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Gedanken zum Lokführerstreik

Diese Woche ist ja Streikpause, aber was in der letzten Zeit zum Streik der Lokführer in unseren Qualitätsmedien berichtet wurde ist mal wieder unterste Schublade. Darum habe ich mir mal meine ganz eigenen Gedanken zum Lokführer-Streik gemacht.

Eines der häufigsten Gegenargumente die man lesen und hören konnte war „Der Bahnkunde wird in Geiselhaft genommen“. Tja, einen Streik den man nicht bemerkt kann man auch gleich sein lassen. Wenn also die GdL einen Streik macht der tatsächlich wahrgenommen wird, dann ist das ein deutlich besseres Druckmittel als ein Streik von dem keiner was merkt. Also wenn z.B. die „Finanzberater“ eine Woche streiken würden, da würde mir ja gleich gar nix fehlen.

Es scheint also so zu sein, als wären Lokführer durchaus systemrelevant. Denn wenn sie nicht fahren, dann geht wohl bundesweit nix mehr. Grund genug für unsere Regierung gleich mal über ein Gesetz zur Tarifeinheit nachzudenken, was offensichtlich in die Richtung zielt, dass man die Arbeitnehmerinteresen lieber von Schmuse-Gewerkschaften vertreten lassen will als von einer Spartengewerkschaft die tatsächlich mal die Zähne zeigt. Nebenbei fällt natürlich keinem auf, dass die Arbeitgeberseite die Tarifeinheit seit Jahren mit Beschäftigungsgesellschaften und der Auslagerung von Unternehmensbereichen in Subunternehmen massiv untergräbt. Beispiel Augsburg, hier werden Buslinien schon mal an „billigere Subunternehmer“ vergeben was natürlich auch den Vorteil hat, dass die Beschäftigtenzahl in allen einzelnen Subunternehmen gering gehalten wird was gewerkschaftliche Organisation erschwert.

Es würde mich schwer wundern, wenn der Gesetzentwurf zur Tarifeinheit den Arbeitsministerin Nahles vorlegen will auf diese Umstände Rücksicht nimmt und diese Probleme addressiert.

Ein anderes Argument in der Diskussion ist, dass Lokführer ja überhaupt froh sein können ihren Job zu haben weil da muss man ja nur vorwärts und rückwärts fahren, der Rest geht automatisch. Da frage ich mich dann schon warum wir trotz aller Automatik immer noch Zugunglücke haben. Wo doch alles automatisch geht.

Das interessanteste Argument ist schließlich die Lohnforderung selbst. 5% ist ja doch eine Menge, wenn man an die mageren Tarifabschlüsse der anderen Branchen in den letzten Jahren denkt. Und es soll ja andere Leute mit noch mehr Verantwortung geben die noch weniger bekommen, also sollen sich die Lokführer mal nicht so haben.

Bezeichnend für unseren „Qualitätsjournalismus“ ist dabei, dass man sich erdreistet FAQs zum Lokführerstreik zu veröffentlichen, hier aber nicht schreibt, was die Lokführer denn momentan so verdienen. Ein wenig Googeln hilft hier und man lernt, dass es wohl so zwischen 1750 und 2200 netto sind, brutto also irgendwo um die 3000 Euro. Für einen Job im Schichtdienst der bei jedem Wetter gemacht werden muss und der auch lange Abwesenheit von zuhause bedingt. Das ist in der Tat nicht viel, und natürlich woillen wir hier keine Neiddebatte anzetteln weil irgendwo eine Erzieherin mit einem ebenfalls verantwortungsvollem Job noch weniger verdient. Sie hat wohl leider auch keine Gewerkschaft die für sie mehr Geld raushandeln kann.

