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Hexenjagd im 21. Jahrhundert

Der „Qualitätsjournalismus“ in Deutschland, also das wofür man ein Leistungsschutzrecht einführen musste um ihn vor dem Aussterben zu bewahren sinkt mal wieder im Niveau auf bisher ungeahnte Tiefen.

Man bläst zur medialen Hetzjagd gegen den Vorsitzenden der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky. Die Bild-Zeitung bezeichnet ihn als „GrößenBahnsinnigen“ und veröffentlicht seine Diensttelefonnummer. Damit sich die vom Lokführerstreik betroffenen Bahnkunden mal direkt bei ihm beschweren können. Natürlich erreicht man dort nicht den Gewerkschaftschef, sondern seine Sekretärin, die Herr Weselsky aber zu schützen weiß. Dummerweise für die Bild ist Herr Weselsky deutlich schlauer als die Bildzeitungsedakteure und hat nach eigenen Angabe (siehe Video unten) einfach das Feature „Rufumleitung“ genutzt, so dass jetzt alle Anrufe auf seinem Dienstapparat bei Bahnchef Grube landen. Oder bei dessen Sekretärin. Wenn die dann zu genervt ist kann sie bestimmt auch eine Anrufweiterschaltung zu Kai Diekmann von der Bild machen. Da schließt sich dann der Kreis und die Bild-Leser die sich beschweren wollen fühlen sich daheim.

Das andere Revolverblatt das sich gerne den Anstrich eines „Fuck den“, äh Fakten-Nachrichtenmagazins gibt ist der Focus und der veröffentlicht gleich mal ein paar Bilder von Weselskys Privatwohnung wo er auf gigantischen 61 m² von seinem tollen Jahresgehalt anscheinend in Saus und Braus lebt. Ein Jahresgehalt für das Bahnchef Grube doch tatsächlich stolze 11 Tage lang „arbeiten“ muss. Die NachDenkSeiten haben heute einen sehr guten Artikel zu dieser Farce gebracht. Persönlichkeitsrechte und Datenschutz sind für die Focus-Redakteure also offensichtlich ein Fremdwort.

Natürlich ist der Bahnstreik lästig. Und ja, als einer der nur 900m zur Arbeitstelle hat kann ich mich natürlich ganz bequem mit den Lokführern solidarisieren, trifft mich ja nicht. Aber das Streikrecht ist nun mal ein Grundrecht und die Versuche das jetzt gesetzlich auszuhebeln sind ein seit 1933 nicht mehr dagewesener Angriff auf die Arbeitnehmerrechte. Rechte die uns allen zustehen, die mit sehr viel Einsatz und Blut erkämpft wurden und die sollen jetzt auf dem Altar des Neoliberalismus geopfert werden weil so ein Lokführerstreik eben lästig ist? Und wie ich an anderer Stelle schon beschrieben habe sollte eine Lohnerhöhung für die Lokführer das geringste Problem sein. Die NachDenkSeiten haben gestern eine Übersicht über die Lokführergehälter in Europa verlinkt die allerdings von 2007 zu sein scheint und damit noch aus der Zeit vor der Finanzkrise stammt. Trotzdem sehen wir, dass deutsche Lokführer das Schlußlicht bei der Bezahlung sind.

Das Morgenmagazin hat Claus Weslsky interviewt, das Video gibt es auf YouTube. Und ganz ehrlich, ich ziehe meinen Hut vor dem GDL-Vorsitzenden, der eben nicht klein beigibt sondern die Grundrechte die uns allen zustehen explizit einfordert. Deutschland braucht viel mehr solche „unbequemen“ Leute um wieder aus dem Schlamassel rauszukommen in den uns viele Jahr der neoliberalen Sparpolitik gebracht haben.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

5 Kommentare

  1. http://www.derwesten.de/thema/krupp-arbeitskampf

    die Zeiten der Solidarität scheinen vorbei zu sein.

    Es wird jetzt gegen die GDL gehetzt. Bei Amazon, Kita’s und anderen läuft es exakt genauso ab.

    Der Kunde wird nach seinen Einschränkungen befragt.
    Es wird nicht das Ziel der Arbeitsnehmer in den Focus gerückt.

    Warum auch. Schadet es doch dem „eigenen“ Wohlbefinden. *Sarkasmus off*

    Nein, Streik ist kein Spaß und macht allen keinen Spaß. Aber wenn wir es hinnehmen, dass dieses fundamentale Recht beschintten wird, dann wird „Hire and Fire“ mehr als nur üble Realtität. Und Hungerlöhne gehören dazu.

    Dies scheint unserer Gesellschaft aus einem unerfindlichen Grund aber vollkommen egal zu sein. Verstehen tue ich es nicht!

  2. Carsten Kettner

    07/11/2014 @ 07:23

    Ich bin etwas erstaunt über das Entsetzen über die Entgleisung der Berichterstattung von B**d und F***s. Gerade von diesen beiden Blättern bin ich nichts anderes gewöhnt. Umso mehr bin ich enttäuscht über die mangelnde Differenzierung des Streits und Streiks in den tatsächlich für sich reklamierenden Qualitätsblättern wie SZ, FAZ u.ä.

