Artikelformat

Wir brauchen mehr Aufklärung!

Heute morgen hatten wir ein sehr interessantes Gesprächsthema mit unserer 14-jährigen Tochter. Denn sie kam plötzlich mit seltsamen homophoben Äußerungen daher. Das wollten wir dann genauer wissen und so stellte sich heraus, dass sie gestern nachmittag beim Stadtbummel wohl von einer Demonstration der „Initiative Besorgte Eltern“ zusammengeraten ist. Eine Demo gegen die frühe sexuelle Erziehung. Und sie brachte ein Flugblatt (4 Seiten A4 auf A3 gefaltet) mit, das die Menschen wohl „informieren“ sollte.

Tatsächlich sind die Informationen relativ aus dem Zusammenhang gerissene Zitatschnipsel die offensichtlich zum Ziel haben, die zu Informierenden in einen Zustand der Empörung zu versetzten. Empört haben sie mich dann letztlich auch, allerdings angesichts des folgenden Abschnitts den ich mal für Euch eingescannt habe (die Hervorhebungen sind so im Flugblatt drin):

flyer-ausschnittAha, die Kinder müssen sich also für eine sexuelle Orientierung entscheiden..? „Its not a matter of choice, stupid“ kann man da nur rufen, es hat nichts mit einer freien Entscheidung zu tun sondern ist eben wie es ist. Wer mit solchen Argumenten die bei näherer Betrachtung nichts als BULLSHIT sind kommt, disqualifiziert sich für jede sinnvolle oder konstruktive Diskussion.

Wir haben dann unsere Tochter mal aufgefordert sich ein Leben als Lesbe vorzustellen, ob sie das denn machen könnte. Natürlich konnte sie sich das nicht vorstellen weil es eben nicht ihrer sexuellen Orientierung entspricht und sie hat dann auch eingesehen, dass das wohl kein „Entscheidungsprozess“ ist sondern eben eine Diversität wie sie in der Natur häufig anzutreffen ist. Deswegen sind die Menschen trotzdem Menschen die mit dem gleichen Respekt behandelt werden müssen wie die verklemmten und prüden Idioten die solche Flugblätter verfassen. Gerade läuft hier z.B. „This is M.E.“ von Melissa Etheridge die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt und auch wenn sie gerade singt „I’m a monster“ sehe ich in ihr vor allem eine sehr gute Künstlerin.

Der Flyer spart dann auch nicht mit weiteren Empörungsphrasen wie „Porno-Unterricht“. Da stelle ich nur fest, wenn es „Porno-Unterricht“ gäbe, dann gäbe es wohl auch keinen Grund für FSK-18-Filme. Und ich gehe auch nicht davon aus, dass man nun in der Schule das Kamasutra lesen oder gar durcharbeiten muss.

Es ist aber sicher nicht verkehrt, die Fragen der Kinder nach ihrer Herkunft zu beantworten, man muss ja nicht unbedingt den Klapperstroch oder die Blumen und die Bienen zitieren. Und natürlich ist es bei diesem Thema auch wichtig, dass das Kind lernt, dass es ein sexuelles Spektrum gibt, eben einen Regenbogen der nicht nur eine Farbe hat. Das wäre so wie wenn ich mich erdreisten würde „rot“ zur universellen Lieblingsfarbe zu erklären und jeden der eine andere Lieblingsfarbe (mein Sohn mag lieber blau) als „abartig“ auzugrenzen. Würde bei Farben keiner machen, oder? Warum also bei sexuellen Orientierungen? Es ist wie gesagt keine Frage der individuellen Entscheidung.

Erschreckend finde ich allerdings eben, wie dieses Flugblatt meine Tochter beeinflusst hat und wie sie bestimmte Dinge erst mal ohne zu hinterfragen übernommen hat. Klar, die Info ist schön bunt auf Hochglanzpapier gedruckt und scheint die wichtigsten Argumente zu enthalten. Leider aber eben nur die Argumente der einen Seite, Menschen mit Medienkompetenz können das relativ schnell als Propaganda entlarven, aber diese Kompetenz fehlt meiner Tochter wohl noch und wird offensichtlich in der Schule auch nicht besonders geschult.

Update: Laut unserer Lokalzeitung gab es wohl auch eine Gegendemonstration. Meine Tocher hatte so etwas auch schon angedeutet.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (3 votes, average: 5,00 von 5)

Loading...

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. Es ist leider so, das wenige recht laut sind und dadurch eine Mehrheit vortäuschen. Und ja, wenn mehr Leute Medienkompetenz besitzen würden und das auch in der Schule von Beginn an auf dem Lehrplan stünde, würde man sich mit solchen Auswüchsen nicht herumärgern müssen.
    Wir hatten letztens genau dieses Flugblatt im Briefkasten. Leider. Jetzt überlegen wir uns, ob wir uns Kinder zulegen, damit wir wenigstens betroffen sind. 🙂 Nein, im Ernst, ich habs überflogen und als Shit eingstuft. Hernach wurde es zum Recycling freigegeben. Mehr war es nicht wert.
    Bisher habe ich von dieser „Initiative“ noch nicht mehr gelesen und gesehen, als aus dem Zusammenhang grissene Zitate und wüste Behauptungen.

  2. Kinder / Jugendliche / jung Erwachsene sind in vieler Hinsicht manipulierbar!

    Deswegen gehen solche Gruppen ja auch an diese Zielgruppe heran und geben denen ihre Flugblätter, in der Hoffnung, dass

    entweder deren Eltern es nicht mitbekommen um die Vielfalt zu erklären

    oder deren Eltern mit dem Gedankengut der Flugblätter übereinstimmen.

    Dies kann man bei verschiedenen Gruppen genau so beobachten!

    Und nein, die Kinder werden NICHT in Medienkompetenz wirklich unterrichtet! Das muss das Elternhaus erledigen! Dies muss man unter dem Aspekt sehen, dass die Lehrer keine Meinung vertreten dürfen (oder doch und wenn ja welche?) und etwas nicht „wertend“ zu kommentieren fällt einigen Lehrpersonen so schwer, dass sie es einfach lassen!

    Kritisch ein Flugblatt oder einen Zeitungsartikel zu lesen (einen Fernsehbeitrag / Werbung) und zu hinterfragen wird zu einem Zeitpunkt versucht zu lehren, wo die Kinder noch gar nicht das Interesse dafür haben. Und es wird nicht ständig gemacht……… es gleicht eher einem einmaligen Versuch.

    Entweder, man kann es danach, oder eben nicht.

    Diesbzgl. habe ich mir die Hausaufgaben zu „Jugendsprache“ meiner 7.Klässlerin angesehen……… und es werden extreme Sätze dort „analysiert“ die schon eher an Gossensprache erinnern. Oder die Theatergruppe, die im Stil von GNTM etwas darstellt, ohne dieses System zu hinterfragen. Oder die Gruppe 10. Klässler, die jetzt in Ausschwitz waren……

    Es mutet seltsam an, dass so viele Chancen vertan werden……..

    Ich habe mich gerade von meiner Großen (10. Gym) aufklären lassen, man lernt zwar zu analysieren, aber zu hinterfragen eher weniger! Ebenso lernt man weniger, wie man Quellen überprüft!