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Maschinelle Medienkompetenz

Das Internet ist voller Gefahren und leichtgläubige Menschen fallen gerne mal auf irgendwelche Gerüchte rein die im Internet verbreitet werden. Um dagegen gewappnet zu sein hilft eigentlich nur eines: Medienkompetenz. Und zwar eine Medienkompetenz welche kritsch hinterfragen tut, was da im Internet steht, eventuell nach alternativen Quellen sucht und vor allem auch über ein Bildungsniveau verfügt welches verhindert, dass man jede Geschichte glaubt. Die EU hat wohl eingesehen, dass dank verkorkster Bildungspolitik das ein Wunschtraum ist und will nun die Medienkompetenz maschinell emulieren. Meine fleißigste Kommentatorin Anita hat mir dazu diesen Link zu heute.de vom ZDF geschickt (der aber dank des Leistungsschutzrecht-Plugins erst mal geblockt ist).

Das Projekt heißt Pheme was auf Deutsch soviel wie Häme bedeutet. Ja, eine gewisse Häme kann man schon empfinden wenn man sich an die Geschichte des Bombenanschlags von Bluewater in Kalifornien erinnert, der angeblich am 10. September 2009 stattgefunden hat und der es blitzschnell in alle Nachrichten-Ticker geschafft hat, eben weil die Leute, die diese Falschmeldung platziert hatten auch gleich eine falsche Polizei-Telefonnummer angegeben haben wo ein Eingeweihter saß der dann Anrufe zum Bombenanschlag auch entsprechend beantwortete.

Also, wenn sogar unser Qualitätsjournalismus vor solchen Fakes nicht gefeit ist, dann wäre doch eine Medienkompetenz-Prothese als Ersatz für gesunden Menchenverstand oder die Lust zum gründlichen Recherchieren (was ja beim Run auf „ich hatte die Meldung als erster“ eh nicht stattfindet) eine tolle Lösung. Die heute.de Webseite weiß dann auch zu berichten:

„In spätestens drei Jahren soll die Software fertig sein und sowohl Informationen als auch Informationsgeber, wie Twitter-Nutzer oder Blogger, analysieren und bewerten. Geht es nach der EU, dann soll die Software Internetbeiträge selbstständig in vier Klassen einteilen: Spekulationen, umstrittene Informationen, falsche Informationen und bewusste Fehlinformationen.“

Und, ist es Euch auch aufgefallen? Man will alle öffentlich verfügbaren Informationen analysieren und bewerten und dann in irgendwelche Schubladen einsortieren. Dumm nur, dass die Schublade „Tatsache“ bzw. „Wahrheit“ nicht vorgesehen ist.

Dieser Ansatz sagt also erst mal nichts anderes aus, als dass jeder Social-Network-Nutzer und jeder Blogger zum fahrlässigen bzw. vorsätzlichen Lügner definiert wird. Bin ich der einzige den das maximal sauer aufstößt? Soll hier eine Diffamierungskampagne gegen die alternative Berichterstattung im Internet gestartet werden? Der Projektleiter versucht zu entkräften:

“Falsche bzw. unwahre Informationen sollen weder gelöscht noch blockiert werden. Es gibt daher eigentlich auch keine ‘betroffenen’ Benutzer, da keinerlei Eingriff stattfindet und wir ausschließlich öffentliche und daher auch datenschutzrechtlich unbedenkliche Inhalte wie Twitter-Postings verarbeiten.”

Aber hallo, wenn das Projekt massiv (Big Data) über die Informationsgeber, also Blogger, Twitterer und ihre Verbindungen innerhalb der sozialen Netze sammelt um sozusagen ein Vertrauenswürdigkeitsprofil des Informationsgebers zu erstellen, dann ist das sehr wohl datenschutzrechtlich höchst relevant. Denn was da läuft könnte man auch sehr abstrakt als „Rasterfahndung 2.0“ bezeichnen.

Und ja, es soll nicht gelöscht oder blockiert werden. Aber ein Mechanismus welcher angeblich „wahr“ und „falsch“ oder auch „gut“ und „böse“ zu unterscheiden weiß wird Begehrlichkeiten wecken. Und ich wette, dass eher früher als später wieder irgendwer von der Zensur- und Überwachungsmafia aus seinem Loch gekrochen kommt und fordert, dass Provider per Default Inhalte blockieren welche vom Wahrheitsministerium (denn nichts anderes bastelt man hier) als fehlerhaft identifiziert wurden. Das geschieht natürlich nur zu unserem Besten, im schlimmsten Fall zieht man halt wieder die Jugendschutz-Karte und weist darauf hin, dass man die Kinder ja vor solchen Fehlinformationen schützen muss weil sie sonst auf falsche Gedanken kommen.

Und wenn ihr jetzt das ganze als Verschwörungstheorie abtun wollt, dann solltet ihr mal diesen Artikel über einen Gesetzentwurf lesen der in Italien gemacht wurde und nach dem sich Blogger als journalistische Unternehmer zu registrieren hätten. Eben damit man sie besser kontrollieren kann.

Die Frage ist, ob den Leuten die am Pheme-Projekt arbeiten überhaupt klar ist, wozu ihr Baby von einer sagen wir mal faschistischen Regierung mißbraucht werden könnte. Ich fürchte allerdings, dass das nicht der Fall ist und man in der Euphorie über die Möglichkeiten von Big Data eben Risiken und Nebenwirkungen nicht mehr wahrnimmt.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

1 Kommentar

  1. Es erscheint, als man in der EU erst verifizieren möchte (Sarkasmus), und danach erst über eine Sperrung nachdenkt (und ja, das war mein erster Gedanke, frei nach dem Motto „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern) und nicht wie in der Türkei angedacht, soviel wie möglich komplett abzuschalten.

    Macht die Sache NICHT besser.

    Und das Ganze schön unbemerkt, damit sich nicht schon im Vorfeld hier eine Meinung gebildet werden kann. Und evtl. Gegenmaßnahmen ergriffen werden können.