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Was mich an Ägypten nachdenklich macht

Gestern konnten wir alle die Bilder der „ägyptischen Kavallerie“ sehen die auf Pferden und Kamelen in die Reihen der Demonstranten in Kairo ritten und dort wahllos auf die Leute einschlugen. Erschütternde Szenen eines Regimes, das seinen Untergang gewaltsam hinauszögern will.

An dieser Stelle frage ich mich dann, welche Motivation solche Leute haben, sich auf die Seite eines ungeliebten Diktators zu schlagen und ihre Haut im Straßenkampf zu riskieren. Wobei eigentlich nur der gewaltsame Teil dieser Aktion zu verurteilen ist, denn natürlich muss ich, wenn ich für Ägypten Demokratie einfordere auch akzeptieren, dass es Leute geben wird die den Präsidenten gut finden.

Überhaupt gab es heute Kommentare die die 1 bis 2 Millionen Demonstranten als „wenig“ bezeichneten, verglichen mit der Gesamtbevölkerung von knapp 80 Millionen. Andersrum gibt es aber die Aussage, dass Revolutionen damit beginnen, dass 1% des Volkes aufbegehrt und diese Quote haben wir in Ägypten erfüllt. Und natürlich hege ich meine Zweifel, dass die „schweigende Mehrheit“ tatsächlich für Mubarak ist. Für die Nichtteilnahme an Demonstrationen gibt es viele Gründe, angefangen von der Entfernung zum Demonstrationsort bis hin zur Angst vor Repressalien. Das ist in Ägypten nicht anders als in Deutschland, ich täte auch gerne mal in Berlin demonstrieren, aber das ist im Moment mit Familie nicht möglich, denn Kinder und Familie sind die oberste Priorität solange der Schmerz noch nicht so groß ist, dass ich eine Änderung des Status Quo erzwingen will.

Bei den Leuten die derzeit in Ägypten demonstrieren ist es aber wohl so, dass sie viele Jahre vom Regime unten gehalten wurden, mit minimalen Löhnen und ohne Perspektive irgendwann ihre Situation zu verbesern. Da fällt mir dann der Refrain von Janis Joplins „Me and Bobby McGee“ ein:

Freedom is just another word for nothing left to lose.

Die Leute auf der Straße haben nichts mehr zu verlieren außer ihrem Leben und sind wohl sogar bereit, dieses Risiko einzugehen in der Hoffnung etwas zu bewegen. Und diejenigen die vermeintlich der Regierung die Stange halten? In den Medien hieß es, die Reiter von gestern wären erzürnte Touristenführer gewesen die dank der Demonstrationen keinen Verdienst mehr haben weil die Touristen ausbleiben. Auch wenn man diese Begründung anzweifeln will erscheint sie doch gar nicht so abwegig.

Denn natürlich ist das eine beliebte Taktik von Regierungen wenn sie sich selbst aus der Schußlinie des Volkszorns bringen wollen, dann werden Grabenkämpfe zwischen Bevölkerungsgruppen geschürt. Erinnern wir uns doch mal an die Debatten im letzten Jahr:

  • Hartz-IV-Sozialschmarotzer leben in Saus und Braus und der Arbeiter muß die Rechnung zahlen.
  • Die demographische Situaton wird dazu führen, dass die Alten den Jungen sozusagen die Haare vom Kopf fressen. Und zudem blockieren sie die Arbeitsplätze die die Jugend dringend braucht.

Na, klingelt was? Natürlich gibt es Sozialmißbrauch bei Hartz-IV aber deswegen muß ich nicht Arbeitslose und Geringverdiener gegeneinander aufhetzen. Und die demographische Situation mag anders sein als vor 50 Jahren, aber das Schüren von Konflikten „Alt gegen Jung“ löst sie auch nicht.

Noch krasser ist die Situation wenn man Sündenböcke hat auf die man zeigen kann. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile „no go“-Areas in denen man sich besser nicht blicken lässt wenn man eine andere Hautfarbe als die dort perspektivlosen Jugendlichen hat die von Neonazi-Parolen dann mit Ausländerhass aufgefüllt werden.

Der Ausweg aus der Misere wäre „Aufklärung“ und „politische Bildung“ und zwar nicht die welche die große deutsche Tageszeitung mit der Parole „Bild dir deine Meinung“ verbreitet.

Aber damit würden wir kritische Staatsbürger heranzüchten und ich fürchte diese Spezies ist auch bei uns von den Regierenden nicht gerne gesehen. Dann schon lieber den Bürger mit alternativlosen Reformen beschäftigen die, wie man in Jordanien jetzt sieht wohl eher „Show“ als „wirkliche Reformen“ waren.

Ja, was mich an Ägypten so nachdenklich macht ist die Frage, wie weit wir in Europa noch von ägyptischen Verhältnissen entfernt sind. Dazu tragen auch die Überlegungen vieler westlicher Regierungen ob sie einen Internet-Kill-Switch brauchen natürlich bei.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Aufschlussreiche Informationen! Ich werde mich damit in Zukunft mehr auseinandersetzen! Freue mich auf die naechsten Posts!

  2. Toller Artikel. Würde gern mehr Blogposts zu dem Thema lesen. Freu mich auf die naechsten Posts.

  3. Inzwischen ist ja Mubarak gegangen und hat den Weg für richtige Reforen frei gemacht. Derzeit regiert, noch, das Militär. Das Parlament ist aufgelöst, welches von vielen eh als nicht legitim angesehen wurde, da man Wahlmanipulationen bei der letzten Wahl vermutet. Ausserdem wurde die Verfassung ausser Kraft gesetzt, schon um mehr Zeit für die Organisation von Neuwahlen zu haben (ohne die Maßnahme müssten die Wahlen schon in 6 Monaten stattfinden). Ich hoffe, das Militär gibt die Macht auch wieder ab. Bisher kamen alle Presidenten, sieht man mal von König Faruk ab, aus dem Militär. Selbst Sadad, der einen eher gemäßigten Kurs gefahren war, ist ehemaliger Militär gewesen.
    Was, da sind sich die Politologen offenbar ebenso einig wie sicher, nicht passieren wird, das Ägypten zum Gottesstaat wird. So wie es sich anhört, sind die Ägypter immun gegen diese Art der Verlockungen. Sie haben gesehen, wie es in den anderen Ländern zugeht (Iran/Iraque) und wollen offenbar so etwas nicht. Für die Gesellschaft würde das wohl ein Rückschritt bedeuten. Immerhin haben die Ägypter, respektive die Frauen Ägyptens, jahrelang darum gekämpft, den Schleier ablegen zu dürfen. IMHO werden sie wohl nicht bereit sein, ihn wieder anzulegen. Dazu sind sie zusehr von der „westlichen Freiheit“ angefixt.
    Wie sich der Weg Ägyptens dann aber letzlich gestalten wird, liegt ganz in der Hand der Einwohner. Unsereiner kann da sicher lange und ausgiebig spekulieren, was aber wirklich wird, werden wir sehen. Ich finde, was dort läuft ist, aus der Entfernung betrachtet, eine interessante Geschichte. Irgendwie erinnert es mich an die „Wende“ 1989. Ebenfalls friedlich und hoffentlich erfolgreich.