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Das Internet ist (nicht) kaputt

Sascha Lobo hat gestern ein Feuilleton in der FAZ geschrieben in dem er postuliert, dass das Internet „kaputt“ wäre weil es aufgrund des NSA-Spähskandals seine Erwartungen enttäuscht hat und er sich verletzt fühlt. Klar, dass so ein Artikel an der Blogsphäre nicht unkommentiert vorbeigeht.

Jochen Hoff hat auf Duckhome einen sehr „rantigen“ Kommentar geschrieben in der er Sascha Lobo als Selbstdarsteller und „Blogger ohne Blog“ geißelt.

Alex Schestag betrachtet in seinem Blogartikel das schon wesentlich differenzierter, er sieht kein generelles „Kaputtsein“ des Internets sondern stellt fest, dass es ähnlich wie ein Küchenmesser zu nützlichen und auch schlechten Dingen verwendet werden kann.

Auch die Autorin Pia Ziefle hat einen sehr guten Artikel dazu geschrieben und kommt wie die anderen Blogger zu der Erkenntnis, dass das Internet eben nicht kaputt sei.

Tja, und wenn ihr jetzt wissen wollt, was ich darüber denke, dann fällt mir spontan folgendes ein.

Es ist nicht das Netz, das eine „digitale Kränkung“ der Menschheit produziert, es ist der Mensch. Und vielleicht ist es auch die Enttäuschung, dass eben genau Mitglieder der Nation, von der man uns seit 1945 einredet, dass sie „befreundet“ wäre genau das tun was man unter Freunden eben genau nicht tun sollte. Vielleicht wäre es weniger „kränkend“ wenn man mit dem Finger auf die sogenannte „Achse des Bösen“ zeigen könnte und dann eher sich selbst darin bestätigt sehen würde, dass Schurkenstaaten eben so handeln. Doch wir sollten uns dabei an den folgenden Spruch erinnern:

Immer wenn Du mit dem Finger auf jemanden zeigst, dann denke daran, dass im gleichen Moment drei Finger auf Dich selbst zeigen.

Nun stellen wir fest, dass der „transatlantische Freund“ unser Vertrauen zutiefst mißbraucht hat und uns seit Jahren systematisch ausspioniert. Vielleicht hätte man das schon viel früher herausfinden können, wenn man nicht vor lauter „political correctness“ sich davor gefürchtet hätte bei den vielfältigen fragwürdigen Aktionen der US-amerikanischen Außenpolitik in der Vergangenheit mal die „Freunde“ zur Rede zur stellen.

Jetzt ist die Enttäuschung da, und hier fällt mir der Spruch der Autorin Vera F. Birkenbihl ein die eine Enttäuschung als genau das bezeichnet was sie ist, nämlich das „Ende einer Täuschung“.

Was Sascha Lobo in seinem Frust aber offensichtlich nicht zu erkennen vermag ist, dass es nicht das „Internet“ als Medium ist, was ihn kränkt und enttäuscht, sondern eben Menschen und Regierungen. Da werkelt auf der einen Seite des Atlantiks ein vollkommen unkontrollierter Spionageapparat der sich an keinerlei Gesetze gebunden fühlt und nach dem Motto „Wir sind die Guten“ sich selbst als notwendig und unfehlbar definiert.

Auf der anderen Seite des großen Teiches verniedlichen gewählte Regierungen diesen Skandal, es sei denn sie selbst werden Opfer dieser Spionage. Trotzdem versucht man den Ball flach zu halten und versucht verzweifelt wieder zur „Tagesordnung“ zurückzukehren während die Netzgemeinde massiv aufschreit und Aufklärung sowie eine Ende der Spionage fordert.

