl eine Weile dauern bis die “digital Natives” tatsächlich in der Politik angekommen sind.“
    Leider ist davon auszugehen, dass die bisherigen Neuland-Betreter soviel Hirnrissiges betoniert haben, dass auch die digital natives nicht mehr viel werden daran ändern können.
    Es fehlt an Sachverstand bei den Entscheidungsträgern, und die Lobbyisten haben zuviel Einfluss. Dies führt zu sehr vielen sehr seltsamen Entscheidungen.