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Auge um Auge, Zahn um Zahn

So in etwa scheint das „Programm“ von Hollande nach den Anschlägen von Paris zu lauten. Heute Nacht hat die französische Luftwaffe bereits Orte in Syrien bombardiert, ob sie dabei tatsächlich IS-Kämpfer erwischt haben ist fraglich. Zumal sich immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass IS nicht so einfach weggebombt werden kann.

Ich kann die Reaktion von Hollande sehr gut verstehen, aber wenn man versucht die Situation mit Abstand zu betrachten, dann agiert er wie ein angeschossenes Wildtier. Oder wie ein Kindergartenkind nach dem Motto „Du hast meine Sandburg kaputt gemacht, darum mach ich jetzt Deine Sandburg kaputt“. Leider geht es in dieser Auseinandersetzung nicht um Sandburgen sondern um Menschen und es steht zu befürchten, dass Bombenteppiche auch wieder hauptsächlich Unschuldige treffen.

Das alttestamentarische Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist kein guter Ratgeber für Konflikte, denn am Ende sind beide Konfliktparteien zahnlos und blind. Hollande hat leider den Weitwinkel-Blick eines Staatsmannes verloren und ist nur noch auf den Rachefeldzug gegen den IS fixiert. Und dafür werden dann wieder Bürgerrechte beschnitten, so will Hollande im Parlament durchsetzen, dass der Ausnahmezustand in Frankreich drei Monate erhalten bleibt. Und es kommt zu Aktionen die zumindest bei mir für Verwunderung sorgen. So hörte ich gestern in den Nachrichten, dass 6 Angehörige eines identifizierten Terroristen verhaftet wurden. Leider hat der Nachrichtensprecher nicht erwähnt, aus welchen Gründen diese Verhaftung stattfand. Ich hoffe es gibt plausible Gründe und Frankreich führt jetzt nicht die Sippenhaft ein.

Heute nachmittag hat Nicolas Martin versucht auf Twitter die Ansprache von Hollande sozusagen „simultan“ zu übersetzen. Doch dann geriet er ins Stocken:

„Ich tu mich jetzt grad schwer die Begriffe „auslöschen“ und „nach den Prinzipien des Rechtstaats“ in einen Satz zu packen, der Sinn macht.“

Frankreich ist offensichtlich drauf und dran, sich von IS einen Vernichtungskrieg aufzwingen zu lassen. Und das dürfte nur wieder die Gewaltspirale anheizen.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. ein anderer Stefan

    16/11/2015 @ 21:11

    Mich irritiert die Kriegsrhetorik von Hollande auch sehr. Es erinnert mich an 9/11, und wohin uns der „War on Terror“ gebacht hat, sehen wir ja.
    Änderung der Verfassung, Ausnahmezustand, (noch) mehr Macht für den Präsidenten – da wird mir sehr flau im Magen. (Hat da jemand Ermächtigungsgesetz gesagt?) Ich denke, Hollande ist gerade dabei, einen sehr gefährlichen Irrweg zu beschreiten.

    Nebenbei bemerkt, ist das alttestamentarische Prinzip damals dazu gedacht gewesen, ausufernde Blutrachen zu begrenzen, die eher so liefen: erschlägst du meinen Bruder, erschlage ich dich und deinen Bruder. Heute sehen wir das etwas anders…

  2. Dieses ekelhafte „Ich zahl’s dir Heim“ Denken macht mir richtig Angst zur Zeit. Da wünschte ich mir oft das alttestamentliche „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, statt dem „1 Auge von mir, 10 Augen von dir“ was wir sonst erleben. Leider werden die Angriffe im „Krieg gegen den Terror“ vermutlich immer mehr Terroristen hervorbringen. Sagte zum Beispiel auch Edward Snowden in einem Interview.

    The drone program creates more terrorists than it kills. There was no Islamic State until we started bombing these states. The biggest threat we face in the region was born from our own policies.

    Dieses Problem hat glaube ich auch „Die Anstalt“ vor ein paar Monaten beleuchtet.