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Hey Boss, ich brauch mehr Geld

Vor 42 Jahren sang Gunter Gabriel das Lied „Hey Boss, ich brauch mehr Geld„. Tja, Gunter Gabriel hatte damals noch die Möglichkeit, mit seinem Boss über den Lohn zu diskutieren, ein Großteil unserer Arbeitnehmer hat aber diese Aufgabe an die Gewerkschaft als Tarifpartei delegiert. Und hier hat sich seit 1972 leider auch einiges verändert.

Heute schlugen zwei Meldungen in meinen Feedreader auf, die gegensätzlicher kaum sein können:

  1. Heiner Flassbeck schreibt: „Wenn den Gewerkschaften die Stunde schlägt“ und wettert wieder gegen die deutschen Niedriglöhne deren Wachstumsraten von 2015 unter denen von 2014 lagen.
  2. Die IG Metall eröffnet die diesjährige Tarifrunde mit „IG Metall fordert 5 Prozent mehr Geld

Die IG Metall glaubt dann auch noch „gute Argumente“ präsentieren zu können. Wenn aber eines der Argumente ist „Das Umfeld für Exportindustrie bleibt günstig“, dann kommt mir das kalte Grausen. Hat sich bei der IG Metall noch nicht herumgesprochen, dass unsere Finanzkrise den deutschen Exportüberschüssen geschuldet ist und wir das Problem in Europa wohl nur dadurch lösen können indem die Bedinungen für den deutschen Export verschlechtert werden? Vielleicht sollten die Gewerkschafter mal häufiger bei Flassbeck lesen.

Da Argument „Preise ziehen nach Talfahrt wieder an“ ist auch nur Wunschdenken. Wir sehen eine tolle Balkengraphik mit „Talfahrt“ seit 2011 und in 2016 ist der Balken plötzlich wieder bei 1,2 Prozent Preissteigerung. Doof nur, dass 2016 gerade mal 2 Monate alt ist und keiner sagen kann, wie dieser Balken tatsächlich am 31. Dezember aussehen wird. Dieses Argument ist also zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts als Bullshit. Bullshit im Sinne von Harry G. Frankfurt der dieses sehr lesenswerte Büchlein „On Bullshit“ verfasst hat. Sprich, es ist Bullshit weil es nicht beweisbar ist und es der IG Metall auch egal ist, ob diese Prognose stimmt oder nicht, Hauptsache sie passt gerade zur aktuellen Argumentationskette.

Und wenn dann auch noch „Konsum ist Wachstumsmotor“ getönt wird, dann möchte man der IG Metall am liebsten einen anderen Artikel von Flassbeck um die Ohren hauen, nämlich als er am 22. Februar darlegte, dass Europa markträumende Mindestlöhne braucht um überhaupt einen Aufschwung zu bekommen.

Das ganze Dilemma wird noch fürchterlicher wenn man mal in der Zeit zurückreist. Inspiriert durch Gunter Gabriel habe ich mal versucht rauszufinden was damals so in Sachen Tarifpolitik passierte. Und es gibt da ein sehr interessantes Dokument zum Arbeitskampf in der Metallindustrie im Jahr 1971. Besonders krass ist die abschließende Bewertung in diesem Artikel:

Das materielle Ergebnis — 180 DM pauschal für die Monate Oktober bis Dezember 1971, 7,5 Prozent Tariflohnerhöhung ab 1. Januar 1972, 15 Monate tarifvertragliche Laufzeit — spricht für einen Erfolg der Unternehmer.

Also, wenn die IG Metall 1971 „nur“ 7,5 Prozent Tariflohnerhöhung durchsetzen konnte, dann war das damals bereits ein „Erfolg der Unternehmer“. Was bitteschön ist dann ein Einstieg in die Tarifrunde wenn man als Ausgangsforderung nur 5 Prozent haben will und das tatsächliche Resultat dann irgendwo zwischen 2 und 3 Prozent liegen wird? Welche Vokabel passt hier? Bankrotterklärung?

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. Hi,

    die Inflationsrate war 1971 aber eine ganz andere, durchschnittlich 5,2%.
    http://de.inflation.eu/inflationsraten/deutschland/historische-inflation/vpi-inflation-deutschland-1971.aspx

    Da liegt die Netto-Lohnerhöhung bei Brutto 7,5% bei 2,3%. Also auch so in der Schlagweite von den Zahlen, die Du für „heute“ nennst.

    Legst Du den Gewerkschaften tatsächlich nahe, zu argumentieren, dass die Arbeitgeber (ich vermute einfach mal, dass die Metallindustrie hauptsächlich eine Exportindustrie ist) ihre Exporte vermindern sollen, also ihr Geschäft verringern, und gleichzeitig kräftige Lohnerhöhung zu fordern? Soweit ich weiß, sind Löhne in der Metallindustrie übrigens so schlecht nicht…

    VG
    Erik

    • Die von der EZB angepeilte Inflationsrate ist 2 Prozent und die IG Metall geht von 1,2 Prozent für 2016 aus. Wenn wir also sagen wir mal die Hälfte von den geforderten 5% bekommen, dann sind das nur 0,5 bzw. 1,3 Prozent mehr.

      Ja, ich legen den Gewerkschaften nahe, wesentlich höhere Lohnforderungen zu stellen, so dass die deutschen Außenhandelsüberschüsse irgendwann zurückgefahren werden können. Denn aktuell zerbricht Europa an diesem Ungleichgewicht. Klar, dass es der Industrie nicht gefallen wird, aber Export funktioniert leider auch nur noch so lange wie das Ausland noch Lust hat, bei uns Schulden zu machen. Sage nicht nur ich, sondern eine ganze Menge Volkswirtschaftler die noch nicht dem Neoliberalismus verfallen sind.