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Subtile Propaganda gegen den Mindestlohn

Die Zeitung Welt feuert heute sehr subtil gegen den Mindestlohn (nicht verlinkt wegen LSR und weil ich Produkte des Axel-Springer-Verlages nicht verlinke). Statt wie üblich den Untergang des Abendlandes zu erkären drückt man nun auf die Tränendrüsen weil man festgestellt hat, dass von den selbständigen Unternehmern momentan 25% weniger als die als Mindestlohn geforderten 8,50€ in der Stunde verdienen.

Als Beispiel muss ein Kioskbesitzer herhalten der sich mit seinem Kiosk mühsam über Wasser hält, diesen aber wie man am Ende erfährt in drei Monaten aufgeben wird weil es eben nicht zum Leben reicht.

Tja, was soll ich sagen. Es gibt sicher die vielen „Selbständigen“ die mit sehr wenig Einnahmen aus ihrer Selbständigkeit auskommen müssen. Das ist sicher traurig, aber andersrum müssen wir uns auch mal erinnern, dass man vor einiger Zeit ja die „Ich-AG“ als das Allheilmittel gegen die Arbeitslosigkeit propagiert hat. Und viele dieser Geschäftsmodelle sind eben nicht wirklich tragfähig, was zum Teil sicher auch daran liegt, dass die Kunden dieser Unternehmer ebenso knapp bei Kasse sind weil sie eben momentan auch im Niedriglohnsektor angestellt sind und damit gar nicht genügend finanzielle Mittel haben um den Umsatz des Selbständigen zu steigern.

Hier könnte ein Mindestlohn durchaus auch dafür sorgen, dass die Unternehmer die jetzt weniger verdienen in Zukunft mehr verdienen können, weil auch ihre Kunden in der Lage sind, die höheren Preise zu zahlen.

Und natürlich sollte man die „Selbständigkeit“ mal genauer beleuchten. Gerade im Logistiksektor sind die Leute die einem das Paket von Amazon und Co. bringen oft „selbständige Subunternehmer“ des entsprechenden Logistikpartners, eine Selbständigkeit die offensichtlich keine ist, aber natürlich den Selbständigen von der Mindestlohndebatte ausschließt, weil er verhandelt sein Entgelt ja mit dem ihn beauftragenden Unternehmer.

Die Welt will hier offensichtlich eine neue Neiddebatte starten mit der unterschwelligen Botschaft, dass ein Mindestlöhner ja kaum mehr verdienen kann als ein Firmengründer. Wenn aber das Geschäftsmodell des Firmengründers nicht funktioniert, dann ist das eigentlich eine logische Konsequenz.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Zitat: „Und natürlich sollte man die “Selbständigkeit” mal genauer beleuchten. Gerade im Logistiksektor sind die Leute die einem das Paket von Amazon und Co. bringen oft “selbständige Subunternehmer” des entsprechenden Logistikpartners, eine Selbständigkeit die offensichtlich keine ist, aber natürlich den Selbständigen von der Mindestlohndebatte ausschließt, weil er verhandelt sein Entgelt ja mit dem ihn beauftragenden Unternehmer.“

    Seit wann wird da verhandelt??

    Da heißt es schlicht „Vogel friss oder stirb“.

    So wie in der Wirtschaft das Modell „heuern und feuern“ an immer größerer Beliebtheit gewinnt!

    Vor allem Arbeitnehmer ab 45 Jahre, die ein gewisses Einkommen haben, werden „aussortiert“, da zu teuer.

    Wie war das noch

    „25 Jahre, abgeschlossene Berufsausbildung, 20 Jahre Berufserfahrung, teamfähig, flexibel“

    nicht genannt aber erwünscht, „am liebsten auf Praktikumsbasis“.

    Oder wie hatte die CSU gesagt, Praktikanten benötigen keinen Mindestlohn, dann kann man sie auch aus der Regelung ausschließen. Wurde anders formuliert, aber so war der Sinn für mich zu verstehen.

  2. Sorry, genauso wie die Geschichte in der Welt und die dort stattfindende Argumentation vergleichsweise dümmlich ist, ist dieser Post von wenig Kenntnis der realen Situation von Kleinunternehmern geprägt.

    Dass die Tatsache, dass etliche und meiner eigenen Erfahrung als Betroffener nach ziemlich viele Kleinunternehmer mit realen Stunden“löhnen“ unter dem angestrebten Mindestlohn leben müssen, ist in der Tat sicher kein Grund, auf den Mindestlohn für anhängig Beschäftigte zu verzichten. Und die einen gegen die anderen auszuspielen ist sicher ebenso schäbig wie sinnlos, weil keine von beiden Seiten irgendetwas davon hat. Damit hat es sich dann aber auch schon.

    Es sind beileibe nicht nur und mit Sicherheit nicht einmal in der Mehrheit die oben genannten Gruppen von Unternehmern, die teilweise am oder knapp unter dem Existenzminimum zu kämpfen haben. Es sind zum Beispiel eine ganze Menge Dienstleister darunter, auch freiberufliche Akademiker die ihre Preise ebenso diktiert bekommen wie viele andere. Oft genug bleibt auch nichts oder fast nichts zur Alterssicherung übrig. Krankheit kann man sich schon gar nicht leisten. und wenn dann mal was unvorhergesehenes passiert, wie eben eine ernsthafte Erkrankung, ist die Existenz und meist auch die der mitbetroffenen Familie akut gefährdet.

