Artikelformat

Erfüllungsgehilfen

Wenn man heute Google-News aufmacht, dann ist die Top-Schlagzeile der Auschwitz-Prozess gegen den „Buchhalter des Todes„. Und die Tatsache, dass man ein Strafverfahren gegen einen 93-jährigen „Handlanger des Todes“ eröffnet hat wird von der Mainstream-Presse als Erfolg gefeiert. Und ich frage mich ganz leise, wovon dieser Erfolg ablenken soll.


Der Angeklagte Oskar Gröning räumt eine moralische Schuld ein. Und doch war er nichts weiter als der Erfüllungsgehilfe eines Regimes das Europa mit einer Schreckensherrschaft überzog. Wir sollten bei aller Euphorie über dieses Gerichtsverfahren nun mal nicht vergessen, dass der zweite Weltkrieg  mittlerweile 70 Jahre her ist, ein heute 93-jähriger war also damals 23 Jahre alt. Und jetzt stelle ich mir die Frage, welche Handlungsoptionen hat man denn als 23-jähriger in einem solchen Regime.

Als ich jung war habe ich oft mit meiner Mutter über den Krieg diskutiert, sie war Jahrgang 1917 und hat diese Zeit als junger Erwachsener miterlebt. Und damals war die Friedensbewegung mit dem Slogan „Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“, also fragte ich warum die Leute denn im Krieg hingegangen sind statt sich diesem Irrsinn zu verweigern. Die lapidare Antwort war, dass derjenige der nicht bereit war für Führer und Vaterland zu sterben dann an die Wand gestellt und erschossen wurde, hingemeuchelt von anderen Erfüllungsgehilfen eines wahnsinnigen Diktators die ihrerseits Angst hatten selbst vor so ein Erschießungskommando zu kommen wenn sie sich selbst verweigern.

Ob Gröning nun mit seiner „Mittäterschaft“ nur sein eigenes Leben retten wollte oder ob er der böse Nazi war dem es egal war was mit den Opfern des Holocaust passierte möge das Gericht entscheiden. Und selbst wenn man seine Schuld feststellt sollte man bedenken, dass er der damals im dritten Reich vorherrschenden Ideologie folgte.

Und jetzt blenden wir mal in die Gegenwart. Die heutige Ideologie heißt aktuell gerade „Neoliberalismus“ und die Doktrin ist, dass jeder seines Glückes Schmied ist und wer auf der Strecke bleibt, der hat sich eben nur nicht genügend angestengt. Und wenn Flüchtlinge im Mittelmeer jämmerlich ersaufen, dann sind sie halt auf der Strecke geblieben weil. Shit happens. Vor allem im Neoliberalismus. Und da „wir“ keine Flüchtlinge durchfüttern wollen sind die Toten sogar als Abschreckung für andere Flüchtlinge willkommen. Ok, es sind dummerweise mittlerweile so viele Tote auf einmal, dass die Menschen (so wie ich) anfangen das westliche Wertesystem zu hinterfragen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen in der Medienlandschaft welche dieses Flüchtlingsdrama mit folgenden Worten beschreiben: „Es ist Mord.

Wenn also der Tod der Flüchtlinge vor Lampedusa auch als Mord gewertet werden kann und dieser hingenommen wird weil angeblich kein Geld für die Verlängerung von „Mare Nostrum“ vorhanden ist, ist dann deutsche Finanzminister, der uns die Mär vom fehlenden Geld erzählt nicht auch ein „Buchhalter des Todes“? Sind die Politiker die jetzt mit dem Finger auf die Schlepper als Schuldige zeigen und dabei total ausblenden, dass der Flüchtlingsdruck ja hauptsächlich vorhanden ist weil der Westen die Heimatländer dieser Flüchtlinge in Schutt und Asche gebombt, sind diese Politiker nicht auch willfährige Erfüllungsgehilfen eines kaputten Systems?

