Artikelformat

Augsburg und die Bombe

Meine Stadt hat zu Weihnachten eine kleine Sensation. Man hat diese Woche bei Bauarbeiten eine Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden, ein richtig dicker Brummer. Es handelt sich wohl um eine sogenannte Luftminie die im Krieg eingesetzt wurde um durch ihre Druckwelle Häuser abzudecken und Fensterscheiben zu zerstören, so daß die nachfolgende Landung Brandbomben ihr verheerende Werk tun kann. Die verheerendsten Luftangriffe auf Augsburg fanden in der Nacht vom 25. zum 26. Februar 1944 statt, 730 Menschen wurden getötet und 85.000 obdachlos. Und jetzt, 72 Jahre nach der Bombennacht müssen wir uns mit den HInterlassenschaften des Krieges auseinandersetzen.

Für 54.000 Bewohner in der Innenstadt bedeutet das, dass sie am Sonntagmorgen (1. Weihnachtsfeiertag) ihre Wohnungen verlassen müssen, es wird die ganze Innenstadt in einem Radius von 1500m um die Fundstelle geräumt. Das mag lästig sein und wirft bestimmt bei vielen die Feiertagsplanung über den Haufen, denn man veranschlagt 7 Stunden für die Entschärfung des Blindgängers.

Mein Wunsch wäre, dass die Leute diesen „Social Event“ nutzen um einmal innezuhalten und sich ein wenig Gedanken zu machen. Gedanken über die Menschen aus den Kriegsgebieten dieser Welt die zu uns fliehen und die unsere Landesregierung am liebsten draußen behalten würde, obwohl wir an diesen Tagen den Geburtstag des Menschen feiern, der ihnen zum ersten Buchstaben in ihrem Parteinamen verholfen hat.

Die Betroffenen in Augsburg haben einige Tage „Vorwarnzeit“, sie können sich auf Sonntag vorbereiten, schauen, ob sie bei Freunden oder Bekannten unterkommen oder notfalls zu den außerhalb des Sperrgebietes eingerichteten Sammelunterkünfte gehen, bzw. sich von den öffentlichen Verkehrsmitteln kostenlos dahin fahren lassen.

Die Menschen in den Kriegsgebieten haben keinerlei Vorwarnzeit wenn ein Angriff kommt. Es gibt auch keinen Fahrdienst der ihnen zur Verfügung steht, es gibt keinen eng begrenzten Gefahrenbereich und wer sich nach draußen wagt läuft Gefahr, von Heckenschützen erschossen zu werden.

Die Evakuierung hier in Augsburg ist eine Vorsichtsmaßnahme um im schlimmsten Fall Personenschäden zu minimieren, aber man ist natürlich bemüht, diesen Extremfall nach besten Kräften zu vermeiden, d.h. es bestehen gute Chancen, dass am Sonntagabend jeder wieder nach Hause kann und vielleicht sogar bei dem ungeplanten Sonntagsausflug ein paar neue nette Bekannstschaften gemacht zu haben.

Die Menschen in den Kriegsgebieten werden hingegen mit der Absicht angegriffen, ihre Häuser absichtlich zu zerstören und sie umzubringen. Kann ich es ihnen da noch verdenken, wenn sie die Trümmerwüste, welche einst ihre Heimat war hinter sich lassen um ihr nacktes Leben zu retten. Kann ich es ihnen verdenken, dass sie sich aufmachen zu uns zu kommen, einem wohlhabenden Land das einen Teil seiner Einnahmen unter anderem auch mit Waffenexporten verdient?

Also liebe Augsburger, die Bombe aus dem letzten Weltkrieg zwingt Euch jetzt mal für ein paar Stunden, Eure Komfortzone zu verlassen. Aber sie bietet Euch auch die Chance, mal zu reflektieren, wie das wohl im Krieg sein muss. Meine Eltern haben ja den Krieg als junge Leute mitgemacht und mir von den ängstlichen Nächten im Keller erzählt, immer hoffend, dass die Bomben nicht direkt das Haus treffen, denn dann würde auch der Keller keinen Schutz mehr bieten.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (3 votes, average: 5,00 von 5)

Loading...

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

1 Kommentar

  1. Hallo Rainer
    Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

    Es wäre wünschenswert, wenn nicht nur die Menschen in der Augsburger Innenstadt zum gegebenen Anlass einmal ein wenig in sich gehen würden. Deine und meine Generation (Jg 74) kennt Krieg nur durch die Geschichtsbücher und Erzählungen der Eltern bzw Grosseltern.
    Selbst heute, dank sogenannter eingebetteter Journalisten, die uns Kriegsbilder quasi Frei Haus liefern können, haben wir nicht einmal Ansatzweise ein Gefühl dafür, wie es ist, sich mitten im Krieg zu befinden. Dann schaltet man eben den nächsten Fernsehkanal ein, ist ja alles bequem weit Weg. Und was sollen all die Flüchtlinge hier? Obergrenzen, Auffangslager und so weiter sollen uns die schön vom Hals halten, die es durch Erdogans Schutzwall schafften.

