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Über den Wolken

„Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ sang in meiner Jugend Reinhard Mey. Seit gestern wissen wir leider, dass auch über den Wolken irdische Grenzen durchaus von Belang sind und es dort sehr unsicher sein kann, wenn man über ein Krisengebiet fliegt. Ich will gar nicht groß meine eigenen Verschwörungstheorien zu MH17 formulieren, denn nix genaues weiß man nicht, aber trotzdem geht mir eine Sache nicht aus dem Kopf.

Im März 1999 war ich beruflich in Istanbul. Am Tag des Rückfluges hieß es dann, dass es wohl länger dauern würde, denn der Kosovo-Krieg begann und der Luftraum über dem Balkan wäre gesperrt. Man müsse also den Schlenker übers Schwarze Meer machen und das Krisengebiet weiträumig umfliegen. Der Heimflug dauert dann auch entsprechend länger, aber dafür kamen wir unversehrt an.

Im Netz findet man durchaus Hinweise, dass die Ukraine letzte Woche den Luftraum über dem Ostteil des Landes gesperrt hat. Also, wenn dieser Luftraum gesperrt ist, warum fliegen dann dort Zivilmaschinen rum?

Klar, wenn man von Amsterdam nach Kuala Lumpur fliegen will, dann geht der Großkreis genau über die Ukraine. Aber wenn dieser Luftraum zur unsicheren Zone erklärt wurde, warum werden dann Flugzeuge da durch geschleust. Ich denke mal, dass die Flugsicherung durchaus wissen müsste, welche Gegenden als unsicher gelten und darum verstehe ich es nicht, dass die Maschinen weiterhin dort rumfliegen. Warum werden die Flieger nicht von der Flugsicherung auf „sichere“ Routen umgeleitet?

Es kann ja kaum möglich sein, dass diese Entscheidung von den Erbsenzählern bei den Airlines getroffen werden die um Sprit zu sparen, dann mal schnell die „Abkürzung“ über das gefährliche Gebiet nehmen. Wobei es eh seltsam ist, denn laut Flightradar 24 verläuft der Großkreis weiter nördlich (die rote Linie), sozusagen an der Grenze der Ukraine zu Rußland.

fr24Interessant ist in diesem Zusammenhang aber leider auch, dass ich mir die Frage stelle, wie genau denn diese ganze Angaben bei den diversen Flugverfolgungsdiensten tatsächlich sind. Flightradar 24 zeigt für den heutigen Flug das rechtsstehende Bild. Glaube ich dieser Graphik, dann ist der heutige MH17 Flug also wieder über die Ost-Ukraine und die Absturzstelle des gestrigen Fluges gegangen.

Eine andere Darstellung bietet der Dienst Flightaware. fawareHier sieht man, dass MH17 heute die Ukraine gemieden hat und eine westenlich weiter südlich verlaufende Route genommen hat. Verständlich nach dem gestrigen Geschehen.

Trotzdem finde ich die Diskrepanz zwischen den beiden Flight-Trackern schon enorm, denn es geht hier ja im aktuellen Beispiel nicht um ein paar Kilometer, sondern der Kurs unterschiedet sich sehr heftig, je nachdem welchen Tracker man ansieht.

Trotzdem bleibt die Frage bestehen, warum Zivilflugzeuge über Krisengebieten fliegen (dürfen). Klar, der Pilot hat seinen Flugplan, aber wenn ein Teilstück dieses Flugplans über unsicheres Gebiet führt, dann erwarte ich eigentlich schon von der Flugsicherung, dass die Maschine umgeleitet wird.

Die Toten von gestern macht das leider auch nicht mehr lebendig. Und egal, wer dafür verantwortlich ist, es ist bedrückend zu sehen, dass dieser Vorfall von unseren kriegslüsternen Medien sofort ausgeschlachtet wird um NATO-Militäreinsätze in der Ostukraine zu fordern. Vor 100 Jahren fing der erste Weltkrieg mit den Schüssen von Sarajewo an, hoffen wir dass in zukünftigen Geschichtsbüchern nicht stehen wird, dass der dritte Weltkrieg mit dem Zwischenfall bei MH17 anfing. Ich habe jedenfalls gerade sehr schlaflose Nächte, besonders eben im Hinblick auf die Kriegspropaganda, die jetzt ihre Schlagzahl deutlich erhöht hat.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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