    Ich bin Autofahrer, und sehe den Streit von zwei Seiten. Über Lohnerhöhungen und andere Arbeitserleichterungen wird doch gar nicht (mehr) gestritten. Stillschweigend sind diese Themen doch vom Tisch, und so wie Du, Rainer, argumentiert hast in einem vorherigen Blog, sieht die DB das wohl auch: Was sind 5% Lohnerhöhung – genau. Pippifax.

    Worum es doch geht, und da kann ich die DB sehr gut verstehen, ist, dass man für ein und dieselbe Berufsgruppe nicht verschiedene Tarifverträge mit unterschiedlichen Gewerkschaften aushandeln kann.
    Die DB AG hat daher vorgeschlagen, in solchen Fällen mit beiden Gewerkschaften gemeinsam zu verhandeln. Hört sich für mich vernünftig an – die GDL hat ein Problem damit. Warum? Keine Ahnung. Aber dieser Alleinvertretungsanspruch ist doch fatal, zumal sich die GDL bis heute weigert, offenzulegen wieviele Nicht-Lokführer eigentlich bei ihr organisiert sind.

    Was würde der Alleinvertretungsanspruch bedeuten? Fiktiv, die Schaffner der GDL würden bessere Bedingungen bekommen als die der EVG. Der DB AG kann das eigentlich egal sein. Damit würden sich die Gewerkschaften gegenseitig ausspielen, Schaffner aus der EVG austreten und in die GDL eintreten und bei anderen Berufsgruppen wäre es umgekehrt.
    Interessant würde auch die Situation, wenn sich (im unwahrscheinlichen Falle, da die EVG aus Sicht der GDL eine zweifelhafte Historie hat) die beiden Gewerkschaften zusammentäten und die DB AB ausspielten durch gegenseitiges Überbieten.

    Letztlich muß man aber auch sehen, in welch komfortablen Situation die Angestellten der DB AG sind: Dieser Laden ist ein Staatsbetrieb und daher faktisch kaum in die Insolvenz zu treiben. Das heißt, die Arbeitsplätze hier sind im Vergleich zur wirklich freien Wirtschaft sehr sicher, solange die Existenzgrundlagen des Unternehmens nicht angegriffen werden. Doch genau daran sägen die Lokführer zur Zeit kräftig.

    Am Ende geht es nicht um Grundrechte, denn das Streikrecht ist unbestritten und heute auch vom AG Frankfurt bestätigt worden. Es geht um Mitgliedsacquise und Machtkampf.

    • Wenn eine Firma ein Problem damit hat, sich mit zwei Gewerkschaften auseinanderzusetzen, dann liegt das oft daran, dass in der einen Gewerkschaft Menschen sind, mit denen die Firma „gut“ sprechen kann und in der anderen Gewerkschaft eben nicht.

      Bei einigen großen Gewerkschaften habe ich das Gefühl, dass einige Entscheidungsträger sich nicht mehr für ein vernünftiges Durchsetzen von Arbeitnehmerinteressen eignen.

      Diese haben sich, ebenso wie viele Politiker, viel zu weit vom arbeitenden Volk entfernt.

      Und sobald ein Gewerkschaftsvertreter sich gegen etwas stellt, wird ihm vorgeworfen, selber ein Machtspiel zu betreiben. Aber wohin geht denn das Machtspiel. Geht es um die Macht des einzelnen Menschen (in diesem Fall Herrn Weselsky) oder um die Macht der Arbeiter??

      Dieser Aspekt wird in der letzten Zeit stark vernachlässigt.

      Ein Alleinvertretungsanspruch der EVG hat ein Geschmäckle. Warum ist dieser eigentlich widerspruchslos als richtig erkannt? Und warum ist dies der DB AG so wichtig?? Was verspricht die DB AG sich davon?

  3. Hierzu noch interessant

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-11/lokfuehrer-streik-gdl-kommentar

    Besonders unter 1.

    Zitat: „1. Das Streikrecht ist ein Grundrecht. Es steht Arbeitnehmern und Gewerkschaften zu, ganz egal, für welche Tarifziele sie fechten.“

    und

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-10/streikrecht-lokfuehrer-piloten-pro-und-contra

    Bemerkenswert ist dieser Fakt

    „In Deutschland galt bis 2010 der Grundsatz, dass in jedem Betrieb der Tarifvertrag gilt, der von der Gewerkschaft mit den jeweils meisten Mitgliedern vereinbart wurde (Mehrheitsprinzip). Dann wurde dieser Grundsatz jedoch vom Bundesarbeitsgericht gekippt.“

    Und erst jetzt scheint der Bundesregierung unter Druck der Wirtschaft hier Handlungsbedarf zu sehen.

    Handlungsbedarf für Zeitarbeit, Minijobs (man braucht ja einige zum Überleben) und dergleichen wird allerdings nicht gesehen.

    Das die Wirtschaft mit „just in Time“ das Lager auf die Straße bzw. Schiene umgelegt hat, mag dem einzelnen Unternehmen dienen. Und so wird auch Arbeit „just in Time“ verteilt. Aber dient es dem Bürger?

    „Just in time“ der Wirtschaft scheint hier also den Handlungsbedarf der Bundesregierung zu beeinflussen. Ebenso die Börsenwerte der Unternehmen.