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Wider die menschliche Natur

Die ehemalige Familienministerin hat heute einen Tweet mit einem Link zu ihrer Kolumne bei der Welt veröffentlicht, in dem sie die These aufstellt, dass Verzicht der menschlichen Natur widerspricht. Da muss ich jetzt aber doch heftig widersprechen.

Der Artikel bei der Welt ist leider hinter einer Paywall, also muss ich mich bei meinem Kommentar auf das beschränken, was ich in ihrem Tweet lesen kann:

„Fundamentaler Fehler von #FridaysForFuture ist Glaube, wir könnten ökologischen Probleme durch #Verzicht lösen. Der Mensch wird aber nicht bereit sein, auf individuelle Mobilität oder aufs Fliegen zu verzichten. Nur technologische Lösungen funktionieren.“

Das halte ich für eine sehr gewagte These. Verzicht ist heute für viele Menschen etwas ganz Alltägliches, denn viele Menschen leben in einer Realität in der sie sich weder individuelle Mobilität (sprich ein eigenes Auto) oder gar Flugreisen leisten können. Natürlich ist es leicht, auf Luxus zu verzichten den man sich sowieso nicht leisten kann.

Aber, obwohl ich nur ein „Informatiker“ und somit eher „Technokrat“ bin wage ich doch die Behauptung, dass Verzicht eine sehr natürliche Eigenschaft ist. Wir können diese beispielsweise sehr einfach bei der Brutpflege beobachten. Ich hatte hier mal eine Amsel die ihr Nest in einer Ecke unserer Terrasse gebaut hat, die hat erst mal lange gebrütet und somit auf ihre eigene „Freiheit“ verzichtet und als der Nachwuchs dann geschlüpft war, dann ging die Hektik mit Füttern erst mal richtig los.

Und ja, auch der Mensch neigt dazu, zugunsten des Nachwuchses auf irgendwas zu verzichten. Selbst Kristina Schröder hat damit doch Erfahrungen gemacht, so schreibt die FAZ am 22.09.2013:

„Familienministerin Schröder verzichtet zugunsten ihrer Tochter auf ihr Amt.“

Und heute will sie uns erklären, dass Verzicht gegen die menschliche Natur sei? Ernsthaft Frau Schröder, wenn Sie selbst zugunsten Ihrer Tochter auf eine politische Karriere verzichten können (was ich ihnen hoch anrechne), dann liegt doch eigentlich der Schluss nahe, dass die Gesellschaft im Gesamten durchaus auf einigen Luxus verzichten kann, vor allem wenn wir das in dem Bewusstsein tun können, dass dieser Verzicht die Zukunft unserer Kinder signifikant verbessern wird.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

4 Kommentare

  1. Na ja, da die Erhaltung der Art vorrangig ist, ist wohl Verzicht zu Gunsten der Nachkommen weit verbreitet bei Tieren sowieso und auch bei Menschen. Diese Art von Verzicht zählt für mich nicht.

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    • Hm, lass mal überlegen.

      wenn ich als Elter also auf Dinge verzichte und damit meinen Kindern eine Welt hinterlasse in der sie überleben können

      dann ist das was genau?

      Das hört doch nicht damit auf, dass man die ersten 2~4 Jahre auf etwas verzichtet um die Kinder nicht fremdbetreuen zu lassen.

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  2. Carsten Kettner

    27/10/2019 @ 13:44

    In der Tat schade, dass der sehr lesenswerte Artikel hinter einer Paywall ist und schade auch, dass der Tweet so verkürzt war, dass er geradezu zu Missverständnissen herausfordert. Es scheint zunächst so, dass Schröder der eigenen Bequemlichkeit zuliebe auf Verzicht verzichten könnte, um das Klima zu retten (muss das Klima eigentlich „gerettet“ werden, und wenn ja, wovor?). Sie legt aber dennoch viel mehr Wert auf die Feststellung, dass wir in einer hochzivilisierten und hochindustrialisierten Gesellschaft leben, die glücklicherweise die Mittel und (noch) die Fähigkeiten besitzt mit technischen Lösungen den Eingriff in die Umwelt zu minimieren. Wir werden niemals auf ein Nullsummen-Spiel herauskommen, und wer das behauptet, legt die Axt an unsere Industriekultur. Aber bei vielen F4F-Anhängern habe ich ohnehin den Verdacht, dass die Klimadiskussion ein Vehikel ist, um Kapitalismus-Kritik zu üben und unsere Gesellschaftsform abzuschaffen. Nur: dies sollte man offen so ankündigen, und auch gleich die Konsequenzen daraus annoncieren.
    Dies ist im Grunde auch das, was Kristina Schröder in ihrem Artikel in der WELT sagt.

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