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Es brennt in Deutschland

Und zwar täglich. Jetzt ist in Bautzen eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Flammen aufgegangen. Und die Schaulustigen haben dazu gejubelt, was dem Begriff „Schaulustiger“ ja eine ganz neue makabere Bedeutung verleiht. Und die Feuerwehr wurde bei ihren Löscharbeiten massiv behindert. Ein paar Tage vorher wurde in Clausnitz ein Omnibus mit Flüchtlingen von einem johlenden Mob aufgehalten der rechtsradikale Parolen skandierte. Schuld daran sind laut Ausagen des sächsichen Polizeipräsidenten auch die Flüchtlinge. Die Anwesende Polizei versuchte den Mob mit Platzverweisen aufzulösen was dieser mit Gelächter quittierte. Als dann ein wohl 10-jähriger Flüchtling aus dem Bus heraus die international bekannte Geste für eine individuelle Mißfallensäußerung benutzte eskalierte die Situation sofort und die Flüchtlinge wurden mit Gewalt von der Polizei aus dem Bus geholt.

Wenn ich solche Dinge lesen muss, dann frage ich mich allen Ernstes, ob Deutschland noch das Land ist in dem ich leben will. Ein johlender Mob aus Rassisten die sich als „besorgte Bürger“ bezeichnen um ihre menschenverachtenden Parolen rumbrüllen zu können. Sind das die „westlichen Werte“ welche wir überall auf dieser Welt verteidigen? Was ist bei diesen Leuten in der Entwicklung so gründlich versiebt worden, dass sie in anderen Menschen sofort eine Bedrohung sehen statt einer Chance auf neue Denkanstöße und kulturellen Austausch? Was bedrohen denn bitteschön die Flüchtlinge konkret? Das Recht sich die Birne mit hochprozentigem Fusel auszuknipsen und mit der Chipstüte in der Hand irgenwelches Trash-TV schauen zu dürfen? Welcher Irrsinn treibt diese Leute an, Einsatzkräfte zu behindern oder sich polizeilichen Anordnungen zu widersetzen?

Hat eigentlich schon irgend ein AfD-Politiker gefordert, in solchen Fällen von der Schußwaffe Gebrauch zu machen? Nein? Seltsam, auf unbewaffnete Flüchtlinge will man doch zur Grenzsicherung auch slchießen können, warum also nicht auch auf randalierende Neonazis? Klar, das ist eine Scheißidee und natürlich fordere ich keinen Schußwaffengebrauch gegen diese Idioten, denn das würde das Problem nicht lösen. Aber allein die Vorstellung, dass man problemlos bei linken Demonstrationen mit einer Hundertschaft an Bereitschaftspolizisten aufkreuzen kann und die Demonstaranten dann mit Wassserwerfern traktieren kann, während bei rechtsradikalen Umtrieben man sich auf „können wir nix machen, wir sind zuwenige“ beruft erzeugt ein sehr schlechtes Gefühl. Und wenn tälich irgendwo eine Flüchtlingsunterkunft brennt, dann ist das keine Sammlung von „vereinzelten Fällen“ sondern ein systematisches Problem. Und wenn die Polizei dann auch noch gegen die Opfer statt die Täter ermittelt, dann ist das Vertrauen in diesen Staat am absoluten Nullpunkt angekommen. Mittlerweile gibt es wohl schon eine Petition im Netz die fordern, dass die in Clausnitz gefilmten Randalierer identifiziert und strafrechtlich verfolgt werden sollen. Will ich tatsächlich in einem „Rechtsstaat“ leben der nur noch auf öffentlichen Druck hin in Strafsachen ermittelt?

Julia hat heute vormittag folgenden Tweet verfasst:

Passend dazu hat „Das Nuf“ gestern ein paar interessante Fragen gestellt. Fragen denen ich mich voll und ganz anschließen kann. Und die Kernfrage bei allem lautet, was kann ich denn nun tun, damit es besser wird? Damit dieses Land wieder zu einem lebenswerten Land wird?

Eine Antwort auf die Frage habe ich nicht. Klar, man könnte den „Flüchtlingsdruck“ lindern indem man die Fluchtursachen bekämpft, aber das scheitert ja an der Verlogenheit unserer Politik die weiterhin fleißig Kriegsmaterial exportiert. The Guardian hat eine Bilderserie über Syrien in denen man sieht, wie schön es dort mal war und wie es jetzt aussieht. Ganz ehrlich, wenn meine Stadt so aussehen würde, dann wäre ich auch auf der Flucht.

