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Das Ende der Plastiktüte?

Eine Meldung bewegt heute die Republik: Aldi verlangt künftig Geld für die Gemüsetüten. Einen Cent soll der Kunde bezahlen, wenn er Gemüsetüten aus Plastik nutzt. Und die Kommentatoren spalten sich in zwei Lager, Leute die diesen Schritt begrüßen und Leute, die sofort mit Boykott von Aldi drohen, weil Geld verlangen, das geht ja gar nicht. fregieRückblende, Juni 2016. Ich bin mal wieder „early adaptor“ und bestelle mir 10 wiederverwendbare Gemüsebeutel. Damals war die Auswahl noch gering, also fiel meine Wahl auf die Marke „Fregie“ die ihr rechts im Bild seht. Der 10€ Schein dient rein dem Größenvergleich, die Packung mit 10 Beuteln kostet mich damals 23 €. Im Supermarkt werde ich von andereren Kunden argwöhnisch beäugt, ich bin der Außenseiter der statt zur Plastiktüte für Obst und Gemüse seine eigenen Beutel mitbringt. Eine Kundin fragt mich, wo man diese Beutel denn bekommen kann, ich gebe ihr die Webadresse. An der Kasse gibt es kaum Probleme, außer bei den Supermärkten in denen man seine Artikel selbst wiegen muss, denn das Klebeetikett der Waage haftet kaum auf dem Netz und man muss immer gut aufpassen, dass man es nicht auf dem Weg bis zur Kasse verliert. Irgendwelche Kommentare gibt es nicht, wobei einige Kunden mich dann schon darauf hinweisen, dass ich ja jetzt mehr bezahle weil der Beutel wiegt ja auch was. Was mir aber recht egal ist, die paar Cent mehr werden mich nicht an den Bettelstab bringen.

Heute ist die Landschaft eine gänzlich andere. Viele Supermärkte in denen ich einkaufe haben mittlerweile ihre eigenen Stoffbeutel im Angebot und bei Real muss ich jetzt beim Abwiegen erst mal wählen, ob ich die herkömmliche Plastiktüte nutze oder einen Beutel der ja mehr Leergewicht hat. Das ist so typisch deutsch dass es schon fast weh tut.

Aldi verschärft den Kampf gegen den Plastikbeutel nun mit der 1-Cent-Abgabe. Das ist sicher nicht verkehrt, aber typisch deutsch fängt Aldi sich eben damit auch einen Shitstorm ein, denn was sie hier betreiben ist Nudging mit einer „negativen Feedback-Loop“. Nudging will ja mit kleinen Impulsen die Leute zu einem gewünschten Verhalten hin bewegen. Beispiele:

  • Im Nachbarort gibt es eine Tempo-30-Zone mit Radartafel die anzeigt wie schnell man tatsächlich unterwegs ist. Wer bis maximal 30 km/h fährt sieht einen grünen lächelnden Smiley, wer schneller ist einen roten zornigen Smiley. Manchen ist der Smiley sicher egal (wenn sie ihn denn wahrnehmen), aber manche fahren eben bewusst langsam um das Lächeln zu sehen.
  • In der Firma haben wir einen Kaffeeautomaten der erkennt wenn man seine eigene Tasse in den Ausgabeschacht stellt. Dann kommt kein Plastikbecher heraus und man spart 10 Cent beim Kaffeepreis.

Aldi geht nun den Weg des negativen Feedbacks, bestraft also „unerwünschtes Verhalten“. Natürlich ist das eigentlich der sprichwörtliche Sturm im Wasserglas und wird sich wieder legen. Der eigentliche Impus ist ja, erziehe die Leute dazu wiederverwendbare Beutel zu nutzen. Trotzdem hätte Aldi es auch ganz einfach positiv formuliern können: Wenn ihr für Euer Obst und Gemüse die wiederverwendbaren Beutel mitbringt, dann ziehen wir an der Kasse einfach 5 Cent ab damit wir nicht (typisch deutsch) unsere Waage für jeden Beutelhersteller neu eichen müssen. Das wäre vom „Gefühl“ her eine echte Win-Win-Situation gewesen, Kunden würden wahrscheinlich ihre eigenen Beutel mitbringen und sich freuen, dass sie dafür sogar noch mit einem kleinen Rabatt belohnt werden.

Ob dieser Rabatt vorab eingepreist wird ist dabei ja erst mal unerheblich, denn natürlich zahlt Aldi auch einen Preis für die Plastikbeutel die bisher „gratis“ waren und das schlägt man halt auch irgendwo auf den Produktpreis auf. Aber jetzt sieht der Kunde den Mehrpreis für die Plastiktüte und fühlt sich unter Umständen „abgezockt“, wobei 1 Cent für so einen Beutel durchaus ein realistischer Preis ist, womöglich müssten wir den sogar deutlich höher ansetzen wenn wir die Umweltbelastung durch zuviel Plastik realistisch mit einkalkulieren würden.

Und eines hat Aldi mit der Aktion auf jeden Fall erreicht: Die Leute diskutieren und denken (hoffentlich) darüber nach, wie man die Flut an Einmal-Plastikverpackungen eindämmen kann.

 

1 Kommentar

  1. Carsten Kettner

    12/06/2019 @ 06:41

    So begrüßenswert die Aktion von Aldi sein mag, aber die 1-Cent-Aktion ist für die Umwelt-Galerie, und hat keinerlei steuerenden Effekt. Mag sein, dass Aldi damit nun in aller Munde ist. Als Werbegag mag das funktionieren, nachhaltig im Sinne von Rohstoff-Einsparung und Müllvermeidung ist das allerdings nicht. Da hat das Plastiktüten-Moratorium der EInzelhändler deutlich mehr gebracht.

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