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Lernen im Web

Da mein Job in etwas mehr als 5 Monaten hinfällig wird bin ich gerade dabei, mir ein paar neue Kenntnisse anzueignen. Fachkenntnisse um genau zu sein, da sind Dinge darunter die mich privat interessieren aber auch Dinge, die ich jetzt in der Schlußphase meines Jobs noch lernen darf.

Darum habe ich in den letzen Wochen einige Online-Kurse gemacht und möchte jetzt hier mal ein wenig über meine Erfahrungen berichten. An und für sich bin ich ja eher der Lerntyp der was aus Büchern lernt, aber leider sind für diese Themen gute Bücher die strukturiert vorgehen eher selten. So war beispielsweise mein Ansatz, Android-Programmierung aus einem Buch zu lernen eher zum Scheitern verurteilt, weil dieses Buch von jemandem geschrieben war der zwar das kann, aber es eben nicht „lehren“ kann.

Jetzt habe ich Java in einem Online-Kurs gelernt, ackere mich gerade durch einen relativ guten Android-Kurs und habe für die Arbeit noch Dinge wie Gradle (ein Build-System) und Docker (Container-„Virtualisierung“) lernen dürfen. Als Plattformen nutze ich vorwiegend Udemy, die Kursplattform die wir in der Arbeit zur Verfügung haben ist eher lausig, denn dort gibt es keine Kursbewertungen und der eine Docker-Kurs den ich letzte Woche gemacht habe war eher grausam und die Prüfung am Ende nicht zu schaffen, da man die Antworten als freien Text exakt so hätte eingeben sollen wie der Dozent es sich denkt.

Also dann doch lieber Udemy, da kosten die Kurse zwar Geld, aber 12 Euro für einen Kurs mit dreieinhalb Stunden kann man durchaus verschmerzen, im Kino wäre man teurer dran und lernt nix.

Doch auch hier ist man vor Problemen nicht sicher. Einige Kurse sind in Englisch, was für mich eigentlich kein Problem ist. Aber wenn man dann zur Sicherheit noch die Untertitel in Englisch anzeigt, dann ergeben sich viele, zum Teil sogar ganz unterhaltsame WTF-Momente, denn die Untertitel wurden wohl von einer automatisierten Spracherkennung erzeugt. So präsentierte mir der Gradle-Kurs das Thema dann in den Formen „great“, „Gretl“, „Grettel“ und noch ein paar Schreibweisen. Der Renner war „Exham owl“ für „XML“. Auch beim Android-Kurs ist mir das schon stellenweise aufgefallen, wenn der Dozent z.B. sagt „okay“ und die Untertitel dann „Oh gay“ anzeigen.

Was mir bei diesen Online-Kursen jedoch tatsächlich fehlt ist irgend eine textuelle Referenz. Früher, als das Web noch nicht erfunden war oder die Bandbreite noch nicht für Online-Videos reichte, da musste ich ja gelegentlich auch auf einen Kurs zu irgend einem Thema. Diese Kurse waren richtig teuer, meist 4-stellig, aber dafür gab es einen Dozenten den man unterbrechen kann und bei jedem Kurs einen dicken Ordner mit dem „Skript“ damit man auch mal nachlesen kann, was man da gelernt hat.

Bei den Online-Kursen gibt es das meist nicht. Die Plattform in der Firma bietet zwar ein „Transcript“ an, aber da steht halt alles im Fließtext, also auch wenn man das einfacher als Kommandozeile formatieren würde. Bei Udemy habe ich noch keine echten Kursunterlagen gesehen, eigentlich könnte man die ja als PDF runterladen um was zum Nachschlagen zu haben, aber bei den Kursen die ich bis jetzt gemacht habe war da Fehlanzeige. Hin und wieder gibt es die Source-Files der besprochenen Programme damit man es leichter nachvollziehen kann, aber ein „Vorlesungsskript“ gibt es eben nicht.

Die Vortragstechnik ist auch leider eher suboptimal. Grade die Kurse für Docker und Gradle bedeuten, dass man diese Dinge in einer Kommandozeile bedient. Das heißt aber auch, dass der Großteil des Kurses darin besteht, dass man ein formatfüllende Terminalfenster mit relativ kleiner Schrift sieht, die Stimme des Dozenten hört und am unteren Bildschirmrand tippt er was ein. Der untere Bildschirmrand ist aber genau nicht die beste Stelle für den Kursinhalt, denn wenn man im Videoplayer den Mauszeiger über das Videofenster bewegt, dann wird die Fortschrittsanzeige eingeblendet und man kann nicht mehr lesen, was der Dozent da schreibt.

