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Der Krieg hat Europa erreicht

Als ich gestern abend heimkam und ins Bett ging wollte ich nur kurz meine Timeline bei Twitter checken. Was dann folgte war der Horror schlechthin. Unter dem Hashtag #Paris oder #ParisAttacks konnte man mitverfolgen, wie der Terror über die Stadt an der Seine hereinbrach. Um halb eins ging ich dann schlafen, es war ein Schlaf voller Alpträume, wissend dass am Morgen die Nachrichtenlage nicht besser sein wird, sondern nur der Death-Toll gestiegen sein wird. Und auch heute hat mich diieser Terroranschlag den ganzen Tag im Gedanken beschäftigt. Gedanken, die ich mir jetzt mal von der Seele schreiben muss, es könnte lang werden und vielleicht auch ein wenig wirr, denn der Schock über die Ereignisse sitzt tief.

Besonders erschreckend fand ich gestern abend noch die Tendenz mancher Demagogen die schon anfingen die Ereignisse für ihre eigene Ideologie auszuschlachten während in Paris noch geschossen wurde. Und die unterschwellige Unterstellung, dass wir uns mit den Flüchtlingen auch die Terroristen nach Europa geholt haben. Hier kann ich allerdings nur Sahra Wagenknecht von der Linksfraktion recht geben die anmerkte, dass Terroristen wohl kaum mit Flüchtlingsbooten nach Europa kämen.

Das was in Paris gestern und vorher in Beirut passiert ist zeigt ebenso wie der Bombenanschlag auf den russischen Ferienflieger über Sinai sehr deutlich, dass der IS den Terror weitaus besser orchestrieren kann als nur Andersdenkenden die Köpfe abzuschneiden. Das was in Paris passierte war oiffensichtlich minutiös geplant und vorbereitet. Das wirft natürlich sofort die Frage auf, wer sind die Hintermänner des Anschlages und was versprechhen sich diese Drahtzieher von einem solchen Anschlag? Ich nehme mal an, dass der IS wohl nicht hofft, irgendwann von der internationalen Staatengemeinschaft als „Islamischer Staat“ anerkannt zu werden.

Das Erschreckende und Unverständliche an diesem Terrorakt ist die Brutalität mit der vorgeganen wurde und eben auch, dass der Tod der Terroristen von vorneherein geplant war, was die Sprengstoffgürtel bei den Terroristen im Konzertsaal belegen. Was ist da verkehrt in den Gehirnen dieser jungen Leute? Wie bescheuert muß man sein um sich diesem Terrorverein anzuschlie0en und anschließend verheizen zu lassen? Was ist das für ein Leben wenn das finale Lebensziel offensichtlich darin besteht, möglichst viele „Ungläubige“ ins Jenseits zu befördern um dann selbst zu sterben? Welche Gehirnwäsche hat man angewendet um bei den Terroristen den Selbsterhaltungstrieb auzuschalten?

Auf jeden Fall ist klar, dass die Attentäter in der Strategie der Drahtzieher nicht mehr sind als ein Bauernopfer auf ihrem Schachbrett. Ja, der Kopfabschneider beim IS auf den unteren Hierachierängen ist nichts anderes als Kanonenfutter. Klar, man kann sich unheimlich mächtig vorkommen wenn man wehrlose Leute umbringt, aber ganz offen, das ist keine Heldentat. Und man muss auch nicht viel in die Ausbildung solcher Terror-Soldaten investieren, denn wie man ein AK47 bedient kann man in relativ kurzer Zeit lernen und um Tod und Schrecken zu verbreiten reicht es aus, damit einfach in die ungefähre Richtung der Opfer zu zielen, den schrecklichen Rest erledigt das Ding dann schon selbst. Und am Ende ist man dann eh tot, entweder vom eigenen Sprengstoffgürtel zerfetzt oder von der Polizei erschossen. Ob da dann im Dschihadisten-Himmel tatsächlich die versprochenen Jungfrauen warten ist allerdings sehr zweifelhaft.

Und ich wage auch die Behauptung, dass die Führer des IS wohl kaum selbst bei solchen Aktionen ihr Leben wegwerfen werden. Wozu auch wenn es genügend Dummköpfe gibt die sich um so etwas zu reißen scheinen. Da ist es natürlich relativ einfach, seine Schreckensherrschaft zu festigen.

Wie nun die Reaktionen auf diesen Terroranschlag zeigen werden die Opfer von den Demagogen hier ebenso instrumentalisiert.  Rechte Idioten werden sich nun in ihren bescheuerten Thesen bestätigt fühlen und der Nazi-Mob aus braunen Hohlbirnen wird gar nicht merken, dass sie auch nur die Bauern in der Aufstellung ihrer faschistischen Einflüsterer darstellen. Nicht gerade universell einsetzbar, aber ausreichend um ein wenig Angst zu verbreiten.

Ganz schlimm finde in diesem Zusammenhang, wenn dann wieder die üblichen politischen Beißreflexe von den üblichen Vedächtigen kommen die schon immer gegen Flüchtlinge waren und jetzt als Reaktion auf die Anschläge am liebsten die Grenzen komplett dicht machen würden und die Bürgerrechte maximal einschränken möchten.

Paris hat aber eindücklich gezeigt, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt. Ersten Informationen zufolge soll einer der Attentäter ein Franzose gewesesen sein, der vom französischem Geheimdienst überwacht wurde. Und was hat es genützt? Rein gar nichts. Es ist offensichtlich, dass wir Terroranschläge wie diesen nicht verhindern können, außer vielleicht wir sperren alle Menschen in eine Einzelzelle und lassen sie nicht mehr raus.

