Der 26. April ist ein geschichtsträchtiges Datum. Ich kann mich noch sehr gut an den April 1986 erinnern, ich war gerade in der Endphase eines 20-monatigen Zivildienstes und freute mich darauf, ab Juni dann endlich in dem Beruf arbeiten zu können den ich von 1980-1984 studiert habe. Und im Studium lernten wir ja einiges, neben dem üblichen Vorlesungsplan der an sich schon sehr experimentell war – wir waren damals der erste Studiengang Informatik in Augsburg – gab es auch noch allgemeinwissenschaftliche Wahlpflichtfächer die man belegen musste um seinen Horizont zu erweitern und die Welt nicht nur aus der Nerd-Perspektive zu sehen. Neben Rechtslehre und Raumfahrt belegte ich damals auch ein Semester „Kernenergie“.
Ja, Kernenergie war damals der Heilsbringer, man erinnerte sich noch an die Ölkrise zu Anfang der 1970er Jahre und für die Stromversorgung sollten Kernkraftwerke sorgen. Für die Vorlesungen in „Kernenergie“ kaufte ich mir damals noch ein Fachbuch mit dem schönen Titel „Tatsachen über Kernenergie“. Das lobte die Kernenergie in den höchsten Tönen und war aufgestellt um Bedenken zu zerstreuen.
So heißt es zum Thema „Größter anzunehmender Unfall“ dort:
Der größte anzunehmende Unfall bei einem Leichtwasser-Reaktor ist der Bruch einer Hauptkühmittelleitung: Augenblicklich würde der Reaktor entlastet, Dampf und Wasser würden au der Bruchstelle austreten und im Sicherheitsbehälter aufgefangen werden. Sofort tritt die Notkühlung in Aktion. Kühlwasser würde sowohl als heiße Einspeisung – also von oben – als auch als kalte Einspeisung – also von unten – an den Reaktorkern gebracht werden, so dass auf jeden Fall gewährleistet ist, dass Wasser durch den Kern tritt und ihn kühlt und nicht sofort aus der Bruchstelle heraustritt. Das Wasser wird aus Vorratsbehältern entnommen.
Man gibt sich aber nicht damit zufrieden, durch Sicherheitseinrichtungen die Auswirkungen von Störfällen zu begrenzen, sondern sorgt auch dafür , dass die Sicherheitseinrichtungen mehrfach ausgelegt sind, damit sie auch bei Folgestörungen einwandfrei funktionieren. Man nennt dieses „redundante“ Auslegung. Die Notkühlung z.B. ist vierfach ausgelegt. Dabei hat man den höchst ungünstigen Fall vor Augen, dass eine Notukühleinrichtung zum Zeitpunkt der Anforderung in Reparatur ist, die zweite ausfällt und das Kühlwasser der dritten z.T. direkt wieder aus der Bruchstelle austritte. Dann ist die vierte in der Lage, die Kühlung des Reaktors zu übernehmen und ein Kernschmelzen zu verhindern.
Die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen GaU ist allerdings gering: Solche „Größen anzunehmenden Unfälle“ sind nur etwa einmal pro 10.000 Jahren pro Reaktor zu erwarten.
Das war der Kenntnisstand dieses 1980 erschienen Buches. Und ja, bis 1980 gab es auch nur einen größeren Unfall in einem Kernkraftwerk, 1979 kam es in Three Mile Island zu einer Kernschmelze. Auf den Unfall von Three Mile Island geht das Buch dann so ein:
Auch der Störfall im Kernkraftwerk Three Mile Island bie Harrisburg – der bisher schwerste in einem kommerziellen Kernkraftwerk – hat zwar zu großen Schäden und weltweiter Publizität geführt, doch insgesamt war die Strahlenbelastung der Bevölkerung nur gering, so dass allenfals theoretisch geringe Konsequenzen erwartet werden können. (Nach angaben von Strahlenbiologen sind bei den 2 Mio Menschen in der Umgebung zu den ca. 300.000 „spontanen“ Krebserkrankungen in 30 Jahren etwa 1-2 zusätzliche Fälle theoretisch zu erwarten.)
Also alles ganz sicher. Noch schwerwiegender Unfälle werden im Buch als „hypothetische Störfälle“ behandet, Und weil die ja noch unwahrscheinlicher sind als der GaU geht man von einem solchen hypothetischen Störfall in 2 Millionen Jahren aus.
Tja, aber wir bewegen uns hier in der Wahrscheinlichkeitstheorie, ein GaU in 10.000 Jahren heißt eben nicht, dass das Kernkraftwerk 9999 Jahre und 364 Tage problemlos läuft und uns dann um die Ohren fliegt, sondern so ein Störfall kann eben auch heute oder morgen eintreten. Oder eben am 26. April 1986.
