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Die Unwissensgesellschaft

Das 21. Jahrhundert wird gerne als Informationszeitalter bezeichnet und wir sehen uns als Wissensgesellschaft an. Tatsächlich fällt mir aber auf, dass Wissen nur noch auf wenige „Wissende“ verteilt wird und eher nicht mehr aufgeschrieben wird. Denn schließlich hat man ja die „allwissenden“ Suchmaschinen.

„RTFM!“ Das war zur Pionierzeit des Internets die häufigste Antwort wenn Neulinge in irgendwelchen Newsgroups oder Mailinglisten Fragen stellten die man auch mit einem Blick ins Handbuch beantworten konnte. „Read the f*cking manual“ oder vornehmer ausgedrückt „Read the fabolous manual“.

Heute wird dieses Akronym deutlich weniger benutzt, einfach aus dem Grund weil es oft genug kein „fabolous manual“ mehr gibt. Nehmen wir einfach mal ein aktuelles Beispiel aus dem OpenSource-Bereich, das ALSA-Projekt für die Soundtreiber unter Linux. Früher gab es für fast alle Themen im Linux-Bereich eine sogenannte HowTo beim Linux Documentation Project, aber heute findet sich dort nur eine Linux-Sound-HowTo vom 16. Juli 2001. Also eine mehr als 10 Jahre alte Doku die mit Sicherheit nichts über die neuen Hardware-Entwicklungen im Soundbereich weiß. Beim ALSA-Projekt ist die „Dokumentation“ in einer Mediawiki-Engine hinterlegt und leider eben auch nicht mehr als didaktisch gut aufgebautes Handbuch.

Wer also nun eine Frage zu beantworten hat kann sein Glück entweder im Wiki des Projektes versuchen oder diese Frage in die Suchmaschine seiner Wahl eintippen. Im ersten Fall ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass seine Frage keine Antwort findet, im zweiten Fall wird der Suchende schnell feststellen, dass sein Problem zwar auch bei 21532 weiteren Nutzern auftritt und aktuell in 4452 Foren disktuiert wird, aber eine tatsächlich brauchbare Antwort auf ein schwieriges Problem könnte durchaus nicht auffindbar sein. Irgendwann fällt einem dann der folgende Spruch ein:

Es gibt keine Lösungen, nur Querverweise

Klar, das Web (also der Teil den viele Nutzer als „Internet“ ansehen) profitiert ganz massiv von den Querverweisen, den sogenannten Links. Immerhin kann man so auf Bereiche im Web verweisen wo es weitere Informationen zum Thema gibt. An und für sich eine tolle Idee, aber durch die vielen Links verschiebt sich permanent der Aufmerksamkeitsfokus. Irgendwann findet man dann ganz tolle neue Dinge und hat derweil vergessen, was man eigentlich nachschlagen wollte.

Ich gebe es umunwunden zu, ich bin da eher konservativ gestrickt. Wenn ich mir Wissen zu einem neuen Thema aneignen muss, dann geht für mich nichts über ein gutes Buch das mich didaktisch gut strukturiert in die Materie einführt. Irgendwann ist die erste Hürde in der Lernkurve genommen und man kann verstehen, was man da gerade gelernt hat, aber der Einstieg bei „Null“ nur mit Google oder Wikipedia ist eher unbefriedigend.

Natürlich mag dieses Dokumentationsdefizit vielleicht spezifisch für IT-Themen sein, denn zum einen sind Entwickler lausige Doku-Schreiber (von Ausnahmen mal abgesehen) und zum anderen ändert sich laufend was, so dass das Aktualisieren einer Dokumentation durchaus zur Lebensaufgabe werden könnte.

Das Problem wenn Wissen aber nur noch per Suchmaschine verfügbar ist zeigt sich an den vielfältigen Ideen, die Leute dann entwickeln. Beispiel: Wie schreibt man Rhythmus? Ich habe jetzt mal die Schreibweise verwendet, die ich vor vielen Jahren in der Schule gelernt habe. Aber natürlich gibt es andere Schreibweisen, fragen wir doch mal Google:

  • rhythmus: 7.990.000 Treffer
  • rhytmus: 580.000 Treffer
  • rythmus: 570.000 Treffer
  • rytmus: 7.240.000 Treffer

Ok, fairerweise muss man dazuschreiben, dass bei allen „falschen“ Schreibweisen Google entweder fragt „Meinten sie Rhytmus?“ oder die erste Trefferstelle auf korrekturen.de verweist die dann auch die korrekte Schreibweise zeigt. Aber die Gefahr ist trotzdem deutlich, nämlich dass eine falsche Information gewinnt weil genügend Leute sie nutzen und sie deshalb ein hohes Google-Ranking hat.

Die Frage ist, was kann man tun um den Zustand zu verbessern? Vielleicht sollte man tatsächlich einen Teil seiner ungenutzten Zeit darauf verwenden, sein Wissen aufzuschreiben und mit anderen zu teilen. Tatsächlich verspüre ich gerade die heftige Versuchung, ein Buch zu einem Fachthema zu schreiben in das ich mich gerade einarbeiten darf und das auch nicht so super dokumentiert ist. Noch habe ich die Neuling-Brille auf und weiß daher genau, welche Fragen den Anfänger quälen und habe auch schon einige Antworten gefunden. Irgendwann werde ich auch bei diesem Thema die „Expertenbrille“ auf haben und dann wird es ungleich schwieriger, eine Dokumentation zu schreiben die auch dem Anfänger weiterhilft. Siehe oben beim Stichwort „Enwickler sind lausige Doku-Schreiber“. Das kenne ich aus eigener leidvoller Erfahrung, momentan soll ich eine Benutzeranleitung für etwas schreiben was ich bereits im Schlaf kann, da ist es sehr schwierig sich vorzustellen, was der Kunde eigentlich genau wissen will und welches Grundwissen ich voraussetzen kann.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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