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Ich sehe was, das Du nicht siehst

Sorry für den blöden Titel, mir fiel aber gerade kein anderer ein. Dieser Blogartikel ist @Traumspruch gewidmet, einer meiner Twitter-Kontakte die eine besondere Begabung hat, denn sie ist blind. Gestern twitterte sie:

81.919 Neuerscheinungen im Jare 2013 – davon mal eben ca. 1000 für blinde als Hörfassung übersetzt… ##blindleben #Bücher

Dieser enttäuschte Tweet weckte mein Interesse als Ingenieur an dem Thema und so begann eine sehr interessante Diskussion:

Denn in meiner Blauäugikeit stellte ich einfach mal die Frage, ob es denn keine Möglichkeit gäbe, sich die Bücher in Form eines eBooks einfach mal von einem PC vorlesen zu lassen. Technisch gesehen ist ein eBook ja nix anderes als Markup-Text und jedes ePUB könnte von Programmen wie Calibre in eine schnöde Textdatei umgewandelt werden. Und Sprachausgabe-Programme gibt es ja eigentlich schon länger. Was also würde näher liegen als den eBook-Text einfach durch ein Sprachausgabeprogramm zu schicken?

Für mich als Sehenden ist es aber aktuell sehr schwer vorstellbar, sich den PC-Arbeitsplatz eines Blinden vorzustellen. Ich fragte daher nach, wie sie denn twittere und erhielt als Antwort, dass sie das mit Cobra mache. Toll, wenn man nach Cobra sucht, dann findet man jede Menge über Schlagen oder RTL-Action-Serien, aber kaum was über Blinde. Es ist mir trotzdem gelungen, die Herstellerseite von Cobra zu finden, aber wenn ich ehrlich bin, dann kann ich mir immer noch nicht vorstellen, wie das tatsächlich funktioniert. Bei Youtube gibt es wohle in paar Videos die zeigen, wie eine Braille-Zeile integriert ist, ob man daraus schlau wird weiß ich nicht. Google hat mir zum Glück einen Artikel „So arbeiten Blinde am PC“ gefunden, so dass ich tatsächlich eine Vorstellung davon bekomme wie das geht. Denn ein Ausprobieren scheitert wohl an den Preisen für die Software und die Hardware, Braille-Zeilen kosten wohl von 1000 Euro an aufwärts.

Und Begriffe wie TASO (Tactile-Acoustic. Screen Orientation) habe ich in meinem Leben vorher noch nie gehört, Braille war mir ein Begriff, doch die anderen technischen Möglichkeiten nicht. Also habe ich mal nach „ebook vorlesegerät blinde“ gegoogelt und da ein paar Sachen gefunden:

  • Der Leselöwe sieht aus wie ein Flachbettscanner und wird wohl Texte einscannen, via OCR umwandeln und dann vorlesen. Scheint für die Idee ePUBs vorlesen zu lassen eher ungeeignet, wohl aber vielleicht für gedruckte Bücher.
  • Der Hersteller von Cobra hat auch ein tragbares (1,6kg) schweres Vorlesegerät namens Lektor im Angebot welches wohl das Buch statt abzuscannen abfotografiert und dann vorliest.
  • Dann habe ich einen Forenbeitrag zu einem Gerät names Poet gefunden, allerdings ohne nähere technische Daten.
  • Interessant ist ein Artikel auf Golem der ein Vorlesegerät des CPU-Herstellers Intel beschreibt. Intel hat wohl auch eine Healthcare-Sparte und Intel hat hier ein Vorlesegerät entwickelt dass eBooks vorlesen kann, aber auch gedruckte Bücher ähnlich wie der oben beschriebene Lektor abfotografieren kann um es dann vorzulesen.

Ich habe in den letzen beiden Tagen sehr viel gelernt, und sehe durchaus Möglichkeiten. Cobra scheint ein kompletter Arbeitsplatz zu sein, da stellt sich mir die Frage ob Cobra bereits genügend Funktionalität „im Bauch“ hätte um ein am Bildschirm angezeigtes eBook dem Nutzer vorzulesen.

