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Lieber gläsern als tot?

Es war so sicher wie das Amen in der Kirche. Nach dem Attentat von Paris schreien alle Faschisten in der Politik nach der totalen Überwachung. Cameron macht den Anfang, Obama wettert auch gegen die Verschlüsselung und nun fordert auch der deutsche Innenminister DeMaiziere praktisch ein Verbot der Verschlüsselung. Flankiert wird dieser eklatante Angriff auf unsere elementaren Grundrechte vom EU-Rat der zwar nicht die Verschlüsselung als solches verbieten will, aber dafür jeden zur Herausgabe des Schlüssels zwingen will. Und als wäre das nicht schon genug stimmen etliche Vollpfosten in den Gesang mit ein und sind „lieber gläsern als tot„.

Und diese Dummheit ist nicht nur auf unsere Bildzeitungslesende Unterschicht beschränkt, gerade heute habe ich z.B. folgende Kommentar in einem internationalen Forum gefunden: „I value my safety over my privacy any day“. Benjamin Franklin hat vor über 200 Jahren schon festgestellt:

People willing to trade their freedom for temporary security deserve neither and will lose both.

Die Totalaufgabe unserer Privatsphäre ist das was machtgeile Politiker gerne hätten, obwohl klar ist, dass es keine absolute Sicherheit davor gibt, bei einem „Terroranschlag“  getötet zu werden, außer vielleicht sich jetzt sofort auf der Stelle selbst umzubringen und somit den potentiellen Terroristen zuvor zu kommen. Wird aber kein vernünftiger Mensch machen wollen.

Geheime Kommunikation ist ein elementares Grundrecht und absolut niemand hat daran zu rütteln. Dass diese geheime Kommunikation auch benutzt wird um Vereinbarungen zu treffen die jemandem nicht gefallen ist eine Nebenwirkung die man eben aushalten muss.

Besonders nett ist ja diese griffige Phrase „Lieber gläsern als tot“. Als jemand der im Rahmen des kalten Krieges in der Schule noch das richtige Verhalten im Falle eine Atomschlages lernen durfte kann ich mich auch an die tolle Phrase von damals erinnern. „Lieber tot als rot„. Man wollte dem Bürger vermitteln, dass man eher bereit war, bis zur letzten Patrone zu kämpfen wenn der „böse Russe“ kommt als sich zu unterwerfen und „rot“ zu werden. Und jetzt wollen wir dem Durchschnittsbürger also verklickern, dass die beiden Alternativen also entweder „gläsern“ oder „tot“ sind.

Nun, die Geschichte hat uns gelehrt, dass der Russe dann doch nicht kam weil ihm das Kriegsspielen einfach zu teuer war und wir daher weder „rot“ wurden noch unser Leben beim heroischen Kampf der Ideologien lassen mussten.

Warum also sollte ich glauben, dass ich ein Opfer des Terrorismus werden würde wenn ich auf meiner Privatsphäre bestehe? Die Wahrscheinlichkeit ist deutlich höher, dass ich von irgend einem Besoffenen überfahren werde oder beim Kirschenpflücken im Sommer von der Leiter falle und daran sterbe.

Es wäre dringend an der Zeit, unseren Politikern deutlich, eventuell auch unter Anwendung von Artikel 20 Absatz 4 des Grungesetzes klar zu machen, dass Grundrechte keine beliebige Verhandlungsmasse sind die bei der kleinsten Turbulenz auf dem Altar der vermeintlichen Sicherheit geopfert werden. Verschlüsselte Kommunikation ist mal ganz abstrakt ja auch nichts anderes als wenn die NSA-Unterlagen für den Untersuchungsausschuß an den interessanten Stellen geschwärzt sind, und damit hat unsere Politik ja offensichtlich keinerlei Probleme. Warum sollte sie also Probleme haben, wen der Bürger seine Privatsphäre behält?

Zumal ja eh klar ist, dass Berufsverbrecher und Terroristen sich von einem Verschlüsselungsverbot oder dem Zwang zur Schlüsselherausgabe bestimmt tief beeindruckt zeigen und das befolgen werden.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

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