Einer meiner Freunde twitterte heute Nachmittag folgendes:

Das ist die Realität im Jahr 2015. Der von der angeblich so zivilisierten Welt ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ hat mittlerweile mehr als 1 Millionen Menschen das Leben gekostet. Und da wundern wir uns, warum Menschen auf der Flucht sind? Nur weil der Westen für sich reklamiert „die Guten“ zu sein heißt das noch lange nicht, dass unsere Ideologie nicht genauso kaputt ist wie die vor 70 Jahren. Beispiele gefällig?

  • Chelsea Manning hat sich entschieden kein Erfüllungsgehilfe zu sein, sie hat uns auf die Kriegsverbrechen seiner Nation aufmerksam gemacht (Collateral Murder) und darf deshalb nun bis an Lebensende im Knast sitzen während die Mörder deren Tat sie öffentlich machte weiterhin frei sind.
  • Edward Snowden hat sich entschieden kein Erfüllungsgehilfe zu sein und uns über die weltweite Überwachung durch die NSA informiert. Als Dank muss er im russischen Asyl ausharren und in seiner Heimat gibt es genügend „Patrioten“ die ihn am liebsten lynchen würden.

Natürlich kann man jetzt sagen, so  sind sie halt die Amis. Aber ok, schauen wir doch mal nach Deutschland.

  • Die Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann wollte keine Erfüllungsgehilfin des menschenverachtenden Hartz-IV-Systems mehr sein und wurde deswegen vom Dienst suspendiert und gilt als „Nestbeschmutzerin“.
  • Bei diversen Demonstrationen gegen unsinnige Großprojekte (Stuttgart 21) oder Symbole des Kapitalismus (EZB) werden besorgte Bürger von der Polizei niedergeknüppelt oder mit Wasserwerfern beschossen. Im Falle der EZB-Krawalle hält der Polizeipräsident sogar einen Schusswaffeneinsatz für vertretbar.
  • Und wenn die Lokführer wieder von ihrem Streikrecht Gebrauch machen wollen, dann versucht die Politik hier Streiks zu verbieten, damit es keinem weh tut? Auch hier wieder ein sehr passender Kommentar meines Freundes auf Twitter:

Darum also nochmals die Frage aus der Einleitung? Erfüllt dieser Ausschwitz-Prozess den man jetzt als Top-Nachricht verkauft nicht einfach eine Alibi-Funktion um vom aktuellen Versagen der Politik auf so vielen Ebenen abzulenken?

 

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Tja, Leute! Seht es doch ein: Diese Toten, also die im Mittelmeer jetzt, die sind nicht gut, die lenken ab von der, mom, wie heißt das jetzt, ach ja, Höchstspeicherfrist, also von deren Wichtigkeit, da kann man so Tote von jetzt nicht gebrauchen.
    Die Toten von vor 70 Jahren tun ja keinem weh, also nicht mehr als sowieso, da kann man eher mal drüber berichten, das schadet nicht, im Gegenteil, da kann man dann gleich mal Werbung machen für die „Frist“, weil sowas könnte mit eben dieser heute nicht mehr passieren, weil ja alles vorher verhindert werden würde, was ja bei den Mittelmeertoten nicht so ist, da müsste man ja an ganz anderer Stelle ansetzen, aber das würde ja unseren Wohlstand schmälern und das geht natürlich gar nicht.

    Wirrer Gedankengang? Ja, da stimme ich zu, aber wie sonst will man sich das Ganze erklären…

  2. Carsten Kettner

    22/04/2015 @ 07:47

    Vielleicht soll ja auch davon abgelenkt werden, dass die deutsche Justiz jahrzehntelang extrem blind auf diesem Auge gewesen ist. Man mußte Staatsanwälte ja regelrecht prügeln, damit die sich bequemten ein Verfahren gegen ehemalige SS-Schergen zu eröffnen. Das ist nicht wirklich neu und zu Beginn habe ich mir gesagt, dass noch etliche (ex-)Braune in der Justiz sitzen dürften, die sich und ihresgleichen schützten. Aber soviele kann es davon gar nicht mehr geben.
    Also, nun wird Aktionismus vorgestäuscht – wem nützt es?