Wenn BWL auf Physik trifft

Seit knapp 4 Wochen bin ich ja Produzent meines eigenen Stroms und daher sehr hellhörig wenn es um das Thema PV und Kosten geht. Heute rauschte wieder ein etwas älterer Artikel durchs Netz bei dem es darum geht, dass ab 2029 PV-Anlagen-Besitzer einen höheren Strompreis bezahlen sollen. Begründet wird das mit den Netzentgelten die ja teil des Arbeitspreises sind und wenn ich mich autark selbst versorge, dann beziehe ich ja für diese Zeit keinen Strom aus dem Netz und zahle auch keine Netzentgelte. Was für mich logisch klingt, denn in der Zeit nutze ich das Netz ja auch nicht. Aber dröseln wir das mal auf.

Die Argumentation

So gibt es mittlerweile sehr viele private Solaranlagen, die ungesteuert Strom ins Netz speisen. Das führt mitunter zu Netzengpässen, die von der Allgemeinheit teuer bezahlt werden müssen.

Bei „private Solaranlagen“ gehe ich davon aus, dass es Hausbesitzer wie ich sind die sich eine PV aufs Dach legen um wenigstens im Sommer ihren eigenen Strom zu erzeugen. Wie das zu Netzengässen führen kann müssten wir mal eruieren. Aber ich denke das eigentliche Schlüsselwort in dieser Aussage ist das Wort „ungesteuert“, doch dazu später.

Um diese Probleme zu beheben, müssen die Stromnetze ausgebaut werden. Die dadurch entstehenden Kosten gehen in die Milliarden, doch Solarbesitzer zahlen im heutigen Netzentgeltmodell weniger dafür als Menschen ohne PV-Anlage. Die Netzentgelte sind nämlich Teil des Arbeitspreises. Solarbesitzer beziehen aber weniger Strom aus dem Netz als Haushalte ohne PV, da sie sich besonders im Frühling und Sommer tagsüber selbst versorgen. Diese Schieflage möchte die BNetzA mit ihrer Reform beheben.

Ach guck an. Dann werden jetzt hier also demnächst die Bagger auffahren und neue Stromkabel ziehen müssen weil ich 11,625 kWhp Solar auf dem Dach habe?

Die Physik

Also, ich bin ja ein studierter Informatiker, habe in Physik immer meine Einsen geschrieben und mein Vater war Elektriker. Das Ohmsche Gesetz kann ich aus dem Effeff und daher wundere ich mich immer über so Formulierungen wie „zu viel oder zu wenig Strom im Netz“. Wir haben normalerweise auf der einen Seite Stromerzeuger und auf der anderen Seite Stromverbraucher, wobei ja eigentlich der Verbraucher durch seinen Verbrauch erst definiert, wie viel Strom vom Erzeuger zum Verbraucher fließt.

Einfacher (hinkender, ich weiß) Autovergleich: Wenn Eure Autobatterie 50Ah hat, dann kann sie auf der einen Seite auch mal sagen wir 300 A in den Anlasser schicken, wäre aber nach 10 Minuten dann leer. Sitzt ihr nur im Auto und hört Radio das 1 A zieht, dann könnt ihr mit einer Batterieladung mehr als 2 Tage Radio hören.

Früher gab es punktuell Stromerzeuger wie Gas-, Kohle-, oder Atomkraftwerke. Mit der Energiewende ändert sich das alles, plötzlich gibt es übers Land verteilt viele lokale Stromerzeuger die mittels PV oder Windkraft Strom erzeugen und ins Netz einspeisen.

Und ja, mir ist klar, dass eine Windkraftanlage die am Tag 5 Megawattstunden Energie erzeugt ein dickeres Kabel braucht als meine PV-Anlage auf dem Dach. Hier muss tatsächlich in das Netz investiert werden um die Energie vom Erzeuger zum Verbraucher zu bekommen. Aber hier geht es auch um gewerbliche Stromanbieter.

Bei mir sieht es aber nun so aus, dass ich aktuell tagsüber einiges an Überschuss „ungesteuert“ (und aktuell noch unentgeltlich) ins Netz schicke. Die Reihenhäuser hier wurden 1960 gebaut und damals wurden die Stromkabel vergraben die wir auch heute, also nach 66 Jahren noch nutzen. Und die 5 kW Überschuss die ich gerade ins Netz schicke weil ich sie selbst nicht verbrauche werden wohl direkt beim Nachbarn rauskommen und nicht zu einem Verbraucher am anderen Ende von Deutschland fließen.