    Wennn man erstmal ein paar Jahre aus der abhängigen Beschäftigung heraus ist, hat man doppelt schlechte Karten. Da man keine Beiträge zur AL-versicherung entrichtet hat (früher noch nicht einmal freiwillig konnte), ist man zunächst mal kein Arbeitsamtkunde, der Geld kostet, und darf deshalb auch bei einer evtl. Suche nach einer Alternative in Festanstellung nicht mit Unterstützung von dort rechnen. Als kostenträchtiger ALG1-Kunde sieht das anders aus, besonders wenn z.B. noch eine Schwerbehinderung o.ä. dazu kommt. Als Nichtkunde verkehrt sich das dann rasch ins Gegenteil: „Um ehrlich zu sein, wir können nichts für Sie tun“ Dann bleiben einem wenige Alternativen als entweder einfach weiter zu machen und auf bessere Zeiten zu hoffen oder eben in die Priavtinsolvenz und damit endgültig ins Aus in jeder Beziehung zu gehen. Die Chance da wieder rauszukommen wird mit jedem Jahr, das man in der Selbständikeit verbracht hat und älter geworden ist, kleiner und geht spätestens ab 50 gegen Null. In diesem Alter stellt sich aber eben das Problem für viele kleine Selbständige, die das bis dahin mit Ach und Krach gerade so geschafft haben.

    Das funktioniert dann erst wieder, aber auch nur eventuell und wenn man jung genug ist, nach der Privatinsolvenz und wenn man Hartz IV bezieht. Und mal ernshaft: Wer biite schön stellt einen über 50 jährigen ein, der sich 20 jahre lang mit einer Selbständigkeit mehr oder weniger knapp gerade so über Wasser halten konnte und nun, aus welchen Gründen auch immer eine Alternative im regulären Arbeitsmarkt sucht? Na? Genau, niemand.

    „Und viele dieser Geschäftsmodelle sind eben nicht wirklich tragfähig“, klar, dann gibt man eben mal schnell wieder auf und sucht sich mal eben schnell eine Stelle. Ist ja auch ganz locker und einfach ohne zwischenzeitliche Absicherung über ALG1 o.ä..

    Sorry, aber das geht sowas von an der Lebensrealität von Kleinunternehmern vorbei.

    Schonmal drüber nachgedacht, dass Insolvenzen von Kunden auch mal, und zwar ziemlich oft, Insolvenzen von Lieferanten und Dienstleistern nach sich ziehen? Das liegt dann sicher auch am nicht tragfähigen Geschäftsmodell. Ich hab, 4 Kundeninsolvenzen in den letzten Jahren knapp überlebt. Es hat gerade so, manchmal auch nicht mehr ganz, zum Leben gereicht. Aber eben nicht zu mehr, beispielsweise zu einer auch nur halbwegs tragfähigen Altersvorsorge. Auch mit dem besten Geschäftsmodell kann man nicht in Nullkommanix neue profitable Kundenbeziehungen aufbauen, sowas braucht Zeit.

    Wünschenswert wären ein Mindestlohn für die abhängig Beschäftigten UND faire Bedingungen für Selbständige und Freiberufler. Und eine soziale Absicherung, die sich kleine Selbständige auch leisten können. Arbeiten tun wir nämlich gern, auch gern mal oder auch dauerhaft länger, auch gern mal nachts und am Wochenende, wenn es sein muss.

  3. Zitat: „Wünschenswert wären ein Mindestlohn für die abhängig Beschäftigten UND faire Bedingungen für Selbständige und Freiberufler. “

    Da gebe ich Dir ununwunden Recht.

    Zitat: „Und mal ernshaft: Wer biite schön stellt einen über 50 jährigen ein, der sich 20 jahre lang mit einer Selbständigkeit mehr oder weniger knapp gerade so über Wasser halten konnte und nun, aus welchen Gründen auch immer eine Alternative im regulären Arbeitsmarkt sucht? Na? Genau, niemand.“

    DA geht es aber Arbeitnehmern in dieser Altersklasse, die aus gesamtwirtschaftlichen Gründen gekündigt wurden in keinster Weise besser.

    Auch diese erhalten keine reellen Arbeitsangebote.

    Bereits mit 40 Jahren bekommt man gesagt, dass „so einen alten Sack“ keiner mehr einstellt.

    Und eine Mutter wie mich, die aufgrund von 4 Kindern seit Jahren aus dem Beruf raus ist, nimmt auch niemand mehr. Aus mehreren Gründen, da sind die Kinder (man ist nicht flexibel, wie auch mit behinderten Kindern, und pflegende Tochter, Achtung Sarkasmus => ist zwar ganz „nett“ wenn man es sich leisten kann), ist zu lange aus dem Beruf (Achtung Sarkasmus, klar es hat sich ja auch alles sooooo verändert, dass man nicht mehr in der Lage ist einen PC zu bedienen) und überhaupt, auch ich habe eine Altersklasse erreicht, wo man schlicht „schlecht“ zu vermitteln ist.

    Zwar hat man evtl. das eine Jahr ALG-I, aber das ist dann auch schon alles.

    Der Arbeitsmarkt ist, so wie er sich heute darstellt, in keinster Weise fair.

    Für die wenigsten.

    Das beginnt erst in einer Preisklasse. die sich utopischen Sphären bewegt. Und DA braucht man sich auch nicht mehr Gedanken über Fairness zu machen. Da gelten ganz andere Gesetze. Der schöne Schein sollte uns da nicht trügen!