Da explodierte der Reaktor im ukrainischen Tschernobyl, damals noch Bestandteil der Sowjetunion.
Und da das Unglück hinter dem „eisernen Vorhang“ passierte merkte man erst am 28. April in Schweden, dass es erhöhte Radioaktivität in der Umgebung gab. Erst gegen 21 Uhr meldete die amtliche sowjetische Nachrichtenagentur TASS dann, dass es einen Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl gab.
Da es damals noch kein World-Wide-Web gab waren die Bürger auf die Nachrichten im Fernsehen und die Zeitungen angewiesen. Man schaltete quasi jede Nachrichtensendung ein und ich lernte damals die neue Einheit Becquerel als Maß für die Strahlenbelastung denn in meinen Vorlesungen zum Thema „Kernenergie“ ging es eigentlich nur um „REM“ (RoentgenEquivalent Man), die dann von der Einheit Sievert abgelöst wurde und seit 1985 nicht mehr verwendet wird.
Als Bürger wollte man natürlich wissen, was bedeutet das alles für uns. Es gab z.B. die Warnung vor Pilzgerichten weil Pilze wohl hoch radioaktiv belastet waren. Messeinrichtungen hatte man ja auch nicht sondern musste einfach auf die Werte die von amtlicher Seite kommuniziert wurden vertrauen.
Auf jeden Fall war die allgemeine Lesart, so was passiert nur bei den rückständigen „Russen“ wie wohl zu viel Vodka gesoffen haben und dann ist ihnen der Reaktor um die Ohren geflogen. Unsere Kraftwerke sind natürlich viel sicherer, da kann so was gar nicht passieren.
Ein paar Jahrzehnte weiter, einen Tag vor meinem 50. Geburtstag passierte dann Fukushima. Und es zeigte uns allen dass auch High-Tech nichts bringt wenn plötzlich ein Tsunami anklopft. Und 2011 war auch klar, dass wir langsam Probleme mit dem Atommüll bekommen, denn der wird noch etliche hunderttausend Jahre „beschäftigen“. Darum hat die damalige Regierung dann auch einen Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen und an 15, April 2023 gingen die letzten 3 deutschen Atomkraftwerke vom Netz.
Und heute, 40 Jahre nach Tschernobyl und mit all dem Wissen das nun auch das Buch „Tatsachen über Kernenergie“ als Propaganda für die Atomlobby demaskiert hat kommen tatsächlich noch populistische Politiker wie Jens Spahn und Markus Söder daher und wollen einen Wiedereinstieg in die Kernenergie. Spahn will wieder Reaktoren bauen (was ungefähr 30 Jahre dauern dürfte) und der Bratwurst-Fetischist aus München fantasiert gar von kleinen Atomkraftwerken von denen es exakt NULL derzeit auf diesem Planeten gibt.
Gleichzeitig haben wir eine Wirtschafts- und Energieministerin welche die erneuerbaren Energien abwürgen will obwohl diese bereits heute für einen ordentlichen Anteil an der Energieversorgung sorgen. Und obwohl der von den USA und Isreal angezettele Iran-Krieg ein wunderbarer „Fukushima-Moment“ für den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern – die nun schwerlich durch die Straße von Hormus transportiert werden können – gewesen wäre plant man im Hause Reiche lieber neue Gas-Kraftwerke und weigert sich Engpässe z.b. bei der Versorgung mit Kerosin zu sehen.
So weit mein persönlicher Rückblick in die Vergangenheit. Und meine Seitenhiebe auf die Dummschwätzer in der CDU und CSU welche eine Nebelkerze nach der anderen zünden um von ihrer Unfähigkeit, auf die größte Energiekrise in der Geschichte der Bundesrepublik angemessen zu reagieren, abzulenken.
Ja, ich hab paar Jahre später Bauing. studiert und für unseren Verkehrswegebau Professor war Kernenergie der Heilsbringer. „Schauen sie sich den TGV an, 100% Atomstrom, kein CO2.“ Mit Endlager konnten wir ihn zumindest etwas ruhig stellen.
Ich erinnere mich auch noch an den Nachmittag im Sportunterricht, als die Physikfachschaft von Outdoor abriet und unser Sportlehrer trotzdem den Waldlauf durchzog.
Wir haben noch kein Endlager und Uran ist meines Wissens grossteils aus Russland. Wo uns das also unabhängig machen soll, sehe ich nicht.