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Angriff auf den ÖR

Aktuell läuft mal wieder eine Aktion gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auf der einen Seite hetzen Rechtsradikale wie Hans-Georg Maaßen (ja, der ehemalige Chef des Verfasungsschutzes) sowie die Werte-Union (ja, beide verorte ich am rechten Meinungsspektrum) gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, auf der anderen Seite unzählige die sich gegen die Zwangsgebühren auflehnen.

Werte-Union und Maaßen jagen dabei gerade die Umweltsau durchs globale Dorf, denn vor kurzem hat sich doch der WDR erdreistet, das Kinderlied „Unsre Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ so umzudichten, dass die Oma wegen ihres klimaschädlichen Verhaltens als „Umweltsau“ bezeichnet wurde. Daraufhin brach ein hauptsächlich von rechts gesteuerter Shitstorm über den WDR herein. Ernsthaft, wegen eines Kinderliedes fordern die Rechten jetzt also unter anderem die Abschaffung des ÖR.

Natürlich kann man geteilter Meinung sein über dieses Kinderlied, aber ich denke das fällt in die sogenannte künstlerische Freiheit. Daraus jetzt eine Saatsaffäre zu konstruieren ist schlicht bescheuert. Natürlich gibt es Dinge die man zum ÖR diskutieren kann, aus meiner ganz persönlichen Sicht zum Beispiel warum Anhänger des rechten Spektrums so oft in Talkshows eingeladen werden und dort relativ unwidersprochen ihre Parolen verbreiten können.

Egal, noch schlimmer sind in meinen Augen ja die, die gegen die Zwangsfinanzierung wettern. Denn durch diese Abgabe erhält der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Jahr also knapp 8,3 Milliarden Euro. Oder anders ausgedrückt, ich zahle 17,50€ im Monat für die ÖR-Sender. Und ja, ich zahle sie gerne, selbst wenn ich so gut wie nie TV schaue und der Sender im Autoradio ein Privatsender ist. Aber ich schaue jede Folge der Anstalt, eine Stunde hervorragende Unterhaltung und ich lese die Nachrichten von Tagesschau und Co. Das ist mir das Geld wert, vor allem wenn ich denke, dass es ja nicht nur um ARD und ZDF geht, sondern auch um beispielsweise einen werbefreien Kinderkanal, sehr gute Dokumentationen auf ARTE, Konzerte auf 3Sat usw.

Das eigentliche Problem derjenigen, die sich durch die „Zwangsgebühren“ entmündigt werden ist jedoch meiner Meinung nach ein ganz anderes, eigentlich sehr einfaches Problem: Sie sehen diesen Beitrag auf ihrem Kontoauszug! Zack, jedes Vierteljahr taucht da ein Posten auf mit 52,50€ für Rundfunkbeitrag. Und das summiert sich dann auf die besagten 8,3 Milliarden für ganz Deutschland. Uferlos, oder?

Tja, dann machen wir doch mal eine Exkursion ins Land des sogenannten „Free-TV“. Die beiden Platzhirsche dürften Pro7/Sat1 und die RTL-Group sein. Dann schauen wir mal auf den Umsatz dieser Unternehmen.

Statista zeigt mir, dass Pro7/Sat1 im Jahr 2018 einen Umsatz von 4,009 Milliarden Euro gemacht hat. Die RTL-Group hat demnach einen Gesamtumsatz von 6,505 Milliarden Euro in 2018 gehabt, wovon 2,2 Milliarden von RTL Deutschland kamen.

So, Mathematik: Die beiden großen „Free-TV“ Anbieter haben also einen Jahresumsatz von 10,5 Milliarden Euro in 2018 gehabt. Wo kommt dieses Geld her? Na, wie wir alle wissen sind die „Free-TV“ Sender durch Werbung finanziert, darum muss der Zuschauer dafür auch kein Geld bezahlen, sondern hat eben lediglich den Nachteil, dass der Blockbuster ein wenig länger dauert als im Kino weil öfter mal eine Werbeunterbrechung kommt.

Ok, jetzt mal die Ökonomen-Brille aufsetzen. Woher kommen die Werbeeinnahmen? Na klar, von den Firmen die im „Free-TV“ Werbung machen. Zu kurz gedacht, McFly. Woher haben die Firmen die Werbung machen ihr Geld? Sicher nicht selbst gedruckt, da hätte die Bundesbank was dagegen. Also? Na, von den Kunden welche die Produkte dieser Firmen kaufen. Menschen wie Du und ich, denn es dürfte ein sehr schwieriges Unterfangen zu sein Firmen zu boykottieren die dort Werbung betreiben. Und natürlich wird das Geld für die Werbung durch erhöhte Produktpreise „erwirtschaftet“.

Fazit: Das „Free-TV“ finanzierst Du also indirekt mit, wenn Du im Supermarkt wieder ein neues Glas Nutella oder eine Tiefkühlpizza kaufst. Natürlich wird das nicht auf dem Kassenzettel als „Rundfunkbeitrag Free-TV“ ausgewiesen, daher kannst Du ruhig schlafen und fühlst Dich nicht zwangsweise ausgenommen.

Und als Dank für diese „stille Beteiligung“ an den Kosten wird Dir dann auch noch alle paar Minuten ein Werbeblock eingespielt. Hier zählt für mich der Spruch „Zeit ist Geld“. Überlege doch mal Deinen Stundenlohn und was Dir Deine ganz persönliche Rest-Lebenszeit wert ist. Jeden Sonntag einen „Blockbuster“ anschauen mit einer halben Stunde Werbung, macht 2 Stunden vergeudete Zeit. Bei meinem aktuellen Stundenverdienst ist dagegen das „zwangsfinanzierte ÖR-Fernsehen“ ein echtes Schnäppchen.

Und ich würde sogar dafür zahlen wenn ich es gar nicht nutze. Ich leiste mir ja auch meinen Leseausweis bei der Stadtbücherei obwohl ich dort in den letzten Jahren nie ein Buch ausgeliehen habe, aber ich zahle meinen jährlichen Obulus sehr gerne weil ich vom Prinzip „öffentliche Bücherei“ überzeugt bin und mich noch an meine Kindheit erinnere, als die Stadtbücherei mein bevorzugter Zugang zu Wissen war.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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