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Talkshow des Grauens

Am vergangenen Sonntag habe ich mal was (für mich) ganz Außergewöhnliches gemacht. Ich habe mir die Gesprächsrunde mit Günther Jauch im TV angesehen, etwas von dem ich sonst am Sonntagabend nur was per Twitter mitbekomme habe ich mir nun als Zuschauer angetan. Grund dafür war, dass meine Lieblings-Unternehmerin dort in der Gästeliste stand.

Das Thema dieser Runde war „Billigkleidung aus Bangladesch – sind wir schuld am Tod der Näherinnen“ und neben Sina waren da noch andere Leute auf der Gästeliste, Bundesentwicklungshilfeminister Dirk Niebel zum Beispiel oder Giesela Burckhardt welche Vorstandsorsitzende der Kampagne Femnet für saubere Kleidung ist. Ebenso war da ein Thomas Tanklay der als Deutschlands Schnäppchenkönig gilt und der angebliche Experte für den Textilmarkt war. Neben Sina Trinkwalder gab es dann noch Ranga Yogeshwar der durch konstruktive Beiträge sehr angenehm auffiel, ganz im Gegensatz zu Frau Burckhardt die mir als unbedarftem Fernsehgucker den Eindruck vermittelte, dass sie sich selbst gern reden hört und sowieso alles besser weiß. Herr Niebel hingegen wusste nicht mal, dass der Lohn für Näherinnen nicht 1 Dollar pro Stunde ist, sondern eher ein Dollar pro Tag und Näherinnen somit auf knapp 30 Euro im Monat kommen.

30 Euro ist der Betrag, den wir monatlich an World Vision für unser Patenkind in Bangladesch überweisen, d.h. wir zahlen genausoviel wie die Fabrikbesitzer jemandem der täglich hart arbeitet im Monat zahlen. Interessant war dann auch die Aussage, dass von den knapp 10 Euro die eine Bluse bei Kik kostet (und welche von Verona Pooth beworben wurde) dann noch 12 Cent bei der Näherin ankommen. Und der Vorschlag, das Salär der Näherin zu verdoppeln indem man statt 9,99 Euro eben 10,11 Euro bezahlt wurde vom Experten für den Textilmarkt verworfen weil das eben nicht funktioniert.

Ach ja, eine weitere Person stand auch auf der Liste, Nazma Akter, eine ehemalige Näherin aus Bangladesch die sich jetzt intensiv für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzt. Und genau hier hatte ich ganz massive Bauchschmerzen, denn Frau Akter wurde natürlich nicht in den erlauchten Gesprächskreis integriert sondern durfte abseits auf einem Sessel Platz nehmen und vom TV-Publikum bestaunt werden während Herr Jauch seine Fragen stellte. Also die Person, welche die Situation in Bangladesch aus erster Hand kennt wird zur Randfigur degradiert während ein paar Meter weiter Leute wie Niebel oder Burckhardt sich als Experten zieren.

Hier kam mir dann auch spontan Neil Postman in den Sinn der in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ folgendes schrieb:

„Unser Fernsehapparat sichert uns eine ständige Verbindung zur Welt, er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“

Ja, hier hat der vor 10 Jahren verstorbene Autor leider völlig recht. Eine echte Diskussion über Wege aus der Misere fand nicht statt. Sina wurde leider sehr wenig einbezogen und der Hinweis, dass es Blödsinn ist den Verbraucher eine Mitschuld zu geben weil dieser Mangels Transparenz nicht feststellen kann, wo ein Kleidungsstück gefertigt wurde, denn im Etitkett steht immer nur der letzte „Veredelungsort“ wurde zwar mit Beifall belohnt, aber die Experten wie Niebel und Tanklay meinten, da könne man eh nicht viel machen.

Dann versuchte man, Sinas Produkte mit dem in Bangladesch hergestellten Produkten in Relation zu bringen, natürlich über den Preis wobei 119 Euro für eine Jeans bei der Manomama ja mindestens 2-3 mal so viel sind wie man beim Discounter bezahlt. Dass für diesen Preis aber nachhaltig produziert wird und Leute hier in Deutschland einen Arbeitsplatz haben welche vom System als „unnütz“ aussortiert wurden wollte keiner so recht realisieren.

Auch ein Vorschlag von Ranga Yogeshwar bei dem er sich auf den Import eines indischen Motorrades nach Deutschland bezog und meinte, etwas wie den dafür notwendigen TÜV könnte man doch auch für importierte Kleidung einrichten und dass solche Ware eben gewissen Produktionsstandards entsprechen muss wurde auch nicht aufgegriffen, was bei mir einfach den Eindruck erweckte, dass tatsächliche konstruktive Vorschläge politisch gar nicht gewollt sind.

Die EU hat es geschafft, die Glühbirne zu verbieten und will es nicht schaffen, den Markt für unter miesen Verhältnissen hergestellte Kleidung, diesen Sumpf der Ausbeuterei trockenzulegen? Da darf sich jeder gerne Gedanken machen woran das liegt, als kleiner Denkanstoß sei darauf verwiesen, dass das Glühbirnenverbot erst kam nachdem der Markt für billige Energiesparlampen aus Fernost geöffnet wurde, und das diese nicht nach vergleichbaren Standards wie hier gefertigt werden dürfte jedem klar sein. Dafür können sie die Preise lokaler Produzenten wie Osram einfach unterbieten und die Entwicklung der Belegschaftszahlen bei den lokalen Herstellern spricht eine deutliche Sprache.

