Bubblethink

Ich habe dieser Tage eine Followerin auf Twtter verloren. Sie ist mir sozusagen mit Ansage entfolgt. Und heute beim Mittagessen hatten wir genau das Thema wegen dessen ich diese Followerin verloren habe, was mich jetzt zu diesem Blogartikel inspiriert hat. Und ja, in Anlehnung an das „Doublethink“ aus George Orwells „1984“ nenne ich ihn Bubblethink. Sozusagen als Medienkompetenzübung.

Also, welche schändliche Tat habe ich begangen um mit dem Verlust von Followern bestraft zu werden. Die Person die mich nun entfolgt hat twitterte neulich:

„Denjenigen, die dieser Menschenfeindin folgden, kann ich nicht folgen. Sorry! CN #TransRightsAreHumanRights“

@ClaudiaLuisa16

Tja, als ich den Tweet gelesen habt folgte sie mir noch, jetzt nicht mehr. Und bei der „Menschenfeindin“ handelt es sich um die Schriftstellerin J.K. Rowling, die wir alle als die Autorin der Harry Potter Bücher kennen.

Und Frau Rowling wird heftig angefeindet, weil man ihr „Transphobie“ vorwirft. Und ja, die Person die mir da entfolgt ist kann man durchaus der Bubble „Transaktivist*innen“ zuordnen. Womit ich auch gar kein Problem habe, wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der jeder für das eintreten darf und soll was ihm wichtig erscheint, solange er nicht die Rechte anderer damit tangiert.

Aktuell bekommt J.K Rowling wieder einen Shitstorm ab, denn in einem Artikel des „Mannschaft Magazins“ wirft man ihr vor, einen transphoben Webshop zu promoten.

Das ist also die eine Seite der Diskussion. Und wenn man den Artikel liest, dann ist das schon interessant. Die Autorin hat unter einem anderen Pseudonym einen Kriminalroman veröffentlicht, „in dem ein Serienmörder häufig in Frauenkleidern unterwegs ist“. ZACK! Transphobe Stereotype!

Ach wie gerne empfehle ich jetzt mal die eine Google-Suche. Suchbegriff „Daniel Kahneman confirmation bias„, denn genau darum handelt es sich meiner bescheidenen Meinung nach bei dieser Anschuldigung. Man sucht nach vermeintlichen Bestätigungen für seinen eigenen Standpunkt und blendet andere Sichtweisen vollständig aus.

Interessant auch, dass der Artikel des Mannschaft Magzins immer wieder gebetsmühlenhaft wiederholt, dass J.K. Rowhling wegen ihrer Äußerungen in der Kritik steht. Da entblödet man sich auch nicht empört zu schreiben, dass die Autorin über 14 Millionen Twitter-Follower*innen ein T-Shirt mit der Aufschrift „This witch doesn’t burn“ zeigt. Nun ja, es ist eine triviale Erkenntnis, dass wenn man 14 Millionen Follower auf Twitter hat dann jeder Tweet auch von theoretisch 14 Millionen Followern gesehen werden kann.

Besonders „lustig“ auch die Meldung, dass J.K Rowling in der Vergangenheit immer wieder mit transfeindlichen oder als transfeindlich empfundenen Tweets und Statments auf sich aufmerksam gemacht hat. Hallo Mc Fly, jemand zu Hause? Wenn ich mit meinen 1400 Followern was twittere, dann kannst Du von mir aus noch schreiben, dass ich auf mich aufmerksam mache. Eine Person vom Format einer J.K. Rowling mit 10000x so vielen Followern wie ich hat es doch gar nicht mehr nötig auf sich aufmerksam zu machen. Das ist als Argument eine totale Null-Nummer.

Immerhin sehen wir hier aber schon die Abschwächung „als transfeindlich empfunden“. Ganz ehrlich, wann immer ich eine Äußerung mache kann kaum beeinflussen, wie jemand diese Äußerung empfindet. Vor allem sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass Tweets sehr oft und sehr viel mißverstanden werden könnnen, darum schreibe ich jetzt ja auch diesen Blogartikel und keinen Tweet, denn 280 Zeichen wären etwas zu knapp um meine Gedanken hinzuschreiben.