Als OpenSource-Evangelist habe ich natürlich auch mal geschaut, was z.B. mein Debian so zu bieten hätte. Und siehe da, es gibt ein Paket namens ebook-speaker mit folgender Beschreibung:

This package provides a command-line e-reader that reads out electronic books  using speech synthesis. It has a simple user interface appropriate for Braille  terminals.  Currently the EPUB and Microsoft Reader eBook (lit) format are supported.

Leider funktioniert die in der Beschreibung angegebene URL der Homepage dieses Programms nicht, es kommt nur noch „Forbidden“.  Ich habe das Ding mal installiert und mir ein ePUB in Englisch und eines in Deutsch vorlesen lassen. Schön ist, dass man die Vorlesegeschwindigkeit einstellen kann, aber die Sprachausgabe hört sich nach Kaugummi-Akzent-Englisch an. Hier wäre noch viel Arbeit zu tun, aber zumindest haben wir einen „proof of concept“.

Wenn man nach Text To Speech (TTS) googelt, dann findet man eine ganze Menge Software die Texte in Sprache umsetzt. Momentan fehlt mir aber die Zeit, mich intensiver damit zu beschäftigen, doch ich denke schon, dass es möglich sein sollte, Texte auch in einer guten Qualität, ähnlich wie man es von den Navigationsgeräten gewohnt ist auszugeben.

Zum Stolperstein können allerdings die eBook-Verlage werden. Bei den Recherchern konnte ich lesen, dass z.B. der Amazon-Kindle durchaus eine Vorlesefunktion hat, diese aber auf Wunsch der Verlage deaktivert werden kann. Auch wenn ich mir den Kindle als eher unbrauchbar für jemanden ohne Sehvermögen vorstelle, so ist das Abschalten dieser nützlichen Funktion durch die Verlage dann eher als Sabotage zu sehen. Ein anderes Problem dürfte DRM darstellen, denn jedes ebook-Vorleseprogramm müsste damit klarkommen, es sei denn man entfernt das DRM aus den Büchern.

Alternativ könnte man auch überlegen, ob die Verlage nicht einfach einen Service für die sehbehinderten Leser anbieten können bei dem sie das Buch von mir aus maschinell in eine Hörbuch im MP3-Format umwandeln. Dann müsste die möglicherweise aufwändige Software nur auf der Seite der Verlage laufen und nicht auf der Seite der Anwender.

Wobei natürlich immer noch zu überlegen ist, wie ein barrierefreies Abspielgerät aussehen sollte. Minitasten ohne Druckpunkt und Briefmarkendisplays wie bei den üblichen MP3-Playern dürften jedenfalls ausscheiden. Möglicherweise eher etwas größeres und erfühlbares, so wie z.B. der oben verlinke Intel-Reader.

Und letztlich lernt man wieder mal, dass Inklusion in der Praxis noch lange nicht so funktioniert wie man es sich wünschen würde.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

1 Kommentar

  1. Es ist schon erstaunlich, was Du alles gefunden hast.

    Und jetzt kommt die spannende Frage, wenn der/die Blinde diese Geräte / Programme das Hilfsmittel von der Krankenkasse oder gar dem Sozialamt bekommt, dann kommt es zusätzlich zu allem anderen darauf an, welche KK oder Sozialträger mit welchem Hersteller welche Verträge geschlossen hat.

    Denn leider wird nicht einfach genehmigt, sondern erstmal diskutiert.
    Mit den Kämpfen hierzu kann man Bücher füllen.

    HiMi’s (Hilfsmittel) sind etwas, worüber Geld verdient und Geld gespart werden kann. Und es kann zB schon alleine daran scheitern, dass die KK mit einem bestimmten Rehabetrieb einen Vertrag hat und mit einem anderen eben nicht. Der eine aber das Produkt, was Du brauchst (!) nicht führt und dann bekommst Du es eben nicht.