Und leider sieht es so aus, als würde sich unser beschauliches Land in einen Ort der Anarchie verwandeln, so etwa wie das mit Hill Valley in „Back to the Future“ passiert ist nachdem Biff den Almanach in die Finger bekam und seine halbstarke Vorstellung einer Gesellschaft errichten konnte. Die Flüchtlinge sind dabei keineswegs die Ursache, sondern in meinen Augen eher der „Lackmustest“ der nun offenbart, wie fürchterlich kaputt unser Land ist.

Was hier abgeht ist ein grausamer Verteilungskampf bei denen die Verlierer des Systems noch wie in einer Arena gegeneinader aufgehetzt werden. Und man schürt den Sozialneid, weil die Flüchtlinge ja ebenso viel Hilfe bekommen wie jemand der jahrelang in unsere Sozialsysteme eingezahlt hat. Wenn ich solche Argumente lese, dann schaudert es mich. Solidarität heißt für mich persönlich, dass ich jedem meine Hilfe zuteil werden lasse, egal ob sie jemals schon in unsere Sozialsysteme eingezahlt haben oder nicht. In meinem Haus leben beispielsweise auch zwei solche „Sozialschmarotzer“ die noch keinen Cent in unsere Sozialsysteme eingezahlt haben. Da ich sie aber „Kinder“ nenne und sie liebe habe ich kein Problem damit. Warum also sollte ich Probleme mit anderen Menschen haben, die vorübergehend die Hilfe unseres Sozialsystems benötigen?

Was also kann man als „Gutmensch“ (ja, da zähle ich mich jetzt mal dazu) tun? Nachgeben und den rechtsradikalen Idioten die Entscheidungsgewalt überlassen geht definitiv nicht. Doch dann? Muss ich mir vom Mob die Sprache der Gewalt aufzwingen lassen und rechte Exzesse mit Gewalt beantworten? Unser Schulsystem hat dramatisch versagt, wenn es solche Leute hervorbringt die sich ohne nachzudenken irgendwelchen Demagogen anschließen die ihre Parolen doch eh nur aus eigennützigen Motiven wie politischer Machterhalt etc. verkünden.

Ich hätte gerne eine Lösung. Eine Lösung bei der die Exekutive, sprich die Polizei auch Teil der Lösung ist und nicht Teil des Problems. Eine twitternde Kinder-Erzieherin meint zum Polizeieinsatz in Clausnitz „Würde ich eines der mir anvertrauten Kinder so anfassen weil es mir einen Stinkefinger zeigt bekäme ich eine Anzeige, und zwar vollkommen zurecht„. Ich hätte gerne eine Lösung in der Politiker nicht mehr nur Stammtisch-Populismus betreiben sondern verantwortlich handeln. Ja, handeln und nicht nur sich hinter hohlen Worthülsen verschanzen.

Ich würde gerne in einem Land leben in dem jeder in der Lage ist ein anständiges Leben zu führen und nicht dazu verdammt ist, auf der untersten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide zu verhungern. Ich würde gerne in einem Land leben in dem Menschen ohne Furcht und Neid mitander umgehen können und ihre Unterschiede nicht als Problem sondern Chance auf geistige und kulturelle Weiterentwicklung begreifen. Ja, ich würde gerne in einem Land leben in dem Menschen mehr sind als Konsum- und Stimmvieh für irgendwelche machtgeilen Politiker und Wirtschaftsbosse.

Und nein, ich will mich nicht zurückziehen und mich nicht abwenden, denn ich weiß aus tiefster innerer Überzeugung, dass meine Vision eines friedlichen Miteinanders das Ziel sein muss und wir die Grenzen und Zäune einreißen müssen statt neue zu errichten. Bezeichnenderweise ist es dem rechten Mob in Clausnitz aber noch gar nicht aufgefallen, dass die die damals in der DDR „Wir sind das Volk“ riefen genau den Fall der Grenzen forderten und nicht ihre Errichtung.

Tja, das wäre sozusagen mein Wunsch für meinen demnächst anstehenden Geburtstag. Aber dieser Wunsch wird wohl leider nicht so einfach in Erfüllung gehen, wenn es nach Pessimisten geht, dann haben wir in 18 Tagen ja schon den Dritten Weltkrieg vom Zaun gebrochen.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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