Die Fragen die wir uns aber heute stellen müssen sind unter anderem, warum der IS eigentlich noch existiert. Immerhin wird er unseren Nachrichtenmedien ja seit Jahren intensiv bekämpft, immer wieder liest man von Luftangriffen gegen IS-Stellungen, aber es reicht offensichtlich nicht, die Terroristen zu eliminieren. Ok, man kann sagen wenn Paris die „Rache“ für die französischen Angriffe auf den IS waren, dann scheinen die dem IS doch so weh zu tun, dass sie den Krieg nun nach Europa tragen. Was uns zur anderen Frage bringt: Wer finanziert den IS? Wer unterstützt den IS oder lässt ihn gewähren. Freeman vom „Alles Schall und Rauch-Blog“ (das man durchaus als Verschwörungstheoriesammlung einordnen könnte) hat z.B. diese Woche berichtet, dass ein IS Konvoi am hellichten Tag auf der Autobahn unterwegs war und am Himmel war ein Heilikopter der Amis zu sehen der sozusagen zu- bzw. wegschaute.

Besonders krass fand ich heute unter anderem auch die Nachrichtenmeldung, dass auch Saudi Arabien die Anschläge verurteilt. Saudi Arabien? Das sind doch diejenigen, denen man nachsagt, sie würden den IS finanzieren weil er sozusagen ihr krudes „Rechtssystem“ über die arabische Welt verteilt.

Ich würde mal tippen, wenn man die alte Kriminalistenweisheit „Follow the money“ anwendet könnte man durchaus rausfinden, wer den IS-Terror finanziert und diese Geldströme kappen. Aber vielleicht will man das gar nicht weil das ja von „Verbündeten“ oder „Freunden“ gemacht wird. Und auch die Äußerungen von Erdogan scheinen wie Krokodilstränen wenn  man sich erinnert, dass beim Kampf um Kobane immer wieder erwähnt wurde, dass die türkisch-syrische Grenze für IS anscheinend durchlässig ist, nicht aber für die Kurden die gegen den IS kämpfen sollten.

Es sind schmerzhafte Fragen an einem Tag des Schmerzes und der Trauer. Und doch sind es Fragen die eine Antwort brauchen. Eine ehrliche Antwort, ohne politisches Kalkül. Das wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht passieren.

Wichtig ist auf jeden Fall, jetzt nicht die Anschläge den Flüchtlingen anzulasten. Die Flüchtlinge fliehen ja genau vor dieser Gewalt. Und wir können nach gestern abend vielleicht erahnen, wie es sich anfühlen muss wenn man diese Art von Terror jeden Tag in seiner Stadt hat.

Und wir dürfen uns trotz der Grausamkeit der Anschläge nicht einschüchtern lassen. Ich war heute mit meinem Sohn in München, denn er wollte mal wieder Straßenbahn fahren. Und unterschwellig fuhr irgendwie die Angst mit, München ist ja groß genug um auch ein potentielles Anschlagsziel zu sein. Aber wenn wir uns von dieser Angst leiten lassen und auf Dinge verzichten die in anderen Zeiten völlig normal wären, dann haben die Terroristen gewonnen. Das darf nicht passieren.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

1 Kommentar

  1. Carsten Kettner

    16/11/2015 @ 07:28

    Schöne und ergreifende Gedanken, denen ich mich voll und ganz anschliessen möchte. Ich möchte jedoch auch noch zwei Gedankenfetzen zu den Fragen, wer unterstützt den IS und warum ist der IS so stark?
    In Phoenix lief am Samstag Abend eine hervorragende Dokumentation rund um die Hintergründe von IS und Konsorten. Unter anderem wurde auch ein deutscher (mit tunesischen Wurzeln) IS-Heimkehrer in Haft interviewt, dessen Botschaft ganz klar ist: wer zum IS geht ist tot oder tot. Die Beweggründe jedoch, wieso er sich dem IS angeschlossen sind, waren etwas wirr. Das Entscheidende jedoch war jedoch als ich die Bilder der IS-Kämpfer und deren Ausrüstung sah, woher bekommen die ihre Waffen? Die Antwort wurde im nächsten Beitrag gegeben: Über die Türkei bekommt der IS seinen Nachschub, mit direkert und indirekter Unterstützung der türkischen Regierung, die den IS dazu benutzt, gegen die Kurden zu kämpfen. Mit großem Unbhagen sieht die Türkei daher gerade auch, dass die Kurden langsam wieder die Oberhand bekommen und ein großes zusammenhängendes Gebiet entlang der türkischen Grenze etablieren. Und genau dieser Türkei kricht AM gerade in den Hintern, um mit voraussichtlich viel Geld die Flüchtlingsfrage vor Ort zu klären…
    Der IS ist auch deswegen so stark, weil Luftangriffe nicht viel ausrichten. Ich frage mich, wie ernst es „dem Westen“ ist, tatsächlich den IS auszurotten – kann eigentlich nicht sonderlich ernst sein, denn ansonsten wäre die Frage nach Bodentruppen längst beantwortet. Die Kurden sollen die Kastanien aus dem Feuer holen? Das große Vakuum, das die Amerikaner im Irak hinterlassen haben, füllt der IS doch mit Engagement aus, und dasselbe gilt für den Rest Syriens. Die Politik des Westens verstehe ich nicht. Ich verstehe auch nicht, was der Westen wirklich will. In der heimischen Hängematte mit Salzstangen und Bier und wohlmeinenden Worten das Treiben im Nahen Osten begleiten? Es sieht so aus.