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Der Blutdruck, der Streß und die Diskussionskultur

Twitter taugt nicht zum Diskutieren. Das habe ich heute vormittag wieder erfahren müssen als ich straßenbahnfahrend einen Hinweis in meiner Timeline fand dass man als Mensch mit Bluthochdruck eben Dinge wie Alkohol, Nikotin und auch Streß vermeiden solle. Ja, Zustimmung bei Alkohol und Nikotin, das brauche ich wirklich nicht, aber ich fragte dann mal an, wie ich denn Streß vermeiden kann. Der kommt ja nach meiner Empfindung immer von außen.

Da wurde ich dann gleich belehrt, dass der Streß im Menschen selbst entsteht:

Es kann sein, dass ein Teil der Ursachen von Stress von außen an einen heran getragen wird, aber die meisten Ursachen von Stress liegen in einem selbst.

Das hat mich dann schon ins Grübeln gebracht, denn natürlich habe ich einen Blutdruck der deutlich verbesserungsfähig ist. Ich muß mir nur mal das Histogramm der Blutdruckwerte der letzten 15 Tage (30 Messungen, jeweils morgens und abends) anschauen um zu sehen, dass es nicht optimal für meinen Blutdruck aussieht.

histplotJa, ich messe jeden Morgen und Abend meinen Blutdruck und hacke das in den Rechner rein, habe so mittlerweile fast 2500 Messwerte in den letzten Jahren gesammelt. Das ganze kann dann mit dem Statistik-Werkzeug „R“ ausgewertet werden und das Histogramm der letzten Messungen zeigt auf einen Blick, dass viele Werte in den letzten 15 Tagen einfach viel zu hoch waren. Also bin ich durchaus froh, wenn jemand gute Tipps hat was man gegen den Bluthochdruck unternehmen kann.

Und auch zum Streß weiß ich durchaus wie der sich anfühlt und daher finde ich es schon sehr seltsam, wenn mir jemand erklären will, dass der Streß hauptsächlich in mir selbst entsteht. Nicht, dass ich das total dementieren würde, denn die Erfahrung mit diversen wiederkehrenden Streßsituationen zeigt mir deutlich, dass es durchaus von der jeweiligen Tagesform abhängt, wie ich auf eine Streßsituation reagiere. Es gibt Tage, da nehme ich manches sehr locker und es gibt Tage, da bringt es mich zur Weißglut und der Blutdruck geht in Bereich die ich auch ohne Blutdruckmeßgerät als ungesund wahrnehme.

Zur Untermauerung der These des Mitdiskutanten kam dann aber ein Beispiel, dem ich gar nicht zustimmen konnte.

Denke einmal z.B. an Rentner @kinghaunst. Viele davon haben NULL Stress von außen, leiden aber trotzdem an innerem (selbst gemachtem) Stress.

Wer bin ich, dass ich mir anmaßen würde über den individuellen Streßlevel einer Bevölkerungsgruppe zu urteilen? Ganz spontan fiel mir da die Diskussion um die Altersarmut ein und ich denke, dass ein Rentner hier durchaus Stress bekommen kann wenn er sieht, wie toll seine Rente sich über die Jahre entwickelt und wie es mit den Lebesnhaltungskosten aussieht.

Hinzu kommt natürlich, dass man im Alter von diversen anderen Gesundheitsproblemen nicht verschont bleibt und auch das kann Streß machen. Oder man macht sich Sorgen um den Nachwuchs der gerade in diesem unseren Land eine sehr bescheidene Zukunftsperspektive hat.

Natürlich hängt es immer daran wie man auf eine Stress-Situation reagiert. Ich möchte das mal ganz blöd mit meinem Testlabor in der Arbeit vergleichen. Da teste ich gerade eine Xeon-Phi Coprozessor-Karte, die hat 240 Prozessorkerne und somit kaum Stress wenn man ihr simple Rechenaufgaben gibt. Aber natürlich gibt es auch Berechnungen im Bereich der Computersimulation welche die 240 Kerne einfach zu 100% auslasten und dann kann man sehr schön am Monitor zusehen, wie die Temperatur der Karte ansteigt. Die Karte hat zum Glück einen Mechanismus drin der beim Überschreiten einer bestimmten Schwelle einfach die Notabschaltung einleitet und dann macht die Karte eben erst mal keine Berechnungen mehr bis die Temperatur wieder im Normalbereich ist.

