Die Erosion unserer Werte

Ich bin momentan meinem ehemaligen Arbeitgeber sehr dankbar, dass er unseren Standort geschlossen hat. Nicht nur, dass mich das in die Situation versetzt, dass ich daheim sitzen kann und mir dank Abfindung wenigstens finanziell keine Sorgen machen muss. Dank dieser Entwicklung habe ich auch ein persönliches Manifest habe. Der Begriff ist ja leider durch verschiedene rechtstextreme Anschläge mit einer negativen Bedeutung versehen, aber in meinem Fall habe ich mich Ende 2018, also nachdem klar war, dass der Laden dicht gemacht wird hingesetzt, nachgedacht und mal meine persönlichen Grundwerte auf zwei Seiten DIN-A4 formuliert.

Geschrieben habe ich das Ende 2018, also zu einer Zeit als die Corona-Pandemie noch gar nicht präsent war. Also eine Definition von Werten die zu einer „normalen“ Zeit stattgefunden hat. Eigentlich die ideale Messlatte um heute, nach über einem Jahr Pandemie mal nachzuschauen, was davon noch übrig ist.

Diesen Gedanken, seine eigenen Werte aufzuschreiben, also wirklich physikalisch auf ein Stück Papier und das mit Datum zu versehen habe ich letztes Jahr dann auch im Buch „Hiding in plain sight“ von Sarah Kendzior gelesen. Sarah Kendzior hat dieses Buch im Angesicht der Wahl von Trump zum US-Präsidenten geschrieben und empfieht darin jedem Amerikaner seine Werte aufzuschreiben um dann später mal abzugleichen, was von diesen Werten nach einigen Jahren Trump-Präsidentschaft noch übrig ist.

Nun, im anderen Fenster habe ich mein Manifest gerade offen und werde jetzt ein paar Punkte zitieren, die für mich weiterhin Gültigkeit haben. Allerdings bin ich damals in meiner Naivität davon ausgegangen, dass diese elementaren Werte von vielen geteilt werden müssten, also zumindest von der politischen Führung in unserem Land. So ist mein erster „Glaubenssatz“ auch eine Reflexion der ersten Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

Alle Menschen sind gleichwertig, niemand darf aufgrund seiner Herkunft, seiner Weltanschauung, Religion oder Abstammung benachteiligt oder bevorzugt werden.

Manifest von Rainer König

Der nächste Absatz geht dann schon in Richtung der Umgangsformen.

Wir definieren uns über die Art wie wir mit anderen umgehen, nicht darüber, wie viel Geld wir verdienen oder wie viel Reichtum wir angehäuft haben.

Manifest von Rainer König

Gilt für mich weiterhin uneingeschränkt, aber wenn ich mir unsere erfolgreichen „Nebenverdiener“ im Bundestag anschaue, dann bekomme ich leichte Zweifel.

Dazu passt dann auch ein anderer Punkt:

Begegne allen Menschen mit Respekt und auf Augenhöhe. Du kannst auch von den Menschen lernen bei denen Du es vielleicht nicht erwartest.

Manifest von Rainer könig

Diesen Satz würde ich gerade jetzt gerne unseren beiden Selbstdarstellern in der Schlacht um die Unions-Kanzlerkandidatur um die Ohren hauen. Und ich merke auch, wie dieser Punkt in mir bereits erodiert, denn tatsächlich fürchte ich, dass die Situation maximal eskalieren könnte, sollte ich in freier Wildbahn auf einen Querdenker treffen.

Konflikte können immer gelöst werden, wenn beide Seiten an einer Lösung interessiert sind.

ManiFEST von RAINER König

Jetzt, 13 Monate nachdem wir in den ersten Lockdown gegangen sind habe ich sehr heftige Zweifel, ob die aktuelle Politik tatsächlich an einer Lösung der durch die Pandemie bedingten Konflikte interessiert ist.

Nun stellt sich mir natürlich die Frage, wie es denn so generell mit den Werten aussieht. Als ich noch in einer großen Firma war gab es natürlich so was wie „Company Values“, also eine Werte-Definition des Unternehmens. Doch welche Werte vertreten unsere Parteien?

Haben Parteien eine eigene Wertedefinition aufgeschrieben, die wir heute im Jahr 2021 mal mit ihren tatsächlichen Aktionen abgleichen können? Wie sieht es mit den im Grundgesetz festgeschriebenen Werten im politischen Alltag aus?

Aktuell wollen wir Schulkinder bis zur Inzdidenz von 200 in die Schule schicken, obwohl wir wissen, dass mittlerweile immer mehr junge Menschen infiziert werden. Obwohl wir nun auch wissen, dass die Antigen-Schnelltests in den ersten drei Tagen einer Infektion womöglich gar nicht anschlagen. Obwohl extrem ansteckende Mutationen des Virus wie B117 oder P1 im Umlauf sind. Wie passt das alles zu Artikel 2 Absatz 2 GG in dem den Menschen das Grundrecht auf Leben und Gesundheit zugesprochen wird?

Unsere Politik versucht, das Problem auszusitzen, wohl eine Erblast der Ära Helmut Kohl, der ja auch vieles aussitzen konnte. Dummerweise kann man eine Pandemie nicht mit Nichtstun überstehen. Diese Woche wurde uns sogar vom britischen Premierminister Boris Johnson erklärt, dass Impfen allein nicht die Pandemie besiegt, sondern nur ein echter harter Lockdown. Also eine Maßnahme, zu der uns bislang tatsächlich der Mut gefehlt hat und die jetzt im Bundestagswahlkampf auch keiner beschließen möchte, denn natürlich wird ein wirklicher harter Lockdown Schmerzen bereiten.

Doch die Schmerzen haben wir so oder so. Die Intensivstationen laufen gnadenlos voll, das Pflegepersonal ist komplett überlastet. Und doch glaubt die Politik, man müsse weiterhin Schulen offen lassen und wirft mit Nebelkerzen wie nächtliche Ausgangssperren. Das ist so sinnvoll wie wenn ich in einem abstürzenden Flugzeug statt es zu stabilisieren mich erst mal um die durchgebrannte Glühbirne auf der Toilette kümmere. Ja, es behebt auch eines der Probleme, aber eben nicht die Hauptursache des eigentlichen Problems.

Und in dieser Situation sollen wir im September einen neuen Bundestag wählen? Ja wen denn? Unsere Selbstdarsteller die sich die eigenen Taschen mit ominösen Maskendeals vollstopfen? Die Wissenschaftsignoranten die alles besser wissen und dann genervt sind, wenn die reale Welt doch anders funktioniert als sie es sich gewünscht hätten? Noch nie hatte ich vor einer Bundestagswahl so viel Angst wie jetzt. Vor allem wenn man bedenkt, dass uns diese Leute ja nicht nur aus der Corona-Krise führen sollen, sondern dass die nächsten Herausforderungen wie z.B. der Klimawandel auch endlich auf die tägliche politische Agenda müssen.

Eigentlich wollte ich immer in interessanten Zeiten leben, aber da habe ich eher von gewaltigen wissenschaftlichen Fortschritten geträumt, die unser Leben verbessern. Und aufgewacht bin ich ein einer Endzeit-Dystopie. So wie viele Menschen hier im Land…

Ein Gedanke zu „Die Erosion unserer Werte

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