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Statistische Ausreißer?

Der Amoklauf von Orlando in Florida ist etwas, dass sich für normal denkende Menschen irgendwie außerhalb dessen befindet, was man sich an Irrsinn vorstellen kann. Und die Aufarbeitung des Geschehens ist auch nicht unbedingt das, was man Qualtitätsjournalismus nennen mag, ganz abgesehen davon, dass die Wahlkämpfer in den USA diese schreckliche Tat nun für sich instrumentalisieren.

Interessant sind in diesem Zusammenhang aber mal Statistiken, die eben zeigen, dass der Wahnsinn in den USA an der Tagesordnung ist. Es gibt zum Beispiel diese Übersicht, die zeigt, wieviele Tote durch Waffen in den verschiedenen westlichen Ländern täglich zu beklagen wären, hätten diese Länder eine mit den USA vergleichbare Einwohnerzahl. Während die westliche Welt im Normalfall so bei 5 Toten pro Tag läge, gibt es in den USA 27 Tote durch Waffengewalt pro Tag. Also fünfmal so viel wie im Rest der „zivilisierten Welt“.

Das Gun Violence Archive hat dann auch wieder erschreckende Zahlen. Im Jahr 2016 gab es in den USA bis jetzt 6073 Tote durch Schußwaffen. Zu den Schußwaffenopfern (tot oder verletzt) zählen auch 1303 Kinder zwischen 12 und 17 Jahren.

Wenn man Schußwechsel mit 4 oder mehr Verletzten oder Toten als „Massenschießerei“ wertet, dann haben wir in den USA zum Stand 15. Juni in diesem Jahr bereits 182 „Mass shootings“ zu verzeichnen. Die erschreckenden Zahlen gibt es hier.

Von alledem bekommen wir in Europa kaum etwas mit. Wenn nicht geade Dinge wie in Orlando passieren wo es eine zweistellige Anzahl von Toten gibt (Orlando ist bislang der traurige Rekordhalter in den USA), dann ist das hier keine Schlagzeile wert. Und in den USA hat man sich wohl daran gewöhnt oder vor der Waffengewalt resigniert.

Es gibt dann auch die Idioten, die glauben man müsse sich ja im Zweifelsfall unbedingt selbst verteidigen können und brauche daher unbedingt ein Schießeisen. Als Vorstand eines Schützenvereins gehöre ich selbst zu den Leuten, die legal eine scharfe Waffe besitzen dürfen. Die liegt gut verschlossen und ungeladen im Tresor wenn ich sie nicht gerade am Schießstand benutzen will. Und da ist auch gut so, denn eine einsatzbereite Waffe will ich gar nicht mit mir herumtragen.

Stellen wir uns nur mal vor, einige der Leute im Pulse-Nachtclub in Orlando hätten Waffen gehabt. Dann hätten wir wahrscheinlich noch deutlich mehr Opfer zu beklagen, denn wer auch immer in so einer Notwehrsituation eine Waffe zückt um sich zu verteidigen bräuchte zwei Dinge:

  • eine eindeutige Täteridentifizierung. Aber in so einer Situation, wenn sagen wir mal 10 Gäste ihre eigenen Waffen rausholen um sich zu verteidigen, dann haben wir 11 Leute mit Schußwaffen, einer der kaltblütig schießt ohne Rücksicht auf Verluste und 10 die jetzt in dieser Stressituation auf alles schießen werden was eine Waffe in der Hand hat. Also auch auf die anderen „Verteidiger“.
  • genügend Erfahrung und Zielsicherheit. Ich wage zu bezweifeln, dass in so einer Paniksituation der Waffenbesitzer tatsächlich mit dem ersten Schuß den Angreifer ausschalten kann. Es besteht eher eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass man daneben schießt und in einem Raum voller Leute trifft dann so ein Fehlschuß eben leider auch wieder einen Unbeteiligten.

Auch wenn die NRA und die US-Waffenlobby jetzt wieder mal argumentieren will, dass man eben nur mit noch mehr Waffen für Sicherheit sorgen kann sollte man mal diese beiden Punkte bedenken.

Hier in Deutschland haben wir zum Glück eine sehr restriktive Waffengesetzgebung. Auch als Waffenbesitzer darf ich die Taschenflak nicht einfach geladen spazieren tragen, sondern sie muss entladen und getrennt von der Munition transportiert werden. Das alles dient dem Zweck, mögliche Eskalationen zu vermeiden.

Ich habe gerade das Buch „Predictably Irrational“ von Dan Ariely gelesen, der deutsche Titel ist „Denken nützt zwar, hilft aber nix“. Das Buch behandelt die menschlichen Verhaltensmuster und warum wir bestimmte Entscheidungen treffen. Ein Kapitel behandelt die „Rationalität“ in Situationen in denen man erregt ist und zeigt, dass all die guten Vorsätze dann sehr schnell über Bord geworfen werden, man macht dann Dinge, die man im entspannten Zustand gar nicht in Erwägung ziehen würde. Projiziert auf das Tragen von Waffen bedeutet das schlicht und einfach, dass in Konfliktsituationen die Sache sehr schnell eskalieren kann und auch wird, wenn ene der Konfliktparteien bewaffnet ist. Und dann haben wir wieder einen Fall für die Statistik.

Die USA haben hier ein ganz massives Problem mit ihrem Verständnis von „Freiheit“ die offensichtlich darin mündet, dass jeder Irre problemlos an Kriegswaffen kommt und diese dann im schlimmsten Fall eben auch einsetzt. Doch die Waffenlobby, allen voran die NRA ist mächtig und das was wir unter „gesundem Menschenverstand“ verstehen scheint hier auch nicht zu greifen. Und so wird es leider weiterhin die täglichen „mass shootings“ geben, auch wenn es diese Nachrichten nicht immer über den Atlantik schaffen.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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