Beim Menschen haben wir diese Notabschaltung nicht. Ok, es gibt den schönen Spruch „Death is nature’s way of telling you to slow down“, aber das wäre dann die ultimative und nicht mehr reversible Notabschaltung. Ansonsten reagieren wir eben „gestresst“ wenn das Lastprofil sich den Grenzwerten nähert. Und hier ist dann auch klar, dass unsere Reaktion eben immer kontextabhängig erfolgt, denn die anderen Bedingungen (unsere momentane Last) schwankt eben auch.

Selbstverständlich kann ich nun argumentieren, dass es ja immer meine Entscheidung ist, wie ich auf Streß reagiere, aber kann ich das wirklich frei entscheiden? Streß ensteht in meiner Erfahrung meistens aus Interessenkonflikten, wenn ich also jetzt hier so viel über den Streß philosophiere habe ich mit mir selbst den Konflikt, dass ich eigentlich auch gerne wieder Gitarre üben würde, aber momentan hat eben das Thema Streß den Fokus.

Schwieriger wird es, wenn der Konflikt mit anderen besteht. Wenn der Boss irgend einen Bericht bis in einer Stunde haben will, dann ist das ein Streßfaktor und ich bin gezwungen zu reagieren. Also statt entsprechend meiner Tagesplanung zu agieren muss ich jetzt was erledigen was gar nicht auf der Liste stand. Stress!  Ich kann  mich diesem Stress auch kaum entziehen, Notabschaltung geht nicht und latent hat man auch noch im Hinterkopf, dass diese Anforderung beim nächsten „Performance-Review“ womöglich wieder einem aufs Brot geschmiert wird, also weiterer Stress, durchaus selbst erzeugt, aber eben von extern getriggert.

Noch schlimmer ist es, wenn z.B. die Kinder kommen und sehr ungeplant was spielen wollen. Spielen wäre ja eigentlich entspannend wenn da nicht die lange ToDo-Liste wäre die auf einen wartet. Auf der anderen Seite will man aber durchaus diese Spielzeiten nutzen denn sonst ist das Kind traurig und man sieht sich sofort im Konflikt „gute Eltern“ bzw. „schlechte Eltern“.

Ja, man kann das alles als „selbstinduziert“ bezeichnen, aber ich sage jetzt mal ganz frech:

Schmerz entsteht im Gehirn. Trotzdem wird keine eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt ohne örtliche Betäubung machen wollen weil man ja nur ein anderes Verhältnis zum Schmerz braucht um damit umzugehen.

Ja, das Umgehen mit Stress-Situationen ist etwas, das auch nicht skaliert. Ich habe z.B. keinen besonderen „Stress“ wenn mein Auto wegen Hagels ein paar Dellen hat, das ist einfach manchmal nicht zu vermeiden. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es Leute gibt, die so etwas sehr stresst, auch wenn ich persönlich das nicht wirklich nachvollziehen kann.

Eine mögliche Streßvermeidungsstratege wäre natürlich die Flucht vor Stress. Aber manchen Stress denke ich muss man einfach aushalten, denn wenn ich z.B. ein quengelndes Kind habe während ich was tun will das Konzentration erfordert, dann ist das Stress für mich, aber ich kann deswegen nicht davonlaufen. Die Entscheidung für Kinder impliziert auch, dass man die nächsten Jahrzehnte unplanbaren Stress haben wird, denn mit der Geburt sind Kinder ja noch nicht „fertig“ sondern die Entwicklung zum fertigen Menschen findet außerhalb des Mutterkörpers statt. Darum brauchen wir im Schnitt auch ca. 1 Jahr um laufen zu lernen während das Antilopen-Junge gleich nach der Geburt laufen kann.

Eine andere Option wäre im Konfliktfall das Nachgeben, aber damit wäre dann unser Dasein komplett fremdbestimmt wenn wir unsere eigenen Ziele und Prioritäten ständig den Wünschen anderer unterordnen würden.

Ihr seht schon, eine tatsächlich perfekte Lösung zur Vermeidung von Stress will mir einfach nicht einfallen. Wenn ihr eine wisst dürft ihr das gene in die Kommentare schreiben.

Und damit habe ich jetzt meine Gedanken mal als „Braindump“ rausgekotzt, es war deutlich zuviel für die 140 Zeichen die mir Twitter bietet.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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