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Der nächste Schritt in die falsche Richtung

Maja Tiegs hat einen Blogartikel zu einem Vorschlag geschrieben der durchaus beachtenswert ist. Es geht um den Vorschlag, dass künftig Polizisten öfter mal ihre Dienstwaffe ziehen sollen, um mit der „offensiven Waffenhaltung“ zu demonstieren, dass sie bereit sind, sich zu verteidigen. Maja ist entsetzt und das wohl auch zu recht, allerdings hat sie wohl die Gnade der späten Geburt erfahren.

Ältere Semester (so wie ich) werden sich noch an die Zeiten des RAF-Terrors in Deutschland erinnern, da war es durchaus üblich, dass bei Verkehrskontrollen der eine Polizist kontrollierte während der andere Polizist mit schußbereiter Maschinenpistole die Kontrolle absicherte. Damals wurde wohl das Risiko der Polizisten als relativ hoch eingeschätzt weswegen man zu solchen Abschreckungsmaßnahmen griff.

Das übelste was ich in diese Hinsicht im Ausland erlebt habe war um 1995 in Durban in Südafrika. Da verteilte die Polizei an der Hafenpromenade Strafzettel für Falschparker, keine ungewähnliche Tätigkeit. Ungewöhnlich war alledings, dass sie zu zweit unterwegs waren, schußsichere Westen umgeschnallt hatten und die Maschinenpistole umgehängt hatten. Also genau die Ausrüstung die man sich bei kommunalen Parküberwachern vorstellt. Damals war es aber dort so, dass vielfach sogar Polizeistationen überfallen wurden um an die Waffen zu kommen.

Die Bereitschaft der Polizei zum „offensiven Waffentragen“ hängt also offensichtlich mit dem Risiko zusammen, an Gewalttäter zu geraten. Hier in Augsburg ist der letzte Mord an einem Polizisten noch nicht so lange her, die Frage ist jedoch, ob dieser durch „offensive Waffenhaltung“ zu verhindern gewesen wäre.

Denn auf der anderen Seite besteht natürlich die Gefahr, dass sich bei unklarer Lage ein Schuß löst und Schaden anrichtet, der durchaus vermeidbar wäre. Vor allem wenn es um die Schießausbildung der Polizisten schlecht bestellt ist. Polizisten dürfen eine schußbereite Waffe mit sich führen und diese auch zum Selbstschutz nutzen, als Sportschütze darf ich Waffen zwar transportieren, aber ausschließlich entladen und die Munition muss in einem seperaten Behälter transportiert werden, eben um im Eskalationsfall nicht sofort eine schußbereite Waffe in Griffnähe zu haben.

Die andere Seite der Medaille ist natürlich, wie sich der kontrollierte Bürger fühlt wenn er bei einer Fahrzeugkontrolle mit gezogener Waffe überprüft wird. Da fühlt man sich dann doch wie in Amerika wo das wohl schon an der Tagesordung ist und wo jedes Jahr mehr als 400 Menschen von der Polizei erschossen werden.

Zusammen mit dem Rückzug der Polizei aus den Stadtteilrevieren und der Zentralisierung in den Städten ist das wahrlich keine „vertrauensbildende Maßnahme“. Es ist eher ein weiterer Schritt in Richtung Polizeistaat.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.