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Nightmare on 1600 Pennsylvania Avenue

Die USA hat gewählt. Und das leider nicht so wie es sich die Medien, die Politiker in Europa und grob gesagt „das Establishment“ gewünscht hätten. Gewonnen hat Donald Trump, der Buhmann im Wahlkampf der trotz der vielen Fettfässer (von Fettnäpfchen kann man ja kaum noch reden) in die er im Wahlkampf getappt ist nun die meisten Wahlmänner-Stimmen auf sich vereinigen konnte. Nach dem BREXIT nun schon die zweite demokratische Abstimmung die voll in die Hose gegangen ist. Das lässt ja richtig hoffen auf die Bundstagswahl 2017. Aber andererseits war die Wahl in den USA eh nur die zwischen Pest und Cholera.

Nein, ich mag Trump erstmal nicht. Allerdings hätte ich Hillary ebensowenig gemocht. Mein aktuelles Problem ist, dass ich mich aktuell frage, ob meine Abneigung gegen Trump tatsächlich auf für mich nachprüfbaren Fakten beruht oder ob das nur Hörensagen ist und ich der Propagandamaschine zum Opfer gefallen bin. Klar, Trump ist kein Heiliger und hat wahrscheinlich viele blöde und böse Dinge in seinem Leben gemacht, ohne Zweifel. Das gleiche gilt aber auch für Hillary, nur dass sie eben die Wunschkandidatin der westlichen Welt war und jetzt so grandios gescheitert ist.

Ich fühle mich auch nicht in der Position die Gründe dafür zu analysieren, das mögen andere tun. Was mich an Hillary stört ist, dass sie über Leichen geht (siehe Libyen) und eben, dass im Vorwahlkampf ihr parteiinterner Konkurrent Bernie Sanders mit sehr unfairen Mitteln ausgebootet wurde. Klar, Sanders hatte für das Establishment viel zu linke Positionen, aber er hätte wohl dem „Stimmvieh“ eine Perspektive geben können. Die Perspektive unter Clinton wäre wohl gewesen, weiter wie gehabt, nur vielleicht ein bisschen mehr militärische Konflikte, aber keine Verbesserungen für die vom System abgehängten.

Also wählt man Protest und das befördert Trump ins weiße Haus. Unnd überall Bestürzung und Weltuntergangsstimmung. Warum eigentlich? Trump mag noch so bekloppte Sprüche im Wahlkampf rausgehauen haben, jetzt wird er Präsident und muss sich beweisen. Und er wird ein Präsident sein, der unter sehr genauer Beobachtung der Welt steht, denn anders als seinerzeit Obama wird er vom Ausland keinen Vertrauensvorschuß oder gar einen Friedensnobelpreis (der bei Obama ja eigentlich auch fehlplaziert war) bekommen. Nein, man wird sehr genau schauen und analysieren, was der neue Häuptling da macht und wir werden sehen was passiert. Als vor 8 Jahren Obama gewählt wurde war klar, dass er nicht nur Präsident sondern auch Konkursverwalter der USA wurde. Vieles von dem was er vorhatte konnte nicht umgesetzt werden, über die Ursachen kann man streiten, aber Fakt ist dass die Schere zwischen ein paar wenigen Superreichen und vielen Armen auch in den USA immer weiter auseinanderklafft.

Amerika hat gewählt und uns bleibt erst mal screenshot-zo-kleinnichts anderes übrig als diese Wahl zu aktzeptieren, so schwer uns das auch fällt. Und wir sollten versuchen, emotionalen Abstand zu gewinnen und nüchtern und rational die Situation zu analysieren. Was nicht dabei hilft ist eine „Weltuntergangs-Berichterstattung“. Als krasses Negativbeispiel sehe ich hier das was von der Zeit Online heute durch meinen Newsfeed gerauscht ist. Rechts seht ihr wie das im Feedreader aussieht, jedes Bild zur Berichterstattung mit einem heftigen Rotstich, so als wollte man eine Endzeitstimmung erzeugen und so tun, als wäre aus den USA plötzlich Mordor geworden. So eine Art der Berichterstattung finde ich höchst manipulativ und frage mich darum, wie verzerrt unser Weltbild ist.

Wir werden also sehr genau sehen müssen, wo die Reise hingeht. Und uns auch mal selbst an die eigenene Nase fassen, denn unsere Befürchtungen scheinen wie Krokodilstränen zu sein, wenn wir gleichzeitig zulassen, dass ein durchgeknallter Despot am Bosporus seine feuchten Träume von einem großen osmanischen Reich ausleben will. Oder wenn wir es zulassen, dass am Jahrestag der Nazi-Progrome von 1938 heute Neonazis einen Fackelzug durch Jena machen.  Oder wenn wir sehen, wie wir mit den schwächsten in unserer Gesellschaft umgehen, wie wir jeden Monat über 7000 Hartz-IV-Empfängern die Unterstützung entziehen um sie zu „sanktionieren“. Wie wir statt die Armut zu bekämpfen ein Geschäft daraus machen sie zu verwalten.

Nun denn Mr. President. Nehmen sie ihr Amt ein und ich hoffe dass sie die Macht welche ihnen verliehen wird weise und  demütig einsetzen. Wir werden sie jedenfalls sehr kritisch begleiten und anders als bei ihren Amtsvorgängern werden sie wohl keinen Vertrauensvorschuß bekommen und Fehler werden ihnen wohl auch nicht verziehen werden. Geben sie sich Mühe und zeigen sie uns, dass sie ein würdiger Präsident sind. Ich wünsche es den US-Bürgern ebenso wie dem Rest der Welt, dass ihre Präsidentschaft nicht in einem Desaster enden wird.

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1 Kommentar

  1. Carsten Kettner

    10/11/2016 @ 07:19

    Du sprichst zwei Dinge sehr gut an: die zweite demokratische Wahl ist in die Hose gegangen, und die Wahl zwischen Pest und Cholera. Abgesehen davon, dass es auf die Perspektive ankommt, ob eine Wahl „in die Hose geht“ oder nicht (auch wenn ich es sehr bedauert habe, dass die Mehrheit der Briten für den BREXIT gestimmt haben, wenngleich ich die Motive nachvollziehen kann), ist es doch eigentlich wichtig zu konstatieren, dass viele Wähler einer erfolgreichen Bildungspolitik ihrer Eliten zum Opfer gefallen sind. Die Möglichkeiten für einen durchschnittlichen Bürger sich objektiv zu informieren, sind nicht sonderlich groß. Ich unterstelle, dass die meisten Leute ÖR schauen, und hier fängt auch schon das Grundübel einer indoktrinierenden Propaganda-Maschine an. Es wird kein Wert mehr auf Differenzierungen gelegt, sondern nur noch auf Schwarz oder Weiss. So wird’s in der Politik zelebriert und so auch in den ÖR. Differenzierung ist anstrengend und zeigt, dass es keine leichten Lösungen gibt. Wer nicht differenziert, macht es seinen Wählern leichter, und wer dadurch polarisiert, signalisiert, wo er steht (oder auch nicht). Am Ende kommt schwarz oder weiß, Pest oder Cholera dabei heraus.
    Wir werden m.E. im nächsten Jahr vor einer ähnlichen Wahl stehen: Pest oder Cholera oder beides zusammen. Völlig demokratisch gewählt.