Lästig ist es auch, wenn der Dozent plötzlich Dinge tut die erst später im Kurs erklärt werden. Mit solchen Aktionen hängt er den Lernenden gnadenlos ab, denn der hat in diesem Moment z.B. gar keine Ahnung wo er diese Datei her bekommt die plötzlich in einem Kommando übergeben wird.

Beim Android-Kurs sehe ich dann eine GUI von einer früheren Version von Android-Studio, muss gucken ob die Menüpunkte heute auch noch da sind wo sie früher mal waren und wenn der Dozent Shortcuts wie „Ctrl-X“ oder was auch immer verwendet sehe ich das gar nicht. Dabei gäbe es durchaus Tools welche die gedrückten Tasten in einem „immer im Vordergrund“-Fenster anzeigen.

Trotz aller Kritik lernt man durchaus etwas bei diesen Kursen, nur stelle ich halt fest, dass ich vieles wieder vergesse wenn ich damit nicht täglich arbeiten muss. Ist natürlich kein Problem, bei Udemy hat man ja lebenslang Zugriff auf die gekauften Kurse. Allerdings wäre es mir lieber, wenn ich eben ein „Skript“ hätte das ich mal kurz überfliegen kann um das im Kopf vergrabene Wissen wieder zu aktivieren. Es ist wenig sinnvoll, wenn ich nochmal durch dreieinhalb Stunden Kurs „spulen“ muss um das zu finden wonach ich suche.

Wie ist das bei meinen Lesern? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht, oder kennt ihr vielleicht sogar andere Online-Portale welche die angesprochenen Schwachstellen nicht in dieser Form haben?

Ich bin momentan fast versucht, mein Orgmode-Tutorial das bei YouTube liegt nochmal neu und noch besser strukturiert aufzunehmen und dann z.B. kostenpflichtig bei Udemy anzubieten. Natürlich dann auch mit runterladbarem Vorlesungsskript, ich will ja nicht nur motzen sondern es auch besser machen. Und wer weiß, vielleicht ist das ja ein Anfang für eine grandiose Online-Lehrer-Karriere. Mein Tutorial war übrigens diese Woche wieder in den Emacs-Weekly-News verlinkt und deshalb schlagen momentan auch wieder häufig neue Kommentare auf.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Das waren klasse Erfahrungen, ich hab schon schmunzeln müssen. Ich finde, außerhalb dieser MOOCs gibt es bessere Kurse. Mittlerweile nicht mehr so oft genannt ist z.B. Lynda.com, wo ich vor längerer Zeit kurzfristig gelernt hatte. Dort gab es Skripts und alles, einfach top. Heute werden ja andere Firmen stärker beworben, aber da würde ich auf jeden Fall mal nachsehen.

    Ich würde einfach auf YouTube nachsehen, wer seinen Unterricht sorgfältig aufbereitet darstellt, und da nachschlagen. Lebenslanger Zugang bei einem Kurs nutzt bei der Technologie m.E. sowieso nicht viel, einmal mitmachen, eigene Unterlagen erstellen, und dann vergessen, weil die nächste Technologie kommt auf jeden Fall.

    Danke nochmal für den orgmode Code. Ich habe mich damals schwer damit beschäftigt und empfand das als große Befreiung. Schade, dass emacs mit Japanisch und Linux Keyboards immer Ärger macht, und die japanischen Kollegen sind irgendwie aus der Steinzeit und haben ihre Insellösungen…

    Beste Grüße!

    • Wollte gerade mal schauen, was Lynda.com zu bieten hat. Das ist wohl in LinkedIn-Learning aufgegangen und diese Anbieter hat ein sehr fragwürdiges Preismodell. 30 Euro pro Monat und im Jahresabo 240 Euro sind ein Haufen Holz, vor allem wenn man nicht wirklich permanent neue Kurs machen kann. Bei Udemy habe ich diesen Monat mal 25 Euro investiert, aber eben nur für die Kurse die mich wirklich interessieren. LinkedIn-Learning bietet angeblich auch die Kurse zum Kauf an, aber ich habe mal eine Kurs ausgewählt und keinerlei Preis-Information gefunden. Das erscheint mir alles sehr suspekt.

      • hallo, das wusste ich nicht, aber dann erklärt das, warum man nichts mehr davon hört. aber es gibt so viele andere angebote neben udemy und coursera, ich würde, wenn ich etwas lernen wollte, immer bei yt beginnen und von da ins web gehen. alles gute!