Aber es ist eben nicht ein Problem der Technik sondern ein Problem mit der Spezies Mensch die eben immer wieder aufs Neue beweisen muss, dass sie mit grenzenlos machtgeil ist und jede neue Technologie erst mal dazu benutzen will um ihre Macht zu festigen und auszubauen. Was ja leider keine wirklich neue Erkenntnis ist, spätestens nach 2 Weltkriegen und jeder Menge lokaler Konflikte in den letzten 69 Jahren seit Ende des zweiten Weltkrieges sollte man das bemerkt haben.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Naja, als der NSA-Skandal aufkochte wurde das „Skandälchen“ gleich wieder für beendet erklärt. Hoffen wir, das bei der Bahn die Verspätungen bald auch für beendet erklärt werden. Wobei dann heisst es vermutlich, es hätte noch nie irgendwelche Verspätungen gegeben 😉 Aber das nur nebenbei.

    Erst als die Erkenntnis, Muttis Handy würde auch abgehört in den Medien breitgetreten wurde sah man sich genötigt den Kamm Richtung USA aufzustellen und zu krähen.
    Eine hübsche und dennoch durchschaubare Schmierenkomödie war das. In der breiten Bevölkerung hat die Schlaftablette leider wohl zu gut gewirkt und wenn nicht, man liess es sich nicht anmerken das man um die Verarschung wusste. Wenn ja, warum eigentlich?

    Ein Bundesinnenminister Friedrich der erst einmal alles abwiegelt, dann doch in Washington auf den Tisch haut. Das „hauen“ war vermutlich wohl eher ein zaghaftes „*hüstel* spioniert ihr uns aus?“ was die USA natürlich mit treuem Hundeblick verneinten. Müssen die sich beherrscht haben nicht lauthals loszulachen. Stichwort: ECHELON. Naja, der Friedrich kommt mit froher Kunde aus den USA zurück und berichtet über alle Backen strahlend „ne, die sind gut Freund, und Freunde spioniert man nicht aus“.

    Ernsthaft… Wer soll den Blödsinn glauben? Hatten die Autoren von „GZSZ“ oder „Unter Uns“ Freigang und wurden von den Politikern gekidnappt und eine Lösung präsentieren zu können? Das Drehbuch wäre ja ähnlich schlecht wie bei GZSZ & co…

    Sascha Lobo, der bekannteste Blogger ohne Blog rangiert für mich persönlich auf einer Stufe mit Domscheit-Berg oder dem „Computerexperten“ Peter Huth. Also so etwas wie „nicht mal mit der Kneifzange…“

    Zu der Frage, ob das Internet kaputt ist… Nein ist es nicht, die Datenhalden werden erwiesenermassen immer grösser, die Tracking- und Auswertungsmethoden immer besser.
    Das Netz der Nerde, ja ich weiss um ARPANET, hat sich entwickelt, kam in die Pupertät (www und Bilder), wusste nicht wie ihm geschah (Platzen der Dotcom-Blase), wurde ein wenig erwachsen und vorallem: kommerzialisiert.

    Wäre es besser. es wären wie damals nur Nerde unterwegs, mit 1200/2400/4800/9600 Baud), dafür frei von Kommerz?
    Braucht es den kommerziellen Teil, damit Dinge wie Streaming in Echtzeit in immer höherer Auflösung und somit höher werdenen Datenvolumen funktioniert? Was passiert wenn es Provider schaffen sowohl vom Surfer wie auch vom Contentanbieter gleichzeitig für einmal gelieferte Leistung zweimal Geld zu bekommen? Was passiert in einem Internet, in dem bezahlter Inhalt priorisiert behandelt wird?

    Ja, Lobo hat im Punkt „Überwachung“ recht was die Naivität, die Möglichkeiten angeht, doch er irrt wenn er behauptet, das Internet als Messias von Demokratie und Freiheit würde sich als Moloch entpuppen und gegen die Menschen gerichtet werden.

    Das Internet ist erst einmal nichts…. Menschen füllen es mit Inhalten, Menschen nutzen es, Menschen missbrauchen es um Vorteile daraus zu ziehen. Menschen arbeiten und verdienen am und im Internet. Das Internet ist nichts und alles zu gleich.