Das Problem bei der Diskussion um die Gehälter ist aber doch, was ist ein angemessenes Gehalt für den Lokführer? Er hat eine Menge Verantwortung und muss sein möglichstes tun um das Transportmittel Bahn trotz des Sparwahns im oberen Bahnmanagement am Laufen zu halten. Denn viele der Probleme bei der Bahn sind schlicht und einfach hausgemacht. Das Material ist marode, Wartung findet kaum statt oder nur auf Druck des Eisenbahnbundesamtes. Dieses Amt ist für die Sicherheit im Bahnverkehr zuständig und hat beispielsweise nach dem Achsbruch am Kölner Hauptbahnhof im Juli 2008 regelmäßige Wartung der betroffenen Zuggarnituren angeordnet was den Fahrplan natürlich stark durcheinanderwirbelte, denn die Bahn hat sich soweit kaputt gespart, dass kein Ersatz für rollendes Material das in die Werkstatt muss zur Verfügung steht. Da wird dann schon mal eine Breitseite gegen das Eisenbahnbundesamt abgefeuert weil diese „blockieren“ würden. Tatsächlich wäre es ja Aufgabe der Bahn-Manager hier für Sicherheit zu sorgen, aber ein Zug der nicht rollt bringt auch kein Geld ein. Also raus auf die Schiene damit und wenn etwas passiert, dann war es der Techniker, der das Problem nicht erkannt hat. Erinnerungen an das Zugunglück von Eschede kommen hoch, das ja auch wegen eines gebrochenen Radreifens passierte der bei der Wartung nicht erkannt wurde. Wenn man den Wartung macht. Alaska Airlines glaubte auch mal, seine Wartungsintervalle drastisch vergrößern zu können was am 31. Januar 2000 dann zum Absturz von Alaska Airlines Flug 261 führte bei dem 88 Menschen ums Leben kamen.

Zurück zu den Gehältern. Was uns tatsächlich fehlt ist ein Gefühl dafür, was denn das System Bahn tatsächlich kostet. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, es kostet zuviel weil der Staat ja Milliarden an Zuschüssen vom Staat bekommt. Und dafür auch ein Abstellgleis für ausgediente Politiker wie z.B. Ronald Pofalla anbietet (den konnte ich mir jetzt nicht verkneifen). Die Kostenstruktur bei der Bahn ist sehr undurchschaubar, vor allem nachdem jetzt das Schienennetz von einer eigenen Teilgeseellschaft betrieben wird.

Versuchen wir es also mal mit einem pragmatischen Ansatz. Ich muss (hypothetisch) von Augsburg nach München fahren. Für einfache Fahrt im Regionalexpress muss ich dafür 12,90 € Fahrpreis bezahlen. Mit mir im Zug fahren 100 andere Reisende nach München, also macht die Bahn mit ihnen 1290 € Umsatz. Im Berufsverkehr sind oft viel mehr als die hypothetischen 100 Pendler unterwegs, dafür kostet eine Monatskarte für die Strecke knapp 200 Euro, bei 20 Arbeitstagen also 10 Euro pro Tag oder 5 Euro pro Strecke. Dadurch, dass die Pendlerzüge aber meistens brechend voll sind kommt die Bahn also trotzdem auf ihren Umsatz. Gehen wir also mal von 1290 € aus die der Zug von Augsburg nach München „einfährt“. Dieser Zug ist knapp über 40 Minuten unterwegs. Ein Lokführer mit 3000 € Brutto im Monat verdient bei 40-Stunden-Woche dann gerade mal 18,75 €. Rechnen wir eine Dreiviertelstunde Fahrzeit, dann verdient der Lokführer während er den Zug von Augsburg nach München fährt also 14,04 €. Anders ausgedrückt: 1,08% des eingefahrenen Umsatzes für den Zug entfallen auf das Gehalt des Lokführers, 98,92 % auf andere Kosten. Ok, natürlich wollen die Zugbegleiter auch ihr Gehalt haben. Und der Zug braucht Energie, Wartung usw.

Aber wir wollten ja bei den Lokführern sein. Erhöhen wir also mal das Gehalt des Lokführers für diesen Zug um die geforderten 5% dann verdient er nun statt 14,04€ eben 14,74€, also satte 70 Cent mehr. Diese 70 Cent müssen von den 100 Reisenden finanziert werden, jeder ist also mit 0,7 Cent Mehrkosten mit dabei wenn man auf die „unverschämte Forderung“ der Lokführer eingeht.

Natürlich sind das (mangels echter harter Fakten) alles nur hypothetische Zahlen, aber ich denke das Beispiel macht klar, dass das Gehalt des Personals im Verhältnis zum Gesamten einfach nur in die Kategorie „Penauts“ fällt.

Natürlich können wir sicher sein, dass die nächste Bahn-Fahrpreiserhöhung so sicher kommt wie das Amen in der Kirche und man wird es unter anderem auch wie so oft mit dem hohen Tarifabschluss bei den Löhnen begründen. Und das Volk wird es glauben, denn nachrechnen kann und will ja offensichtlich keiner.

Und wegen mir könnten die Lokführer auch gerne 15-25% mehr Gehalt bekommen. Denn offensichtlich sind sie systemrelevant und systemrelevante Jobs sollen doch angeblich gut bezahlt werden.

 

 

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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