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Telefongeschichten

Heute mal einen Rückblick auf ca. 40 Jahre persönlich erlebte Telekommunikations-geschichte, etwas was man auch irgendwie als „Early-Adaptors-Dilemma“ bezeichnen könnte.

 

Mein Telefonerstkontakt war ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Da waren wir die ersten in unserem Mietshaus die ein eigenen Telefon hatten, einen W611 Wählscheibenapparat wie ich später in meinem Leben lernte. Der Nebeneffekt damals war, dass die ganze Nachbarschaft vorbeikam um sich den Weg zur Telefonzelle zu sparen und abgerechnet wurde mit der Stoppuhr weil damals ja noch der Zeittakt zu 23 Pfennig pro Taktimpuls galt.
Im Rahmen meines Fachoberschulpraktikums durfte ich damals ein halbes Jahr im Fernmeldeamt Augsburg verbringen und lernte dort viel über das Innenleben der damaligen Telefone. Für den antiquierten W48 Wählscheibenapparat durfte ich sogar einen Kabelbaum binden.

Irgendwann später gab es dann das erste Tastentelefon was meinen damals schon recht betagten Eltern half weil man auch 20 Namenstasten hatte, genug um alle Leute die man öfter anruft mit ihrer Nummer abzuspeichern. Irgendwann in der Zeit habe ich dann auch eine analoge Auerswald-Telefonanlage gekauft um auch in meinem Zimmer Telefon zu haben. Hat deutlich besser funktioniert als der AWADoden es damals zum Umschalten der Telefonleitung gab. Und im Zimmer stand ein superschnelles Analogmodem mit 2400 bps mit dem man BTX und Compuserve machen konnte.

Irgendwann in den 90er-Jahren habe ich dann meine eigene Wohnung mit ISDN ausgerüstet. Ich weiß noch, wie mich die Telekomiker damals übers Wochenende abgeklemmt haben, das analoge Netz wurde Freitag vormittag abgeklemmt und ISDN gab es erst ab Montag. Mit ISDN wurde dann auch ein Rechner als ISDN-Dial-In-Router eingerichtet und damit hatte ich immerhin schon sagenhafte 64kbps. Für Dienste wie Usenet lief daheim ein eigener Leafnode. Und an der Wand hing eine Eumex 209 damit ich in verschiedenen Räumen Analoganschluß hatte. 
Natürlich gönnte ich mir auch ein ISDN-Telefon, zuerst ein Eumex 11 das aber nicht so der Brüller war und dann ein Ascom Eurit 40. Das war damals sozusagen das Sahnehäubchen für jeden der ISDN machte.
Mit dem Hauskauf 2010 wurde die Hütte neu verkabelt und jedes Zimmer erhielt eine analoge Telefonstrippe, Wohnzimmer und Arbeitszimmer erhielten ISDN und zudem gab es zwei LAN-Steckdosen in jedem Raum. Die ISDN-Anlage wurde eine Eumex 520 und alles funktionierte relativ gut. Der Router-PC stand im Arbeitszimmer auf dem Schrank und rödelte vor sich hin.

Dann kam das DSL-Zeitalter. Ich bekam damals noch ein Teledat DSL-Modem, den  Router durfte ich selbst besorgen, es war ein Netgear Router. Damit konnte man dann schon superschnell surfen und das Telefon ging weiter wie bisher über ISDN.
Vertragsänderungen gab es in dieser Zeit ein paar, jede gepaart mit dem Zusenden eines neuen Routers was letztlich dann dazu führte, dass sich die nicht verwendeten Router in meinem Keller stapelten.

Irgendwann kam dann der VoIP-Hype. Die Telekom bot günstige VoIP-Flatrates an und man bekam parallel zum Vertragswechsel auch gleich eine Eumex mit VoIP „geschenkt“. Ich habe meinen „Netzwerkschrank“ damals mit einer Fritzbox 7050 erweitert, die hatte erstmals einen internen S0-Bus und somit die Hoffnung, vom ISDN-Phone aus die analogen Nebenstellen (leider nur drei) anrufen zu können. Darum lief die Eumex weiter, wenn auch nur als überdimensionierter a/b-Wandler für das damals noch  vorhandene Fax bzw. Faxmodem. 

Das Fax ging irgendwann kaputt, aber hey, Faxen tut man ja kaum noch und wenn dann geht’s notfalls auch über Scanner und Faxmodem. Das VoIP-Paket der Telekom wurde dann auch nach einiger Zeit wieder gekündigt und die Internet-Telefonnummer gelöscht. Zum Glück habe ich damals auf die Fritzbox gesetzt, denn die läuft wenigstens als ISDN-Anlage bzw. Router weiter, die VoIP-Eumex hätte ich damals verschrotten können.

Mittlerweile kommt die Fritzbox aber wohl ins Rentenalter. In der letzten Zeit häuft es sich, dass Telefonate plötzlich unterbrochen sind bzw. die Internet-Verbindung nach einem Telefonnat plötzlich tot ist. Guckt man dann in die Logs der Fritzbox, dann sieht man, das DSL einen PPPoE-Fehler meldet und alle Log-Einträge gerade mal maximal ein paar  Minuten alt sind, so als wäre der Strom weg gewesen und die Box ist neu gestartet. Auch das Ascom Eurit 40 welches auch am internen S0-Bus hängt und von diesem gespeist werden muss wollte plötzlich nicht mehr funktionieren.

Das nervt mittlerweile maximal. Meine Frau hat schon einen Reflex gelernt ins Telefon zu rufen „bist Du noch da“ wenn die andere Seite mal kurz schweigt. Alles kein Spaß, auch Downloads leiden unter den Verbindungszusammenbrüchen. 

Reparieren dürfte bei der Box wohl kaum rentabel sein, und wenn man guckt, was der Markt heute hergibt, dann ist da nichts mehr da mit ISDN- und Router-Integration, außer man legt sehr viele Euros auf den Tisch. Für mich bedeutet das wohl, dass ich nun einen „Rückbau“ vornehmen werde. Die alte Eumex-521 wird wieder die Telefonanlage für die analogen Telefone werden. Die Haus-ISDN-Telefone kommen wieder direkt an den NTBA (ohne internen S0) und die Fritzbox darf noch ein wenig als WLAN-Router agieren. Aber über kurz oder lang wird sie wohl durch einen billigen WLAN-Router ersetzt  werden. Damit sind dann unsere kommunkationstechnischen Probleme gelöst.
Der Preis dafür ist natürlich, dass wir keine Telefonate mehr von den ISDN-Apparaten auf die analogen Apparate vermitteln können, aber ok, das haben wir eh maximal ein mal im Jahr benötigt und dann nicht gewusst, welche Nummer der analoge Apparat hat. Was mehr weh tut ist der Wegfall des Least-Cost-Routers, jetzt heißt es wieder Tabellen gucken und eine Anbietervorwahl manuell wählen. Aber auch damit kann ich leben, für die meisten Ziele haben wir eine Flatrate.

Und aus dieser langfristigen Rückschau lernt man, dass nicht jeder Hype (wie z.B.VoIP) langfristig Bestand hat. Klar, ich kann mich natürlich bei SIPgate und Co. registrieren, aber mit dem absehbaren Ende der Fritzbox ist das auch sinnlos. 
Nachdem ich heute den Rückbau vorgenommen habe und der Haus-SO-Bus wieder vom NTBA gespeist wird statt von der Fritzbox hat auch unser Eurit 40 Telefon sofort wieder funktioniert. Ich scheine also mit meiner Vermutung, dass die Probleme von der Fritzbox her kommen richtig zu liegen.
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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.