    Der „arabische Frühling“ zeigte sehr eindrücklich die Macht des Internets, Seiten wie Facebook oder Twitter boten eine Plattform der schnellen Kommunikation und Veröffentlichung. Der „arabische Frühling“ mag teilweise zu einem „stürmischen Herbst“ verkommen sein und mancherorten ist es heute schlimmer wie vor dem „arabischen Frühling“, Es ändert aber nichts daran, dass der „arabische Frühling“ eine Machtdemonstration des Internets war. Trotz Zensur, trotz Abschaltung, es half nichts, Bilder, Videos und Texte fanden auch dank Hacker immer den Weg ins „offene“ Internet.

    Aber, das Internet lässt auch Zensur zu. Das Internet lässt sich manipulieren, das Internet kann Menschen verändern und manipulieren, das Internet _kann_ schlecht sein.

    Aber, es ist letztendlich nicht das Internet, es sind die Menschen. Das Internet ist bestenfalls ein Spiegel der Menschen und/oder der Gesellschaft.

    Wenn Lobo das Internet in Frage stellt, stellt er damit zugleich die Menschen und die Gesellschaft als Ganzes in Frage. Sollte er doch einen Funken Sympathie verdient haben oder ist es nur einer seiner populistischen selbstverliebten Versuche sich bei den Fans anzubiedern und zu sagen: hey, ich brauche meine Streicheleinheiten?

    Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

    rgds
    rené

  2. Carsten Kettner

    14/01/2014 @ 07:37

    Das „Internet“ ist nicht kaputt – es ist ja Neuland…“Das“ Internet gibt es sowieso nicht. Es ist dann auch immer wieder schön zu sehen, wie „das Internet“ auf das WWW reduziert wird.
    Wer unter der Prämisse, dass der Datenverkehr abgehört wird, postuliert, dass das Internet nicht mehr benutzbar ist, sollte sich mal einem reality-check unterziehen. Das Internet ist nur eine neuartige Form eines Kommunikationsmittels. Früher (TM) gab es Telefon und Briefverkehr. Wer glaubt denn bitte schön, dass diese beiden Kanäle auch in Westdeutschland nicht überwacht wurden? Die Geheimdienste agierten schon immer im Verborgenen (sonst wären sie ja nicht geheim).

    Und hier kann man einen eleganten Schlenker machen: Immer nur auf die böse NSA zu zeigen und die heimischen Geheimdienste auszuklammern, ist etwas einfach. Gut, es kann natürlich sein, dass man dem BND intellektuell nicht zutraut, den nationalen Datenverkehr abzuhören. Dies wäre aber eine grobe Unterschätzung der tatsächlichen Möglichkeiten dieses Dienstes. Selbst wenn der BND aktiv nicht selbst abhört, so bekommt er immerhin die Daten von der NSA. Die Geheimdienste tauschen sich aus – in welchem Umfang auch immer. Von daher würde ich es begrüßen, wenn man erst einmal bei sich zu Hause fegt und den eigenen Augiasstall ausmistet. Das bedeutet nun keine Exkulpation der NSA, der man von hier aus ebenfalls sehr ernsthaft auf die Finger klopfen muß. Aber die Leiche liegt hier schon im Keller der bundesdeutschen Regierungen (Stichwort Echelon) der 80er Jahre. Die deutsche Spitzenpolitik kann sich nicht damit herausreden, dass sie von nichts gehört hat. Das ist schlicht gelogen, wie wir überhaupt in diesem Zusammenhang der Überwachung permanent belogen werden oder Debatten kurzerhand für beendet erklärt werden.

    Aus meiner Sicht ist das Internet nicht kaputt, sondern schlicht und ergreifend das Demokratieverständnis unserer Volksvertreter.

  3. Ist das Internet kaputt? Die Diskussion über das Thema erübrigt sich für mich irgendwie. Der normale Bürger hat resigniert und macht so weiter wie bisher. Zumindest keiner meiner Freunde hat aufgrund des NSA-Skandals seinen Facebook Account gelöscht. Ich glaube, Sascha Lobo musste sich mal wieder Profilieren. 😉