Womit wir aber wieder bei einem anderen Problem in diesem Kontext sind. J.K. Rowling hat bereits am 10. Juni einen Blogartikel geschrieben in dem sie ihren Gründe für das was sie schreibt erläutert. Und ja, dieser Blogartikel ist lang, offensichtlich auch zu lang für die auf 140 bzw. 280 Zeichen trainierte Aufmerksamkeitsspanne des Durchschnittstwittereres der dann lieber auf den einfacher zu verdauenden Shitstorm aufspringt den seine Bubble für ihn vorkaut.

Und ja, nachdem ich den Blogartikel von J.K. Rowling gelesen habe würde ich ihr jetzt nicht wirklich Transphopie oder Transfeindlichkeit vorwerfen. Sie begründet sehr ausführlich welche Meinung sie hat und dass sie es für bedenklich hält, dass Menschen ganz spontan ihre sexuelle Orientierung wechseln. Oder auch, dass es in Schottland Gesetzentwürfe gibt bei denen sozusagen jeder „Spanner“ sich spontan als „trans“ definieren kann und dank dieser Selbsteinschätzung problemlos dann auch Frauentoiletten und Umkleideräume für Frauen aufsuchen darf.

Im direkten Vergleich zwischen dem Artikel vom Mannschaft Magazin und dem Essay von J.K. Rowling gewinnt für mich letzteres. Denn sie legt sehr genau dar, was sie tut und warum sie es tut und am Ende erklärt sie auch sehr schön, dass sie wie jeder andere von uns auf diesem Planeten einen konplexen Hintergrund hat der ihre Ängste, Interessen und Ansichten geformt hat.“

„I’ve only mentioned my past because, like every other human being on this planet, I have a complex backstory, which shapes my fears, my interests and my opinions. „

J.K. Rowling

Dabei will ich mir an dieser Stelle noch nicht mal anmaßen, ein Urteil zum Thema „Transphobie“ oder gar „Menschenfeindlichkeit“ einer J.K. Rowling zu sprechen. Und natürlich folge ich J.K Rowling nicht auf Twitter weil sie für mich die absolute Spezialistin zu allen Fragen der sexuellen Orientierung ist. Nein, J.K. Rowling hat eine Ladung Bücher geschrieben die ich gerne gelesen habe, darum folge ich ihr. Und wer glaubt er müsse mir wegen dieser Verbdinung zwischen mir und J.K. Rowling entfolgen, tja, that’s life, kann ich nicht ändern.

Ich entfolge ja auch hin und wieder Leuten die mir plötzlich irgendwelche Corona-Schwurbler in die Timeline retweeten oder gar die unterirdischen Statements der AfD-Politiker. So bastelt sich jeder eben seine Bubble zusammen in der er entscheidet, was er sieht und was er nicht sieht. Eine Diskussion findet kaum statt, dazu sind die Fronten bei vielen Themen viel zu verhärtet und man reagiert nur noch mit Beißreflexen.

Ist schade, aber auch eine Entwicklung die nur schwer verändert werden kann. Weil man eben lieber „confirmation bias“ hat (siehe oben) als jemanden, der andere Argumente liefert die man lieber ausblenden würde.

Ein Gedanke zu „Bubblethink

  1. Wir leben in einer kranken Welt, in der „Aktivisten“ die alleinige Deutungshoheit über das Geschehen haben. Wer diese Meinung nicht teilt, ist gleich Nazi, Rassist, Klimaleugner oder sonst irgendetwas. Twitter ist allerdings kein guter Spiegel der Gesellschaft, denn hier läuft vieles in bubbles ab, was für das eigentliche Weltgeschehen irrelevant ist. Man gibt Twitter nur zuviel Bedeutung.
    Jede Entfolgung kann daher nur als Ritterschlag gesehen werden, weil man es noch wagt eine andere Meinung zu haben. Also, Kopf hoch.

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