Die Betriebswirtschaft

Mit dem Aufkommen des Neoliberalismus hat man dann über die Strominfrastruktur das betriebswirtschaftliche Konzept eines „Marktes“ gestülpt mit der Vorgabe, dass jeder Strom-Nutzer seinen Anbieter frei wählen kann. Die Leitungen haben zwar 1960 mal die Stadtwerke hier verlegt, aber ich könnte natürlich zu irgend einem Stromanbieter wechseln der am anderen Ende von Deutschland sitzt und mir gelben oder grünen Strom verkaufen will. Dafür muss er auch keine Leitungen zu mir verlegen, sondern er nutzt was vorhanden ist und der Stromkunde zahlt dann eben die sogenannten Netzentgelte usw.

Der Strompreis wird ja recht dynamisch an der Strombörse ermittelt, das ganze nach dem Merit-Order Prinzip das besagt, dass der Preis der des teuersten Anbieters ist und nicht etwa der Durchschnitt. Was sich im Tagesverlauf natürlich ändern kann, denn wenn viel billiger Solarstrom im Netz ist dann braucht es weniger teure fossile Kraftwerke.

Für mich als Stromkunden ist das aber erst mal egal, ich zahle für den Strombezug in 2026 laut meiner Jahresabrechnung 28,06 Cent netto pro Kilowattstunde. Darin stecken dann Netz-Entgelt (6,07 Cent), Netz-Konzessionsabgabe (1,99 Cent) und Netz-KWK-Abgabe (0,446 Cent) pro kWh. Der Arbeitspreis, also das was die Stadtwerke bekommen liegt bei 15 Cent pro kWh.

Sollte ich irgendwann einen Zweirichtungszähler installiert bekommen, dann würde ich aktuell eine Einspeise-Vergütung von knapp 7 Cent bekommen. Die Stadtwerke bekommen also 8 Cent mehr für jede von mir eingespeiste Kilowattstunde als sie mir vergüten. Klar, dieses Verhältnis ändert sich vielleicht je mehr PV-Anlagen auf die Dächer kommen, aber es ist nicht so, das sich als Privatmann vom Merit-Order-Prinzip profitiere. Das Wirtschaftsministerium will zwar, dass Anlagen die 2027 in Betrieb gehen dann ihren Strom am „Markt“ verkaufen sollen was dann wohl das Einschalten eines Zwischenhändlers erfordert der seinerseits wieder Profite machen will.

Kommen wir aber mal zurück zu dem „ungesteuert“ in der Argumentation von oben. Momentan speise ich den überschüssigen Strom ins Netz ein und bekomme nichts dafür, denn mein Stromzähler ist zwar schon ein Smart-Meter, kann aber nur das messen was vom Stromanbieter zu mir fließt und nicht das, was in der anderen Richtung unterwegs ist. Und seit die Anlage jetzt läuft habe ich aktuell schon 785 kWh Stromüberschuss eingespeist.

Jetzt warte ich auf den Zählertausch durch den Stromanbieter, damit ich irgendwann auch eine Einspeisevergütung bekomme. Und ein Blick in den neu installierten Zählerschrank zeigt dann auch folgendes:

Blick in denZählerschrank. links sieht man den Stromzähler an dem der Runde Tasmota-Lesekopf hängt. Rechts davon befindet sich eine Netzwerkbuchse um zukünftige Zähler mit dem Internet verbinden zu können.
Blick in den Zählerschrank

Hier sieht man rechts neben dem Stromzähler einen Neztwerkanschluss. Das könnte im günstigen Fall bedeuten, dass der Netzanbieter aus der Ferne meinen aktuellen Verbrauch auslesen kann, was gut wäre wenn man dynmische Stromtarife nutzt die dann zu unterschiedlichen Tageszeiten unterschiedlich viel kosten. Im ungünstigen Fall könnte aber so auch die Anforderung generiert werden, mal die Wärmepumpe oder die PV-Einspeisung zu drosseln.

Rico Grimm hat auf Mastodon einen sehr intesssanten Thread zum Thema Windenergie und Abregeln gepostet der letztlich besagt, dass die Bedingungen für Windenergieanlagen vom Wirtschaftsministerium massiv verschlechtert werden und somit auch die Kostenkalkulation für bereits genehmigte Anlagen in Frage gestellt werden muss.

Denn erinnern wir uns, im Wirtschaftsministerium sitzt eine Gas-Lobbyistin auf dem Ministerposten und daher bauen wir momentan mehr Gaskraftwerke als vielleicht nötig und stellen eben solche verqueren Regeln auf, damit diese Gaskraftwerke nicht nur nutzlos rumstehen weil wir unseren Bedarf aus erneuerbaren Energien decken könnten, nein die erneuerbaren Energien werden systematisch sabotiert um der Gaslobby weiter ihre Gewinne zu sichern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert