Artikelformat

Man spricht deutsch

Nur 26 Jahre nachdem Gerhard Polt seinen Dokumentarfilm „Man spricht deutsh“ über die Verbreitung deutschen Kulturgutes an den Stränden der Adria in die Kinos brachte hat nun auch die CSU die besinnliche Adventszeit genutzt um eine ähnliche Empfehlung für Menschen mit Migrationshintergrund herauszugeben. Man will, dass Familien mit Migrationshintergrund zuhause nur noch Deutsch sprechen. Und erntet verdientermaßen einen Shitstorm.

Die CSU ist ja schon seit längerem als Verfechter der deutschen Sprache bekannt, im Jahr 2010 versuchte man so unter dem damaligen Verkehrsminister Ramsauer der Bahn die Anglizismen auszutreiben. Der Erfolg war wohl eher zweifelhaft, ich glaube auch heute noch ist unser Bahnhof hier „smoke free“ und sind wir doch mal ehrlich, ohne das „senk ju vor dräffeling wiv Deutsche Bahn“ ist keine Zugfahrt komplett.

Bayrisch von A-Z

Bayrisch von A-Z

Und jetzt dieser Vorstoß, dass man zuhause doch deutsch sprechen soll. Meine Familie hat ja durchaus einen Migrationshintergrund, denn meine Frau stammt aus Italien und als Sprachentalent hat sie sich das Deutsch selbst beigebracht. Da wir hier zudem inmitten des gelobten Landes der CSU leben konnte ich nicht umhin, für meine Frau auch ein Wörterbuch des örtlichen Dialektes zu besorgen, das ihr nebenstehend abgebildet seht. Anhand der Gebrauchsspuren dürfte klar sein, dass dieses häufig benutzt wurde. Der Campact-Verlag hat hier in weiser Voraussicht ein Standardwerk geschaffen das auch den „Zugroasten“, also den Menschen mit Migrationshintergrund hilft sich im Land der Weißwurst und des Oktoberfestes heimisch zu fühlen. Leider ist das Wörterbuch aber nur für die Richtung von „Bayrisch“ nach Deutsch benutzbar, wahrscheinlich war damals schon klar, dass die CSU irgendwann auch deses letzte Klischee des krachlederbehosten Bajuwaren der in einer Sprache kommuniziert die im Rest der Bundesrepublik Deutschland nicht verstanden wird abzulegen. So kann auch der Ureinwohner hier nun üben, wie er seine Kommunikation allgemeinveständlich formulieren kann.

Wobei man ja da trotz syntaktisch und grammatikalisch korrekter Formulierungen durchaus mächtig ins Fettnäpfechen treten kann wie die CSU nun erfahren muss. Unter dem Hashtag #YallaCSU erntet die Partei auf Twitter Hohn und Spott, außerdem auch harte Kritik, denn wird dieser Vorschlag als weiteres Anzeichen für die Ausbreitung des Faschismus wahrgenommen.

In meiner Familie sprechen wir tatsächlich mehrere Sprachen. Meine Kinder sollen die Chance haben, neben Deutsch auch die Sprache ihrer Mutter, nämlich Italienisch zu hören und zu lernen, denn im Kindesalter geht das Sprachenlernen ja noch relativ einfach und Bildung hat eigentlich noch nie jemandem geschadet, auch wenn diese Erkenntnis bei der CSU vielleicht noch nicht angekommen ist. Und es würde mir auch was fehlen, wenn meine liebe Frau mich nicht mehr „Amore“ nennen dürfte.

Und es ist ja nicht nur die Heimatsprache meiner Frau, der Lehrplan für unsere Kinder sieht auch Englisch vor. Das lernen die Kleinen auch viel besser, wenn man es zuhause spricht und übt, der Vorschlag der CSU würde ihnen diese Übungsmöglichkeit verbauen. Meine Tocher darf zudem Latein lernen, eine Sprache die eigentlich keiner mehr „zuhause spricht“, die wir aber trotzdem üben. Eben wegen der Bildung und Kultur.

Unsere Werkstudentin und ihre Eltern sind Spätaussiedler. Die Eltern sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen und lernen gerade an der Volkshochschule Deutsch. Natürlich werden sie diese „Amtssprache“ üben, das ist ein ganz normaler Vorgang, dass man die Landessprache des Ortes an dem man lebt irgendwann lernt und benutzt. Aber die Sprache der alten Heimat ist eben auch so etwas wie ein Stück der eigenen Identität, den Leuten das verbieten zu wollen ist am Ende nichts anderes, als ihnen ihre Wurzeln, ihre Identität und am Ende ihre Würde zu nehmen. Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert oder was? Ist die CSU der Vorfahre der Borg?

Natürlich würden wir uns leichter tun, wenn alle Menschen hier im Land perfektes Deutsch reden würden. Aber wenn ich einen Menschen tatsächlich in unsere Gemeinschaft aufnehmen will, dann sollte die Sprache kein Hindernis sein, es werden sich mit Sicherheit Wege finden um trotz aller Sprachbarierren miteinander erfolgreich kommunzieren zu können. Auch wenn es vielleicht anstrengender ist als der überhebliche Vorschlag, der andere möge erst mal Deutsch lernen.

Man stelle sich nur mal vor, Josef und die hochschwangere Maria würden heute an die Tür des Horst Seehofers klopfen um Unterschlupf für eine Nacht zu bekommen. Und der würde sie wegschicken weil sie ihr Anliegen eben nicht in Deutsch vortragen können…

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (3 votes, average: 4,67 von 5)

Loading...

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

3 Kommentare

  1. Isch jonn dann ins, mit minger Mama konnt isch zuletz nur noch platt kallen……………… Denn anderes überforderte sie extrem!

    Sammelst Du heute Hinriss?

    Ich geh wieder zurück zur Kreissäge …………………

  2. Es ist schon amüsant, der CSU beim zurückrudern zuzuhören. Und egal, wie sie es jetzt ausdrücken werden, den Satz werden sie hoffentlich nicht mehr los.

    Aber dieser Satz und die heutigen Demonstrationen von Pegida und all deren Ablegern, lässt mich daran zweifeln, welch Land ich weiter Heimat nennen kann.

    Was um Himmels Willen passiert da gerade?????????????

    Wo Menschen davor Angst haben, dass Flüchtlinge in der Nähe von Kindern und alten Menschen untergebracht werden könnten.
    Ist das jetzt die reine Angst vor dem „Fremden“ oder ist es der Erfolg der Panikmache vor Islamisten oder drehen hier so langsam alle durch???????????

    Ist es dasselbe Land, in dem eine junge Frau mit Migrationshintergrund soviel Zivilcourage bewiesen hat?

    Hier haben sehr viele den Knall nicht gehört!

    Aber wenn wir so weitermachen, dann wird der Knall bei allen ankommen.

  3. Das ist genau meine Frage, Anita: Was um Himmelswillen passiert hier gerade? Wann kommt dieser Zug endlich ins Halten. Dieser Zug voller miefiger Kleinbürger, die tumb um ihren Besitzstand fürchten. Die das Hohelied der Totalüberwachung singen, weil da draußen ja die Bösen in unser Land wollen. Ich könnte kotzen, weil ich weiß, dass dieser Zug so schnell nicht mehr zum Halten kommt. Und je länger ich darüber nachdenke, um so mehr graut mir vor den Konsequenzen.