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Die Ausnahme-Nation

Gestern abend habe ich ja bereits den Brief von Russlands Präsident Putin an das amerikanische Volk verlinkt der in der New York Times veröffentlicht wurde. Auch wenn ich Putin nicht wirklich für einen lupenreinen Demokraten halte, so fand ich folgenden Satz doch sehr weise und bemerkenswert.

It is extremely dangerous to encourage people to see themselves as exceptional, whatever the motivation.

Heute hat sich genau auf diese Aussage hin ein Kommentator in der Zeit (möglicherweise wegen Leistungsschutzrecht nicht erreichbar) darauf bezogen und versucht uns zu erklären, warum die USA durchaus „exceptional“ sei.

Der Mann heißt Eric T. Hansen und sein Bild entspricht dem Klischee des Yankee. Doch man soll ja Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen, sondern nach ihren Aussagen. Also schaue ich mal, was Mister Hansen zu erklären hat.

Er beschreibt sehr schön, dass die USA ein Einwanderer-Staat war dessen Bevölkerung aus europäischen Emmigranten gebildet wurde welche Probleme hatten weil die Gesetze in Europa sie „zu Untertanen, Bauern, Leibeigenen und Ketzern machten“. Eine schöne Definition, wäre man weniger positiv könnte man auch sagen „ein Haufen Kriminelle die woanders einen Neuanfang suchten.“

Und schon im nächsten Absatz weist er darauf hin, dass dieser „exceptionalism“ heute die USA als „führende Nation der westlichen Welt“ hervorhebt. An dieser Stelle traue ich fast darauf zu Wetten, das Putin, hätte er ein wenig mehr provozieren wollen, in seinem Satz statt „exceptional“ auch die Vokabel „superior“ genutzt hätte.

Nun weist der Autor darauf hin, wass die USA ja eine „rote Linie“ was den Einsatz von Chemiewaffen betrifft markiert hat während andere Nationen das nicht haben. Das alles weil sich Amerika verantwortlich fühle:

Kein Staat spürt eine ähnliche Verantwortung für die internationale Gemeinschaft wie Amerika.

Wenn wir uns die Trümmerlandschaft ansehen welche die Verantwortung der USA weltweit hinterlassen haben, dann erscheint einem dieser Satz wie blanker Hohn. Aber es kommt noch dicker. Hansen schreibt, dass die USA mehr als 40 Jahre Europa vor der Sowjetunion beschützt hätte.

Sorry, aber da muss ich mal heftig lachen. Ja, der „kalte Krieg“ war toll, da hatte man noch eindeutige Feinbilder welche man den Kindern von früh an einimpfen konnte. Bei uns waren das die „bösen Russen“. Ich kann mich noch gut an den mehrtägigen Selbsschutz-Unterricht in der Schule erinnern bei dem man uns eingebleut hat, im Falle eines Atomschlages einfach in den nächsten Straßengraben zu springen und die Schultasche über den Kopf zu halten.

Ich hatte damals einen Traum, Herr Hansen, vielleicht nicht so toll wie der den Martin Luther King ein paar Jahre vorher hatte, aber für mich durchaus schicksalhaft.

Damals träumte ich dass ich verliebt war, kein ungewöhnlicher Traum für einen pubertierenden Jungen. Das Dilemma in meinem Traum war aber, dass meine Traumliebe in den ostdeutschen Plattenbauten wohnte und daher wie in einem bizarren Remake von „Romeo & Julia“ als Feind galt. Ein Konflikt der mich damals auch Tage nach dem Traum beschäftigte und den ich dadurch auflöste indem ich mich bewusst gegen diese eingeredeten Feindbilder stellte. Was letztlich auch dazu führte dass ich nach dem Studium den Wehrdienst verweigerte.

Irgendwann kam dann auch Gorbatschow zu der Einsicht, dass ein ständiges Wettrennen nur Geld kostet und beendete diesen Irrsinn, auch mit der Konsequenz dass die ehemalige Sowjetunion in Einzelrepubliken zerfiel.

Und der Westen von unter der Führung der USA nahm an, der Zerfall des Ostblocks wäre ein Beweis für die Überlegenheit des Kapitalismus. Wie sehr diese Einschätzung daneben liegt sollte mittlerweile jeder gemerkt haben, immerhin tobt seit 5 Jahren eine globale Finanzkrise welche wohl auch der vermeintlichen Vorrangstellung von einigen Finanzmarkt-Jongleuren geschuldet ist.

Als Deutscher Weiss ich aus den vielen lieber totgeschwiegen Erfahrungen unsere eigenen Geschichte wie katastrophal es endet wenn man sich als Nation für etwas Besseres hält. 50 Millionen Tote des zweiten Weltkriegs sprechen hier eine deutliche Warnung aus.

Die USA schickt sich gerade an, diese Fehler zu wiederholen. Aber gerade wenn es um Entscheidungen von globaler Tragweite geht ist ein bewaffneter Konflikt die falsche Lösung und ein Mahnmal für das Scheitern der Diplomatie.

Das, was die USA tatsächlich von anderen Nationen unterscheidet ist diese Cowboy-Mentalität dass man Konflikte nur mit Waffen lösen kann. Und natürlich das weltweite Vorhandensein von Militärbasen, Atomwaffen und der Präzedenzfall des Atomwaffeneinsatzes in Hiroshima und Nagasaki. Also nichts worauf man besonders stolz sein kann.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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