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Die Zeichen der Zeit

Seit Ende des letzten Jahrtausends bin ich Gewerkschaftsmitglied. Damals trat ich ein als mein damaliger Arbeitgeber einen Firmenbereich dem ich angehörte verkaufen wollte und da wollte ich natürlich die Gerwerkschaft als Verhandlungspartner stärken. Mittlerweile sind mehr als 15 Jahre ins Land gegangen und aus dem geplanten Verkauf wurde nix weil der Wunschkäufer gar nicht genügend Geld hatte. Trotzdem sind wir mittlerweile verkauft worden und mein oberster Boss sitzt heute nicht mehr in Deutschland sondern in Japan. Und ich denke über den Sinn einer Gewerkschaftsmitgliedschaft nach. Und wenn ich dann solche Meldungen höre wie gerade im Autoradio, dann wachsen die Zweifel, ob ich für mein 1% des Bruttolohns tatsächlich noch gut vertreten werde.

IG-Metall-Chef Detlef Wetzel wettert gerade gegen die Lokführergewerkschaft GdL. Das zumindest der Tenor der Nachrichtenmeldung im Radio. Die GdL hätte die Zeichen der Zeit nicht erkannt hieß es. Da frage ich mich, was die Zeichen der Zeit sind? Darüber schweigt sich Herr Wetzel leider aus. Wenn ich mir jedenfalls die Entwicklung von Produktivität und Unternehmensprofiten im Vergleich zur Lohnentwicklung in den letzten 15 Jahren ansehe, dann habe ich den Eindruck, dass die Löhne kräftig hinterher hinken. Na ja, zumindest die derjenigen die tatsächlich arbeiten, die Vorstandsgehälter explodieren ja.

Allein schon deshalb begrüße ich den Lokführerstreik, auch wenn die Regierung jetzt alles daran setzt das Streikrecht zu sabotieren. Sind das die Zeichen der Zeit? Dass wir uns das wegnehmen lassen was in der Vergangenheit mit viel Aufwand erkämpft wurde, nur weil ein Streik eben unbequem ist?

Bedenklich finde ich es, dass Wetzel hier eine neue Front „Gewerkschaft gegen Gewerkschaft“ eröffnet. Auch wenn im Mittelteil des Artikels die Kritik dann lautet, dass die GdL sich anmaße für Bereiche in denen sie nicht die Mehrheit der Mitglieder haben zuständig zu sein, so ist doch klar, dass letztlich beim Leser und Zuhörer erst mal ankommt, dass der IG-Metall-Chef den Lokführerstreik kritisiert. Und das dann noch mit der Phrase der „Zeichen der Zeit“ in die jeder das reininterpretieren kann, was er selbst gerne lesen oder hören möchte.

Im letzten Absatz steht dann noch ein wenig Propaganda für die IG-Metall: „Kurz vor Beginn der Tarifrunde in der Metallindustrie sieht Wetzel keinen Grund für Bescheidenheit.“ Schön, das zu lesen Herr Wetzel. Ich schlage ihnen daher folgenden Deal vor:

  1. Sie hören auf, sich als Mietmaul zu verdingen und den legitimen Arbeitskampf anderer Gewerkschaften zu kritisieren.
  2. Für die kommende Tarifrunde holen sie für die Metaller mindestens 5% Lohnerhöhung raus. Sie wollten ja unbescheiden sein und 5% sind da das Mindeste was erreicht werden muss.

Sollten Sie diese Ziele verfehlen,  dann wird auch die IG-Metall wieder mindestens ein Mitglied verlieren, nämlich mich. Denn dann sehe ich in der Tat keinen „Return of Investment“ für meinen Gewerkschaftsbeitrag.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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