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Blauer Brief aus Berlin

Heute habe ich gestaunt als ich unseren Briefkasten geleert habe. Da war doch glatt ein Umschlag mit Absender „AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag“ dabei. Und wenn die sich schon die Mühe machen mir was zu schicken, dann mache ich mir auch die Mühe, darauf einzugehen und das hier zu dokumentieren.

Natürlich stelle ich mir erst mal die Frage, warum ich jetzt plötzlich zur Zielgruppe der AfD gehöre. Die Antwort liegt tief in meiner Vergangenheit, vor ziemlich genau 40 Jahren bin ich Mitglied des örtlichen Schützenvereins geworden und seit 30 Jahren bin ich da der Vorstand.

Und genau wegen dieser Eigenschaft als Sportschütze und Waffenbesitzer bin ich nun von der AfD angeschrieben worden, denn es steht uns wieder eine weitere Verschärfung des Waffenrechts ins Haus und die AfD versucht sich hier als die Partei welche sich für die Interessen von Sportschützen einsetzt darzustellen. Klar, bei etwa 1,4 Millionen Sportschützen in Deutschland ist das ein Teich in dem man gerne mal nach neuen Anhängern fischen möchte. Und die Erfahrung sagt ja auch aus, dass Sportschützen sehr hohen Puls bekommen wenn es um das Thema Verschärfung des Waffenrechts geht.

Also hat die AfD einen Flyer gebastelt der erst mal die gar so schlimmen geplanten Dinge aufführt. Da sind durchaus Punkte dabei die auch in unserem Verein diskutiert werden, aber eben auch Punkte die komplett unsinnig sind. So echauffiert sich die AfD beispielsweise, dass Kurzwaffenmagazine mit einer Kapazität von mehr als 20 Patronen und Langwaffenmagzine mit mehr als 10 Patronen als verbotene Gegenstände gelten sollen.

Ich habe (bevor ich Kinder hatte) jahrelang als Sportleiter im Dachverband Meisterschaften organisiert und kenne absolut keine Disziplin die gemäß der Sportordnung geschossen wird und bei der man mehr als 5 Schuß im Magazin benötigt.

Weiter geht es mit einer Auflistung von terroristischen Anschlägen die allesamt mit illegalen Waffen begangen wurden. Der Haupt-Spin in dieser Auflistung ist eben das Argument, dass Kriminalität eh mit illegalen Waffen passiert und es deswegen nichts hilft, wenn die Besitzer von legalen Waffen mit immer schärferen Vorschriften drangsaliert werden. Ja, auch das sind seit zig Jahren bekannte Argumente und die werden bei jeder Novelle des Waffengesetzes immer wieder ausgegraben und diskutiert.

Trotzdem fand ich diese Auflistung interessant, denn wir haben 4x „Islamistischer Anschlag“, dann den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg am 11.12.2018 ohne den Zusatz „islamistisch“ obowhl Wikipedia das dort einordnet und sogar den Anschlag auf die Synagoge in Halle. Der ist aber nur als „Anschlag“ geführt ohne auf die rechtsradikalen Motive des Täters einzugehen. Also für mich sieht das sehr stark nach „wir müssen mindestens 4x islamistisch schreiben und damit es neutral aussieht schreiben wir noch zwei andere Verbrechen ohne islamistisch zu sagen hin“.

Auch die verheerenden Folgen die dann für Schützen, Ämter (Arbeitsüberlastung) oder gar der drohende Boykott für Waffenverkäufer oder Hersteller scheinen mir gewaltig übertrieben. Nach der letzten Verschärfung des Waffenrechts gibt es für die Ordnungsbehörden die Möglichkeit, sich unangemeldet von der vorschriftsmäßigen Aufbewahrung der Waffen jederzeit überzeugen zu können. Theoretisch könnte also die Polizei hier vorbei kommen und nachschauen, ob ich meine Waffen auch anständig im Tresor eingesperrt habe oder ob die eher unterm Kopfkissen liegen. Ist aber bislang nicht passiert, denn es ist eine Möglichkeit und keine Verpflichtung dass alle 3 Wochen jemand zum Nachschauen kommt.

Besonders lustig finde ich allerdings dann die Forderung, man möge nachdrücklicher gegen die Eigenherstellung von Schußwaffen im 3D-Drucker vorgehen. Ernsthaft AfD, hier zeigt sich, dass ihr kaum Ahnung habt, denn ich mag vielleicht noch in der Lage sein, eine Art von Abschußvorrichtung im 3D-Drucker zu basteln, aber die Munition dafür kommt definitiv nicht aus dem 3D-Drucker sondern eher aus anderen dunklen Quellen. An dieser Stelle erscheint der Verweis auf 3D-Drucker und auch das Darknet eher als „Whataboutism“, also Fingerzeig auf die anderen.

Besonders sauer stößt mich allerdings dann doch der Satz „Wir stehen fest an der Seite unserer Sportschützen“ auf. Hier kann ich nur heftigst widersprechen, denn als Sportschütze der aus sportlichen Gründen auf Pappscheiben schießt möchte ich keinesfalls mit einer Partei in einen Topf geworfen werden deren Abgeordnete öffentlich fordern, man möge an der deutschen Grenze doch auf einreisewillige Flüchtlinge schießen.

Und natürlich weiß ich nach 30 Jahren Vorstandstätigkeit, dass unser Sport immer dann einen sehr schlechten Ruf hat wenn mal wieder ein Verbrechen mit legalen Waffen passiert. Und es ist keineswegs so, dass wir schulterzuckend sagen „shit happens“ wenn Amokläufe wie in Winnenden oder Erfurt passieren. Darüber ist keiner froh, vor allem wenn nach solchen Taten die Schützenvereine wieder als „Trainingslager für Amokläufer“ tituliert werden. Aber deswegen lassen wir uns nicht vor den Karren einer rechtsradikalen Partei spannen in deren Mitte (Zitat Alexander Gauland) ein Mann sitzt der laut Gerichtsbeschluss als Faschist bezeichnet werden darf.

Sollte der Bundestag tatsächlich weitere Verschärfungen des Waffenrechts beschließen, dann müssen wir diese eben genauso ertragen wie die relativ seltsamen Aktionen in der Vergangenheit. Bislang sind wir ja immer noch in der Lage unseren Sport auszuüben, auch wenn es uns zunehmend unbequem gemacht wird.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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