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Kommt der Big Brother?

Ich habe bislang nichts zu dem Anschlag in Berlin geschrieben, denn natürlich stellt sich die Frage, was ich denn dazu schreiben soll. Es ist passiert und es ist klar, dass es niemand hätte verhindern können. Ganz wichtig ist auch, dass wir diese Tat jetzt nicht den Flüchtlingen ankreiden, denn der Täter mag vielleicht über eine Fluchtroute gekomnen sein, aber er war ein Krimineller und hätte auch ohne die Flüchtlinge seinen Weg ins Land gefunden. Was aber leider ebenso vorhersehbar war wie das Ausschlachten der Toten durch die Rechtspopulisten ist die Reaktion aus der Politik.

Dabei will ich gar nicht auf das dumme Gesabbel eines Host Seehofers eingehen, er zeigt damit nur deutlich, dass der Unterschied zwischen CSU und AfD mittlerweile nur noch marginal ist. Das erschreckende sind für mich die Rufe nach mehr Videoüberwachung.

Den Anschlag hätten wir auch durch eine lückenlose Videoüberwachung aller öffentlichen Plätze nicht verhindern können. Wir hätten bestenfalls ausreichend Filmmaterial gehabt um zu sehen wie es ablief. So wie bei den diversen kriminellen Handlungen die auch in der letzten Zeit stattfanden und wo man dann sehen konnte, wie rücksichtslos die Täter dabei vorgehen. Nein, verhindert hat die Videoüberwachung gar nix. Menschen hätten die Taten verhindern können, so wie es heute Frank Rieger auf Twitter schrieb:

„Hätte die BVG nicht das Bahnhofspersonal weggespart käme es gar nicht zu den Taten die jetzt als Rechtfertigung für Videoüberwachung dienen.“

Ich sehe die weitere Zunahme von Videoüberwachung jedoch noch aus einem anderen Grund sehr kritisch. Bislang reden wir uns ja gerne ein, dass sie ruhig ihre Kameras aufstellen können, dann haben sie vielleicht Material um die Täter zu identifizeren, aber als Normalbürger habe ich ja nix zu befürchten, weil ich ja nix zu verbergen habe. Und natürlich kann man eh keiner alles anschauen was da von den Kameras kommt und darum habe ich auch keinen Stress, wenn ich trotz Verkehrsüberwachung per Kamera hier in der Innenstadt mal bei Rot über die Ampel laufe. Das kann gefilmt werden, aber keiner wird mir daraus einen Strick drehen.

Das stimmt heute vielleicht, aber wie sieht es morgen aus? Die Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz macht riesige Fortschritte, Rechenleistung haben wir in großerm Umfang zur Verfugung und die Modelle und Methoden werden immer besser. Mittlerweile fahren auf unseren Straßen autonom fahrende Autos.

Was also würde passieren, wenn irgendwer auf die Idee kommt, dass sich ja eine KI den Videostream aus den Überwachungskameras anschauen kann? Und vielleicht sogar basierend auf dem was es da zu sehen gibt „Entscheidungen“ trifft, sprich Alarme auslöst? Gesichtserkennung ist heute auch kein Hexenwerk mehr. Der Attentäter von Berlin wurde in diversen Überwachungsvideos aus Frankreich identifiziert. Was würde passieren, wenn ein KI-System so eine Identifikation in Echtzeit machen kann und dann mit hinhreichend hoher Wahrscheinlichkeit weiß, dass im Zug XY nach Paris ein Schwerstkrimineller sitzt? Wird der Zug gestürmt, was möglicherweise zu Kollateralschäden führen wird? Oder beobachtet man weiter bis der Zugriff besser möglich ist? Was wird Priorität haben? Die Sicherheit der Unbeteiligten die zur falschen Zeit am falschen Ort sind oder die Strafverfolgung die einen gefährlichen Verbrecher festsetzen will?

Was passiert mit dem kleinen Sünder der bei Rot über die Ampel läuft? Mit KI, und den zum Zwecke der Terrorbekämpfung erhobenen Vorratsdaten die bei Mobiltelefonen auch Rückschlüsse auf den Standort zulassen wage ich die Prognose, dass man sehr flott feststellen kann, wer da bei Rot über die Ampel gelaufen ist. Und dann? Ordnungsstrafe per SMS aus Handy?

Im Jahr 1993 kam der Film „Demolition Man“ mit Sylvester Stallone in die Kinos. Der Film spielt in einer Zukunft, in der der Mensch permanent überwacht wird und bei Ordnungswidrigkeiten dann auch prompt die Quittung dafür bekommt. Und auch das Fluchen ist in der Zukunft eine Ordnungswidrigkeit wie der folgende Ausschnitt zeigt.

Klar, 1993 haben wir alle gelacht im Kino über diese Szenen. Aber 2016 stelle ich fest, dass wir von dieser damaligen Utopie gar nicht mehr so weit weg sind. Die Frage ist wirklich, wo die Reise hingeht. Werden wir in der Zukunft irgendwann von Computern überwacht und sanktioniert werden? Ist das die Zukunft in der wir leben wollen?

Und ich habe noch gar nicht die Vision aus dem Film „Robocop“ von 1987 erwähnt. Und es ist nicht nur der durchgeknallte ED209 der mich da schaudern lässt…

 

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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