Für mich persönlich sind 1127 Tote beim letzten Fabrikeinsturz aber deutlich zuviel und da ich sowieso nach der Devise „Think global, act local“ handle wird meine nächste Jeans eben von Sinas Näherinnen zu fairen Stundenlöhnen hier in Augsburg produziert werden und nicht von ausgebeuteten Lohnsklaven in Bangladesch. Diese Entscheidung mag vielleicht dazu führen, dass jemand in Bangladesch seine Arbeit verliert, aber auf der anderen Seite haben eben Menschen hier bei mir daheim wieder einen Lebensinhalt und die sind mir eben näher als jemand am anderen Ende der Welt.

Binnennachfrage ist das Schlüsselwort und eben auch die Produktion hier in Deutschland. Ich selbst könnte ein Lied davon singen, denn auch mein Arbeitgeber hier droht immer wieder mit der Verlagerung der Fertigung nach Fernost wenn die Leute hier nicht so wollen wie er. Und so dürfte es jedem Beschäftigten bei Großunternehmen gehen, man versucht die Löhne zu drücken wo es geht und droht immer wieder mit dem Abwandern von Arbeitsplätzen. Politisch könnte man diese Drohungen ganz leicht entkräften indem man für Produkte die nicht lokal hergestellt wurden Einfuhrzölle erhebt oder, wenn sie unter unfairen Bedingungen produziert wurden ihnen den Marktzugang verwehrt. Aber all das geht ja angeblich nicht.

Fazit: Sendungen wie diese Talkshow sind Dinge, die man sich nicht anschauen muss, denn außer 60 Minuten Gelaber von einigen Selbstdarstellern und eingestreuten „Berichten“ passiert hier eigentlich nichts. Schade um die Zeit, die man damit verplempert.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Die „Talkshows“ sind leider oft viel zu langweilig oder es wird zu einseitig diskutiert. Am schlimmsten sind Politiker die nicht ihre Meinung vertreten sondern die ihrer Partei.

    Zum Thema selbst – ist schon übel was die Textilindustrie da treibt und die Gewinnspanne ist enorm. Da muss man ja fast schon Kik in Schutz nehmen weil sie im Gegensatz zu den Markenprodukten wie Adidas, Levis und Co (lassen dort auch alle Produzieren) den günstigen Preis an die Kunden weitergeben.
    Ausgebeutet werden sie dort alle und sobald sie rebellieren zieht die Industrie in ein anderes Land wo wieder billig produziert werden kann.

  2. Pingback: Ist man mit 30 Euro im Monat arm? | König von Haunstetten

  3. Die Wise Guys sollten Gäste bei der Sendung von Bettina Böttinger sein, und ich freute mich, dass ich als Zuschauer bei der Aufzeichnung dabeisein konnte. Das Konzept der Sendung war vor einigen Monaten etwas umgestellt worden. Früher gab es zwei Gäste, die beide überraschend aufeinander trafen, inzwischen gab es einen angekündigten Hauptgast, der auf einen oder mehrere Überraschungsgäste traf. Hauptgast war die TV-Journalistin Maybrit Illner, der geheime Überraschungsgast der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Das mit Ranga Yogeshwar war eigentlich ein Geheimnis und ich fand es prima, mal eindeutig mehr als Maybrit Illner zu wissen. Als Zusatzgäste waren die Wise Guys dabei, die auch ein Lied singen sollten. Thema der Sendung: ‘Total normal’. Mit einer Gruppe von acht Leuten kamen wir vor dem WDR-Studio in der Kölner Innenstadt an und waren eindeutig etwas spät, denn wir bildeten das Ende der Zuschauerschlange. “Weißt du, dass wir NICHT wissen dürfen, dass Ranga Yogeshwar kommt?” wurde ich verwundert gefragt und musste grinsen, weil da jemand nicht wußte, dass er ein Geheimnis wußte. Nach dem Ausfüllen des “Ich- bin- einverstanden- dass- ich- im- Fernsehen- gezeigt- werde”-Zettels gaben wir Jacken und Taschen an der Garderobe ab und wanderten durch die Katakomben bis zum unterirdischen Studio. Der Platzzuteiler fragte: “Wieviel?” und ich hob acht Finger und sagte: “Acht.” “Acht?” fragte eine Stimme neben mir verwundert, “Das ist ja toll!” Im Vorbeigehen erkannte ich Bettina Böttinger, die schon am Rand stand und das Eintreffen der letzten Zuschauer beobachtete. Es gab zwei Reihen mit Stühlen, und obwohl wir so spät waren, hatten wir zusammenhängende Plätze im Randbereich. In der Mitte der ersten Reihe saßen die Wise Guys und taten so, als wären sie Publikum. Wir gingen winkend und grinsend vor ihnen vorbei zu unseren Plätzen und saßen kaum, als Bettina Böttinger schon in die Mitte kam.