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Trugbilder und Trugschlüsse

Wenn ich mit unserem Hund spazieren gehe, dann höre ich meist nebenbei einen Podcast, denn das ist interessant und man lernt viele neue Dinge dabei. Zu den abonnierten Podcasts gehört bei mir auch der Leonardo-Podcast von WDR5, einer Sendung die jeden Werktag über diverse Neuheiten aus Wissenschaft und Technik berichtet. Gestern hörte ich dann die Sendung vom 1. Juni und war baff erstaunt über ein Thema.

Es ging um den Absturz von MH17 im Juli letzten Jahres in der Ost-Ukraine. Ein britsches Forensik-Team hätte nun herausgefunden, dass die Bilder, die Russland zur Verfügung gestellt hatte verfälscht wären. Eine heftige Anschuldigung, besonders nach der Wiedereröffnung des kalten Krieges mit Russland und den anderen diplomatischen Amokläufen wie z.B. der von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz der nun russischen Botschaftern Hausverbot erteilt hat. Kindergartendiplomatie auf untersetem Niveau.

Aber zurück zu den Satellitenbildern. Dass man solche Bilder durchaus für eigene Zwecke manipulieren kann wissen wir sptätestens seit August 2002 als uns Dick Cheney die Story von den irakischen Massenvernichtungswaffen auftischte und man in den Nachrichtensendungen die angeblich zu Abschußbasen umgebauten Trucks auf Satelittenbildern bewundern konnte. Basierend auf dieser Lüge hat man dann den Irak-Krieg angefangen.

Und nun bezichtigt man die Russen der Bildverfälschung. Stefan Niggemeier schaut in den Blätterwald des deutschen Qualitätsjournalismus und stellt fest, dass alle auf den Zug aufspringen und Russland der Fälschung beschuldigen. Die NachDenkSeiten haben hingegen gestern eine sehr interessante Analyse dieser Forensik-Arbeit verlinkt, und diese Analyse kommt zu dem vernichtenden Schluss, dass die Forensiker schlicht und einfach gepfuscht haben. Eine weitere sehr detaillierte Analyse gibt es zudem hier.

Was mich allerdings wirklich betroffen macht ist die Geschwindigkeit mit der es diese Propaganda in einen Wissenschafts-Podcast geschafft hat. Von Leuten die sich mit Wissenschaft beschäftigen hätte ich ein wenig mehr kritische Distanz zu solchen Meldungen erwartet und wenn ich dann hören muss, dass man den echten Aufnahmezeitpunkt angeblich „durch Vergleich mit anderen Bildern und der dort sichtbaren Vegetation (z.B. Gras)“ bestimmen konnte, dann kann ich nur gequält auflachen um dann in einem tief traurigen Facepalm zu versinken. Ja, als Hausbesitzer weiß ich auch, dass das Gras manchmal wie die Hölle wächst, aber hallo, wenn mir jemand erzählen will er könne von einem Satelliten aus das Wachstum des Grases über einen Zeitraum von ein paar Tagen unterscheiden, dann hören sich im Vergleich dazu die Geschichten des Barons Münchhausen wie die reine Wahrheit an.

Die Schlussfolgerungen aus der Bellingcat-Analyse sind meiner Meinung nach nicht geeignet, Russland irgendwas vorzuwerfen. Und soweit ich mich erinnern kann waren die Russen ja bislang die einzigen die ihre Satellitenbilder zur Aufklärung des MH17-Absturzes herausgegeben haben. Ein Absturz der bald ein Jahr her ist und bei dem es noch keine wirklich schlüssigen Erkenntnisse gibt weil offennsichtlich niemand so wirklich an einer Wahrheitsfindung interessiert ist. Da schmeißt man lieber Propaganda-Nebelkerzen um mal wieder gegen Russland zu hetzen.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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