    Ja, die CSU macht ein gutes Werk. „Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst“ heisst es in der Bibel. Dort heisst es eben nicht „rechts von uns darf es nichts geben“.
    Wo sind nur die christlichen Werte, auf die sich die CSU immer wieder so sehr berufen, auf der Strecke geblieben, als man sich entschloss Flüchtlinge aus Kriegsgebieten möglichst vor der bayrischen Grenze stehen zu lassen?
    Der Anschlag in Berlin ist jetzt Wasser auf die Mühlen derer, die schon immer wussten, das Flüchtlinge gefährlich sind. Da schlagen all die Herzen der Horstels, Scheurers und Söders gleich höher, da muss angesichts der Opfer des Anschlags gleich christliches – sorry – politisches Kapital daraus geschlagen werden. Verschärfung des Flüchtingsrechts, Auffangslager und all die wirren Flüchtlingsablehnungsideen werden ihre Anhänger finden. Nicht nur in der CSU oder CDU, nicht nur in der AfD, die Idee wird sich parteiübergreifend in die Köpfe der Wählerschaft setzten wie ein süsser Stachel.
    Lösen sie jedoch die Probleme effektiv? Ermöglichen die Ideen wirklich potentielle Terroristen zu erkennen und aus dem Flüchtlingsrinnsal herauszusieben? Es ist ja kein Flüchtlingstsunami mehr wie es schon hiess, nicht mal mehr ein Flüchtlingsstrom, es ist nur noch ein Flüchtlingsrinnsal übrig geblieben. Sie tröpfeln nahezu nach Deutschland rein.
    Selbst mit abgeriegelten Grenzen, mit Auffangslager, die jeden Flüchtling penibelst durchleuchten wird es der nächste Attentäter schaffen, durch die Kontrollen zu kommen. Oder der Anschlag findet eben von „innen“ statt.

    Nun, nicht einmal 5 Tage nach dem schrecklichen Anschlag in Berlin, verdichten sich die Hinweise dahingehend, dass man schon sehr früh wusste, wie gefährlich der spätere Attentäter war. Man hatte Hinweise auf sein Vorleben, man wusste, dass er in Italien ein Gebäude anzündete und dafür im Knast landete. Ebenso war bekannt, das sich der spätere Attentäter in Deutschland in radikalen Kreisen bewegte. Es gab früh genug Hinweise darauf, das er ein „grosses Ding“ plante.
    Ja er kam als Flüchtling nach Deutschland, und dennoch unterschied er sich schon beim Betreten von deutschem Boden durch seine Geschichte von all den anderen Flüchtlingen.
    Was die CSU und andere auf populistische Weise versuchen, kommt fast einer Sippenhaft gleich.

    Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ich wünsche mir gerade wegen der Opfer und deren Angehörigen von Berlin, dass sich die Menschen von dem Populismus nicht blenden lassen sondern auch ein wenig über die ganze Situation nachdenken und sich nicht von Emotionen sondern von Fakten leiten lassen.
    Der Herr Bundesinnenminister Thomas de Maizière beklagte, dass man nicht jeden Flüchtling dauerhaft kontrollieren könnte. Es läge als Oberhaupt der Behörden aber gerade an ihm, dass man zumindest die als gefährlich eingestuften Menschen nicht unbeaufsichtigt lässt.
    Stattdessen schlägt er in die Kerbe der CSU, denkt darüber, nach hoheitliche Aufgaben wie die Sicherheit Schritt für Schritt zu privatisieren.
    Und am Schluss sind die Flüchtlinge dank Sippenhaft schuld, wenn all die Massnahmen, die getroffen oder eben nicht getroffen wurden zu einem nächsten Anschlag führten.

    Es gab auch schon einmal eine Flüchtlingswelle von Deutschland ausgehend… 1939-1945. Jeder der irgendwie konnte flüchtete und wurde meist in anderen Ländern aufgenommen.
    Das soll keine Erinnerung an „die historische Schuld“ werden, es zeigt jedoch, dass es Zeiten gibt, in denen man nicht wegschauen darf sondern handeln muss.

    Und… Ist es nicht auch ein christliches Element, anderen in Not zu helfen? Der erste verbriefte Fall betraf ja Maria und Josef, die zur Niederkunft von Jesus kein Dach über dem Kopf bekamen, sondern immer wieder abgewimmelt wurden. Solange, bis sich jemand erbarmte und sie in den Stall liess. Dieses Bild des Stalls mit Tieren, der Krippe mit Jesus drin, Maria und Josef an der Seite, dieses Bild feiern wir Christen jedes Jahr aufs neue.
    Wäre es nicht an der Zeit, sich auch daran zu erinnern und dementsprechend zu handeln?