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Buzzwords first, Denken second

Das derzeit beliebteste Buzzword für das Bullshit-Bingo ist wohl „Digitalisierung“. Jeder Furz muss digitalisiert werden und eine Partei wirbt gar mit dem Slogan „Digitalisierung first, Bedenken second“.  Tja, und weil man eben das (Be)Denken hinten anstellt sollen jetzt 40 Millionen Haushalte mit den Segnungen der Digitalisierung beglückt werden. Dem herkömmlichen Stromzähler soll es an den Kragen gehen, digital ist die neue Devise statt diesem mechanischen Drehzählwerk. Ich selbst lese meine Verbrauchszähler jeden Monatsersten ab. Wobei ich hier auch schon digital unterwegs bin, statt Papier und Bleistift nehme ich die Smartphone-Kamera und fotografiere einfach die Zähler von Strom, Wasser und Gas. Dann gehe ich zum PC und trage die Zählerstände ein ein Spreadsheet (Libreoffice) ein und kann dann relativ schnell sehen, wieviel ich im vergangenen Monat verbraucht habe und was das für den Tagesdurchschnitt bedeutet.

Die Einführung der neuen „modernen“ Stromzähler könnte diesen Datenerfassungsvorgang möglicherweise etwas komplizierter und langwieriger machen. Denn um diese Zähler abzulesen braucht man eine PIN. Geht ja gar nicht, dass jemand der zufällig im Keller an meinem Stromzähler vorbeigeht den Zählerstand unauthorisiert ablesen könnte, da muss man schon den Datenschutz beachten. Dass diese PIN nicht änderbar ist fällt bei dem Gerät allerdings noch in die Kategorie „kleineres Übel“, denn so richtig umständlich ist die Eingabe der PIN, wie das folgende Video zeigt.

Also braucht man zukünftig zum Stromzählerablesen eine „möglichst helle“ Taschenlampe. Die Frage die sich mir als Ingenieur hier stellt ist allerdings, wie „helle“ derjenige war, der so ein Gerät spezifiziert hat.

Natürlich bein ich auch kein Fan des anderen Buzzwords „IoT“ (Internet of Things), für mich muss so ein Stromzähler nicht unbedingt am Internet hängen. Es gibt natürlich diese Smart-Meter die ihren Stromverbrauch direkt zum Stromerzeuger senden. Im Verein haben wir so ein Ding im Rahmen eines Forschungsprojektes eingebaut bekommen, es sendet wohl via Mobilfunknetz die Daten und theroretisch könnte man die dann online abrufen, aber entgegen aller Versprechen habe ich auch drei Monate nach Einbau des Zählers noch keine Zugangsdaten bekommen. Aber womöglich hätte man durchaus auch „Nahbereichsfunk-Kommunikation“ (Bluetooth, NFC) Interfaces einbauen können, die dann die Daten an ein Smartphone in der Nähe senden. Aber das hätte wahrscheinlich den Stromzähler um ein paar Euro teurer gemacht. Egal, der Kunde der mit dieser HighTech „beglückt“ wird soll eh mindestens 20€ im Jahr mehr bezahlen müssen.

Und natürlich kann man dem Irrsinn des Taschenlampen-Blinkens auch durch Digitalisierung begegnen. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die App-Entwickler dann Apps rausbringen bei denen man am Smartphone die PIN für den Stromzähler eingibt und die App fängt dann an zu morsen. Entsprechende Überlegungen sind hier beschrieben.

Wenn ich mir solche „Erfolgsgeschichten“ anschaue, dann drängt sich leider der Eindruck auf, dass jeder auf den „Zug der Digitalisierung“ aufspringen will, ohne überhaupt zu wissen, wo die Reise hingeht und was am Ende dabei herauskommt. „Digitalisierung first, Bedenken second“ scheint der neue Zeitgeist zu sein, da ändern auch alle Datenpannen und sonstigen Desaster nichts,  von denen man regelmäßig liest und die man bei „Denken first, tun second“ hätte vermeiden können.

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2 Kommentare

    • Das ist diese „strahlende Zukunft“ (wegen der Taschenlampe) von der unsere Politiker immer faseln, oder? 😉

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