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Volkstrauertag

Gestern war Volkstrauertag. Der Tag soll an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltbereitschaft und Gewaltherrschaft aller Nationen erinnern. Üblicherweise tummeln sich lokale Politiker auf den Friedhöfen, halten Ansprachen und legen Kränze ab. Das ist jetzt in Mühlheim etwas schief gegangen.

Die SPD-Ratsfraktion hatte einen Kranz in Auftrag gegeben und auf der Schleife gab es dann einen schweren Fehler. Dort war zu lesen: „Den Opfern von Krieg und Ver-schissmuss„.

Der Fehler wurde anscheinend bei der Schleifendruckerei in Essen gemacht, welche per Fax (soviel zur Digitalisierung in Deutschland) beauftragt wurde und angeblich war das Fax sehr schlecht leserlich, weshalb man die Anfangsbuchstaben „F“ und „V“ verwechselt hatte.

Der Fall hat in den sozialen Medien natürlich einiges an Wellen geschlagen, manche bekommen Assoziationen mit dem „Vogelschiss-Vergleich“ der Nazizeit durch Alexander Gauland von der AfD. Stellenweise musste ich gestern Abend sogar Forderungen lesen wie „Der das getan hat muss gefeuert werden“ oder „Die Firma soll pleite gehen“.

Also ehrlich, das ist für mich ein erschreckendes Zeichen, wie arg der Diskurs in Deutschland mittlerweile verroht ist. Hallo, da ist ein sehr peinlicher Fehler passiert und als Folge davon will man jetzt Existenzen vernichten, ohne überhaupt abgeklärt zu haben, wie das passiert ist.

Das Drucken von Kranz-Schleifen ist sicherlich keine hochqualifizierte Arbeit die Abitur voraussetzt. Ich mag daher durchaus vermuten, dass der, der das Schreiben musste eben keine Ahnung hatte, wie man „Faschismus“ richtig schreibt und womöglich auch keine Vorlage von der er es abschreiben konnte. Das wirft natürlich schon Fragen auf über die Arbeitsabläufe in dieser Druckerei, die sicher einiges an Verbesserungspotential haben.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob die Gärtnerei die letztlich die gelieferte Schleife an den Kranz angebracht hat das nicht auch gesehen hat. Warum hat hier keiner nachgefragt? Egal, es ist passiert und man möge Ursachenforschung betreiben, aber bitte ohne drastische Konsequenzen. Shit happens oder in der deutschen Version „Verschissmuss passiert“. Selbst wenn das ein gezielter Sabotageakt mit rechtsradikalem Hintergrund ist, so würde das dann doch viel mehr über die Täter als über die SPD-Mühlheim aussagen.

Auf der anderen Seite mache ich mir ganz andere Gedanken zum Volkstrauertag. Ja, unser Verein hätte gestern auch mit Fahne auf dem lokalen Friedhof präsent sein müssen, aber ehrlich gesagt bekomme ich aktuell keine drei gesunden Leute zusammen, die am Sonntagvormittag in der Kälte auf dem Friedhof stehen wollen um politische Reden zu hören.

Denn wenn ich jetzt mal die aktuelle Situation in der Welt betrachte, dann ist dieses Gedenken eigentlich nicht viel mehr als das Vergießen von Krokodilstränen.

  • Die Türkei führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Nord-Syrien, trotzdem exportiert Deutschland munter Kriegsgerät zum „Nato-Partner“ Türkei.
  • Saudi-Arabien führt seit Jahren Krieg im Jemen. Ein Waffenembargo gab es aber erst nach der Ermordung von Jamal Kashoggi, das aber löchrig zu sein scheint und demnächst wohl komplett weg fällt.
  • In Bolivien greifen derzeit die Faschisten nach der Macht, Präsident Evo Morales wurde vom Militär abgesetzt und die sogenannten Eliten gehen mit Gewalt gegen die indigende Mehrheit der Bevölkerung vor. Die Bundesregierung zieht sich auf den Standpunkt „Es gab Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen und Kritik an Evo Morales“ zurück.
  • In Hongkong gibt es seit Juni Proteste, mittlerweile eskaliert die Situation dort und die Polizei dort scheint gewillt zu sein, auch mit tödlicher Gewalt gegen die Studenten vorzugehen, welche sich zuletzt an der Universität verschanzt haben.

„Business as usual“ in einer total durchgeknallten Welt. Sicherlich ist der Volkstrauertag ein wichtiger Feiertag um uns an unsere Verantwortung zu erinnern. Doch was hilft dieser Gedenktag, wenn an den übrigen 364 Tagen im Jahr der Profit aus Waffenexporten weitaus wichtiger zu sein scheint als die Verantwortung für den Frieden?

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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